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Male Polish: Warum Nagellack an Männern nichts mit Sexualität zu tun hat

Babylonische Krieger und emanzipierte Papas zeigen uns, wie wir hinsichtlich Sexualitätskonstruktionen und Geschlechterrollen unglaublich viel lernen können.

Von Joshua Amissah

Gemütlich sitze ich im vierer Abteil im hinteren Teil des Zuges und überfliege ziellos ein schäbiges Boulevardmagazin. Mein rhythmisches Blättern der Seiten wird unterbrochen von einem kleinen Jungen, der sich in Gefolgschaft eines Herren gegenüber von mir hinsetzt. Ich merke sofort, wie der blonde Bub mich mit seinem Blick fixiert, und es fällt mir schwer mich auf die Schlagzeilen zu konzentrieren. «Papa, wieso hat der Mann so schöne schwarze Fingernägel wie Mami?» Ich spüre plötzlich zwei Augenpaare auf mir und tue so als würde mich der Artikel über das neue iPhone brennend interessieren. «Wenn ihm das so gefällt, dann kann er das auch so tragen. Mami hat noch ganz viele andere Farben zu Hause, wenn du sie lieb fragst, dann kriegst du bestimmt auch welche». Ich schmunzle innerlich und denke mir: Heute ist ein guter Tag. Heute ist ein schöner
Tag.

«Bitte mehr solche Papas» ist und bleibt bis heute der erste Gedanke, der mir in Verbindung mit diesem Erlebnis in den Sinn kommt. Der zweite Gedanke kommt wohl in Form einer Frage – wieso überrascht mich das überhaupt? Warum schmunzeln alle meine Freunde hoffnungsvoll, wenn ich ihnen diese kleine Anekdote erzählte? Sollte das eigentlich nicht völlige Selbstverständlichkeit sein? Weshalb müssen wir immer in diesen genderspezifischen Kategorien denken, und können gewisse Attribute, Kleidungsstile, Charakteristiken und Praktiken nicht einfach völlig losgelöst vom eigenen Geschlecht und der eigenen Sexualität betrachten?

Bilder von Joshua Amissah

Es scheint zweifelslos noch ein langer Weg zu sein, obschon es im Falle von Nagellack in der Zeitgeschichte schon vor Christus Männer mit lackierten Fingernägeln gab. Und nein, don’t worry: Ich werde jetzt kein romantisierendes Märchen auftischen, dass Jesus von seinen Jüngern auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus mit roten Fingernägeln gesehen wurde. Aber fast. Auch schon die babylonischen Krieger 3200 v. Chr. verbrachten Stunden damit sich vor einer Schlacht in Schale zu werfen, wobei eine intensive Maniküre dazugehörte. Kohle als Färbemittel war besonders populär, denn die Farbe der Nägel kennzeichnete die soziale Klasse. Je dunkler die Farbe, desto höher der eigene Rang. Oftmals wurde auch die Lippenfarbe der eigenen Maniküre angepasst.

Gleiches gilt auch für das heutige China in diesem Zeitraum. Die Farbe der eigenen Fingernägel diente auch hier unabhängig vom Geschlecht zur Unterscheidung von Rang und Dynastie. Die Oberschicht benutzte Zutaten wie Bienenwachs, Gummiarabikum und Eiweiss für die Nagelfarbe. Die des herrschenden Regimes trugen oft hochpigmentierte Farben wie Rot. Wer mit der falschen Färbung erwischt wurde, der wurde mit dem Tod bestraft. Immerhin haben wir dafür heute keine Todesstrafen mehr, dafür haben wir anderswo definitiv Rückschritte gemacht.

Wie oft ich mich schon erklären musste, wenn ich als Mann ab und an mal meine Nägel lackiert trug. Wie oft sich meine männlichen Freunde schon für ihre lackierten Fingernägel erklären mussten. Insbesondere in Bezug auf ihre Heterosexualität. Kann mir bitte jemand erklären was eine Schicht Farbe auf den Nägeln mit sexuellen Präferenzen zu tun hat? Spricht es nicht genau für «die Stärke eines Mannes» wenn er sich von stereotypischen Attributen lösen kann, und sich in seiner «Männlichkeit» nicht bedroht fühlt? Braucht es wirklich eine hypermaskuline und schwarz angezogene Rockstarfigur als Frauenheld, damit wir die Debatte über die Sexualität weglassen können? Was haben sich die Krieger in Babylonien denn damals gedacht? Ich wünsche mir ein bisschen mehr babylonischen Kriegsspirit in allen von uns. Ach ja – und mehr emanzipierte Papas bitte!