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Jungfräulichkeit im Erwachsenenalter

Wir alle waren es einmal oder sind es vielleicht noch immer: sexuell unberührt. Doch wer auch mit Anfang zwanzig noch «Jungfrau» ist, muss sich mit vielen Vorurteilen herumschlagen.

Von Michèl Kessler

Wahrscheinlich erinnern sich die meisten, die bereits sexuelle Erfahrungen gesammelt haben, noch an ihr erstes Mal. Es herrscht in unserer Gesellschaft die Annahme, dass schon früh erste sexuelle Erfahrungen gesammelt werden müssen, um mitreden zu können. Nicht umsonst gilt Sex als «die schönste Nebensache der Welt». 

Doch wie sieht es aus, wenn man Anfang oder Mitte zwanzig noch nie Sex hatte? Steigt die sogenannte Torschlusspanik? Und wie wird man von der Gesellschaft wahrgenommen? In einem anonymen Gespräch mit einer jungen Frau, die noch nie Sex hatte, bekomme ich Antworten.

Annahmen und Vorurteile zur Jungfräulichkeit

«In meiner Familie wurde eigentlich nie offen über Sex gesprochen, das war eher ein Tabuthema», erzählt mir mein Gegenüber. Dies sei aber keineswegs der Grund, warum sie bis heute, mit 23, noch keinen Sex hatte. Sie räumt schnell die gängigen Vorurteile aus dem Weg:

«Nein, ich bin nicht streng religiös. Ich bin auch nicht prüde. Und dass mich keiner wollen würde, ist auch nicht der Fall», hält sie fest. Eigentlich sei sogar genau das Gegenteil der Fall; die junge Frau ist seit fast drei Jahren glücklich vergeben. 

Während ihre Freund:innen schon im Teenie-Alter die ersten sexuellen Erfahrungen sammelten, fokussierte sie sich lieber ganz auf sich selbst. Schule, Familie, Freund:innen und die eigene Entwicklung standen während dieser Lebensphase im Vordergrund. 

Als sie dann aber ihr 18. Lebensjahr erreichte, und damit auch mehr Unabhängigkeit geniessen konnte, veränderte sich etwas. Während das eigene Umfeld bisher vor allem von peinlichen, unangenehmen, wenn nicht sogar negativen Erfahrungen aus dem Sexleben berichtet hatte, wurden die Erzählungen mit der Zeit immer positiver. Die Freund:innen der jungen Frau entdeckten die eigene Sexualität, probierten sich aus und teilten ihre Geschichten gerne in intimen Gesprächen. Mit dieser Veränderung wurde auch ein gewisser Druck, gepaart mit einer gesellschaftlichen Erwartungshaltung, spürbar. «Ich war schon immer ein Spätzünder. Da habe ich mich schon ab und zu gefragt, ob mit mir alles richtig ist», erzählt sie.

Dieser Druck kam aber keinesfalls aus ihrem eigenen Umfeld. Ihre Freund:innen hatten alle Verständnis für sie, der Reiz war aber trotzdem da. Mit einem sexuellen Verlangen war dieser aber nicht gleichzusetzen und sie entschied sich bewusst dazu, sich nicht mit dem Nächstbesten zufrieden zu geben, sondern einfach mal abzuwarten. Während der Freund:innenkreis von wilden Geschichten schwärmte, machte sie sich fleissig Notizen im Kopf und merkte sich, was Freund:innen gut fanden und was Spass macht. «Wenn du etwas noch nie gemacht hast, dann vermisst du es aber auch nicht», erläutert sie im Gespräch.«Viele verstanden einfach nicht, dass ich eigentlich sehr offen war und auch gerne über Sex sprach, auch wenn ich selbst noch keine Erfahrungen machen wollte.»

Erwartungshaltung

Obschon sie vom eigenen Umfeld keinerlei Druck verspürte, nervte sich die junge Frau mit zunehmendem Alter über die konstante Annahme, dass jede Person über 20 bereits Sex gehabt haben müsse. In Gesprächen und auf Dates wurde davon ausgegangen, dass Sex dazugehören würde und man sich bis zu diesem Alter auch schon vollständig sexuell entfaltet hätte. Die Medien machten dies nicht besser; Sex ist in unserer Kultur so allgegenwärtig, dass es schwer ist, sich nicht zu diesem Thema zu äussern. Gleichzeitig gab es in ihrem Umfeld eine starke Diskrepanz; während die Familie davon ausging, dass Sex sowieso noch kein Thema sei, war bei Gleichaltrigen genau das Gegenteil der Fall. Diese gegensätzliche Erwartungshaltung macht ihr schon zu schaffen, gesteht sie.

