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«Alter, bisch du gay?» – eigentlich nicht

Das toxische Phänomen, wir nennen es jetzt mal «Schublade Gay», existiert vor allem in Männerfreundschaften. Einige Herren unserer Schöpfung scheinen auch im Jahre 2020 noch ein Problem mit gewissen Attributen ihrer Freunde zu haben.

Von Sina Schmid

Frauen mit gesellschaftlich bestimmten maskulinen Attributen, oder auch Tomboys, sind seit mehreren Generationen nichts neues. Ihre Sexualität wird nicht in Frage gestellt oder überhaupt thematisiert. Sie können sich maskulin kleiden, «maskulinen» Beschäftigungen nachgehen und werden schneller als sexy, stark oder emanzipiert statt lesbisch bezeichnet. Wenn sich aber Männer mit «femininen» Dingen beschäftigen oder allgemein feminine Züge aufzeigen, sind sie, vor allem in den Augen anderer Männer «gay». Egal ob sie es tatsächlich sind oder eben nicht. 

Auf die Frage ob und wann heterosexuelle Männer schon als «gay» bezeichnet wurden, kamen folgende Rückmeldungen zurück:

Weil ich eine Frau mehrere Male getroffen habe, ohne mit ihr ins Bett zu gehen

Weil ich meinem Gottenkind ein Geburtstagsgeschenk gebastelt habe.

Als ich zwei Frauen von einem belästigenden Mann verteidigt habe

Im Schwimmbad, weil ich genetisch bedingt keine Beinhaare habe

Als ich das Geschirr abgewaschen habe

Weil ich eine pinke Mütze getragen habe

Wenn Männer sich um ihr Aussehen scheren oder sich für Mode interessieren, kommt oftmals automatisch die Frage auf, ob sie denn nicht eventuell schwul seien. Zusätzlich ist diese Frage oft negativ konnotiert, denn schwul zu sein ist demnach nichts Gutes. Wenn ein Mann sich die Achseln rasiert, seinen Emotionen freien Lauf lässt oder nur gut gekleidet daher kommt, wird er schnell in die Schublade Gay gesteckt. Was dies aber in Männern auslöst wird schnell vergessen.

Wenn einem Mann mit wenig Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen der Vorwurf gemacht wird schwul zu sein, obwohl er es nicht ist, wendet sich dieser oft von dem ab, was zum Vorwurf geführt hat. Allgemein scheint es Männern in dieser Gesellschaft schwer zu fallen ihre Gefühle zu zeigen. Ebenso Interesse an weniger «maskulinem» wie Mode, Kunst oder Spiritualität zu haben. Schade hierbei ist das damit verbundene Fehlen der Vielfalt. Diese könnten wir erreichen, wenn alle dem nachgehen würden, was ihnen Spass macht. Ganz unabhängig von maskuliner oder femininer Konnotation. 

Ein Instagram-Klassenclown vom Dienst welcher mit seiner sarkastischen Art gesellschaftskritische Sprüche, Witze und Tweets postet, @elhotzo, postete letztens auf seiner Story folgendes:

«Hatte in der Schule mal Angst Käsebrötchen zu bestellen weil mir mal erklärt wurde, dass das schwul ist wenn man kein Fleisch isst. Und folgende Dinge leider auch «schwul» seien: -Vollkornbrot, -Schultheater, -singen, -anderen helfen, -Schülerzeitung, -sich irgendwie engagieren, -Freunde und Freundinnen umarmen, -Mädchen mit Vornamen ansprechen, -mit Mädchen befreundet sein, -nicht mit Mädchen befreundet sein»

Es scheint als ob wir Gesellschaftlich doch ein stark verankertes Problem mit Homosexualität haben. Denn all diese ganz normalen Dinge haben rein gar nichts mit Schwulsein zu tun. Wieso wird aber der Begriff immer noch als Beleidigung ausgenutzt?

Ein grosser Teil hängt bestimmt mit fragiler Maskulinität zusammen. Ein anderer wird sein, dass das Beleidigen oft eine Reflexion des Beleidigenden ist. Wenn also jemand einen anderen für sein Interesse oder Verhalten als «gay» bezeichnet, ist es oft, weil sich diese Person nicht trauen würde selbst diese Dinge zu tun oder zu sagen.

Interessant zu sehen ist auch, dass es den Kontrahenten «lesbisch» so nicht gibt. Lesbischsein ist allgemein mehr akzeptiert, gar zum Teil ein Fetisch geworden. Der Feminismus, welcher ja bekanntlich Gleichberechtigung und die Gleichstellung der Geschlechter anstrebt setzt sich zwar für diese Ungerechtigkeit ein, leider aber zu wenig. 

Männer werden oft stark evaluiert und kritisiert, meist von anderen Männern. Wichtig also wäre es, die Begriffe «Gay» oder «Schwul» im Sinne einer Beleidigung aus dem Vokabular zu streichen. Zusätzlich sollten wir sicherstellen, dass sich Männer frei entfalten können, ohne Angst vor nicht-konstruktiver Kritik, beziehungsweise purem Hate, haben zu müssen.