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Der schmale Grat zwischen Ehrlichkeit und Unverschämtheit

Offenheit und Ehrlichkeit sind gefragt – immer. Jedoch kann auch da einiges schief gehen. Vermehrt fällt auf, dass Unverschämtheit hinter dem Deckmantel der Ehrlichkeit versteckt wird. Wo zieht man aber die Grenze zwischen ehrlich und frech, und sagt: «So nicht, Shorty»?

Von Sina Schmid

Ehrlichkeit und Direktheit sind bei einer offenen Kommunikation essenziell. Es kann nicht stetig um den heissen Brei geredet werden. Manchmal muss auf den Tisch gehauen werden. Trotzdem gibt es ganz klare Unterschiede. Es hat nichts mit Ehrlichkeit zu tun, wenn man jemanden einfach sich schlecht fühlen lassen will. Beispielsweise: «Du hast aber einen kleinen Arsch!» Naja, es entspricht vielleicht der Wahrheit und ist direkt, aber es ist unverschämt und unnötig.

Besonders unaufgeforderte Aussagen sollten doppelt durchdacht sein. Was hat die Empfängerin oder der Empfänger meiner Nachricht? Welchen Mehrwert bietet sie ihr oder ihm? 

Im obigen Beispiel, und so ganz oft, geht es um eine Meinung. Diese muss nicht immer geteilt werden, besonders nicht unaufgefordert. Klar, Meinungsfreiheit pipapo, aber für ein weniger hostiles Zusammenleben einer Gesellschaft muss doch teils auf die Zunge gebissen werden. 

Hingegen Gefühle sind so direkt mitzuteilen, wie nur möglich. Zwischenmenschlich gesehen ist das eigentlich das einzig richtige Mittel zum Zweck, wobei der Zweck eine gesund funktionierende Beziehung ist.

Hier ist der Grat wieder enorm schmal. Was sind Gefühle, was sind Meinungen? Ganz objektiv gesehen: emotio vs. ratio. Die Meinung ist eine persönliche Ansicht und bewusst herrschende Auffassung hinsichtlich gewissen Sachverhalten. Gefühle sind Reaktionen auf äussere Einflüsse, man reagiert also beispielsweise ängstlich, oder hat Mitleid. Jedoch sind Gefühle von unserer Rationalität (teils) steuerbar.

Beispiel Vorurteile: Wenn wir uns gewisse gesellschaftliche Vorurteile aneignen bedarf es Köpfchen, um diese wieder abzulegen. Über Gefühle sollten wir immer sprechen, damit unser Gegenüber etwas damit anfangen kann. Denn, für diese können wir nichts. Also sollten sie auch nicht als Attacke auf die Persönlichkeit des Gegenübers wahrgenommen werden. Persönliche, subjektive Meinungen hingegen sind aber nicht immer gefragt. 

Hier noch angemerkt: Ehrlichkeit währt am längsten, manchmal aber, sind diplomatische Antworten, zum Schutz der Gefühle anderer, nicht verwerflich. Muss ich meinem besten Freund sagen, dass er ein neues Parfüm kaufen soll, weil ich denke sein jetziges stinkt, oder soll ich einfach lächelnd meine Luft anhalten um ihn nicht unnötig zu verunsichern? Weder noch. Ebenso wenig wie ich ihm positiv zusprechen muss, das Parfüm wieder zu kaufen, muss ich es ihm mit negativen Aussagen verderben.