Während die junge Frau trotzdem offen blieb und versuchte, sich die gesellschaftlichen Erwartungen nicht zu Herzen zu nehmen, veränderte sich abermals etwas, als sich langsam eine Beziehung zu ihrem jetzigen Freund entwickelte. Ich fragte sie, ob sie nicht Angst gehabt hätte, dass der bisherige Verzicht auf Sex zu Beziehungsproblemen führen könnte: «Natürlich! Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, vor allem am Anfang. Ich hatte auch Angst, dass er es sich von jemand anderem holen könnte. Diese Ängste waren aber immer nur in meinem Kopf – er hat mir nie das Gefühl gegeben, eine Entscheidung treffen zu müssen.» 

Sie entschieden gemeinsam, solange zu warten, bis es sich für beide richtig anfühlen würde.

«Schlussendlich sehen und wollen wir eine schöne gemeinsame Zukunft. Da kommt es auf diese paar Jahre nun auch nicht mehr darauf an.»

«Sex gehört zur Beziehung!»

Weiter erzählt mir mein Gegenüber im Gespräch, dass sie natürlich verstehen würde, dass Sex für viele Menschen sicher etwas unglaublich Wichtiges in der Beziehung sei, sie aber einfach noch warten wolle. Körperliche Nähe und eine intime Verbundenheit verspüren sie und ihr Freund aber auch, auch sexuelle Anziehung sei vorhanden. Lächelnd ergänzt sie, dass Vorfreude doch sowieso die schönste Freude sei.

Abschliessend will ich trotzdem noch wissen, wie sie sich denn diesen richtigen Zeitpunkt ausmalt. Eine klare Antwort kann sie mir nicht geben, allerdings betont sie, dass zunehmende Zweisamkeit sicher ein richtiger Schritt in diese Richtung sei. Momentan wohnen die beiden noch nicht zusammen, sondern bei den Eltern. Ein erstes gemeinsames Eigenreich würde vielleicht schon etwas ändern, sie will sich aber auch da nicht festlegen.

Dass sie nun mit dem sexuellen Akt warten würde, sei ihre individuelle Entscheidung. Ihren zukünftigen Kindern würde sie niemals vorgeben, dass diese das genauso machen müssten wie sie. Trotzdem sehe sie auch verschiedene Vorteile dieser Entscheidung. Während Freund:innen in ihrer Jugend negative Erfahrungen mit teilweise fast schon traumatischen Spätfolgen sammelten, konnte sie sich immer auf sich selbst konzentrieren. 

Im Rahmen dieses Artikels habe ich auch noch mit zwei weiteren Personen gesprochen, welche bis anhin noch keine sexuellen Erfahrungen gesammelt haben. Auch dabei ist mir klar geworden, wie individuell diese Thematik wahrgenommen wird und die Selbstsicherheit von meiner Interviewpartnerin keineswegs die Normalität widerspiegelt:

Mann, (25): «Ich bin ehrlich: Ich schäme mich dafür. Von meinen Freunden weiss fast niemand, dass ich noch Jungfrau bin. Ich habe auch Angst, einer potenziellen Sexualpartnerin von meinen fehlenden Erfahrungen zu beichten. Ich mache mir da schon recht Druck.»

Frau, (24): «Für mich hat es sich einfach auch noch nicht ergeben. Bei mir meinen immer alle, dass irgendetwas nicht stimmen würde oder ich asexuell sei. Chillt mal, ich will einfach nur warten, würde ich da manchmal am liebsten sagen!»

Versexte Neuzeit

Hätte ich dieses Gespräch vor 50 Jahren geführt, wäre die Thematik wahrscheinlich genau umgekehrt gewesen. Es ist gar nicht so lange her, da war Sex noch ein Tabuthema und das Ausleben der eigenen Sexualität vor der Ehe, vor allem bei Frauen, verpönt. Heute sieht das, zumindest bei uns, ein bisschen anders aus. Zum Glück – Doch das Thema Sexualität ist nach wie vor mit vielen Erwartungen, Annahmen und Druck verbunden. Wie auch meine Gesprächspartnerin betont hat, ist es wichtig, sich gegenseitig mit einer ordentlichen Portion Offenheit zu begegnen und die Grenzen des Gegenübers zu respektieren.

Hört auf euch selbst und lasst euch nicht unter Druck setzen; Your body, your choice!

13. März 2024

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