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Daily Thoughts: Die Sprachbarriere

Die Sprache ist meine Stärke, mein Instrument. Ich spiele damit, überzeuge damit – seit ich denken kann. Vor Kurzem reiste ich in den Balkan und verlor sie.

Von Leila Alder

Ich begann früh zu sprechen. Bereits vor meinem zweiten Geburtstag verfügte ich über einen ziemlich krassen Wortschatz. Bewegungsmässig war ich zwar nicht vorne mit dabei, aber Reden, das konnte ich. Daran hat sich nichts geändert. Ich habe zwei linke Füsse und zwei linke Hände – aber ein trainiertes Mundwerk. Ich verdiene mein Geld mit Schreiben und Sprechen. Jeden Tag nutze ich unsere Sprache und zwar fast ausschliesslich. Bisher verschlug es sie mir nur selten und dass ich mich gar nicht mehr verständigen konnte, passierte mir noch nie. Bis zu diesem Sommer:

Mit meinem Freund, der aus dem Kosovo stammt, reiste ich in seine Heimat. Ich konnte es kaum erwarten, die mir so vertraute und doch so fremde Kultur hautnah zu erleben. Ich war neugierig darauf, was die Menschen zu erzählen hatten. Dass ich sie nicht verstehen würde, schien ich irgendwie zu vergessen – vielleicht auch zu verdrängen. Und zwar so lange, bis ich bei ihnen im Garten stand, sich alle über meinen Besuch freuten und auf Kosovo-Albanisch auf mich einredeten. Ich habe viel von meinem Freund lernen dürfen, nur seine Sprache hat er mir bis dato leider noch nicht beigebracht. Verloren blickte ich ihn an. Sein Versuch alles zu übersetzen scheiterte kläglich. Englisch beherrschte keine:r von ihnen. So sass ich da, konnte weder Antworten geben noch Fragen stellen. Wie ein stummer Fisch. Ich kam mir blöd vor. Blöd im Sinne von dumm – weil ich ihre Sprache nicht sprach. Ich war plötzlich die Aussenseiterin. Ich hatte meine schärfste Waffe an der Landesgrenze abgegeben. Ich fühlte mich hilflos, augelassen, machtlos. Sogar Trändli schossen mir in die Augen. Ich wollte doch so unbedingt mitreden, mitdiskutieren, ein Teil vom Gespräch sein, ein Teil ihrer Gesellschaft sein. Ich wurde unsicher, hatte das Gefühl mit meiner Sprache meine ganze Persönlichkeit wie auch mein ganzes Selbstbewusstsein verloren zu haben. Plötzlich verstand ich, wie grausam es für all ihre ausgewanderten und geflüchteten Familienmitglieder gewesen sein musste, als sie in die Schweiz kamen und sich nonstop «Wänd da anechunsch, red gfellischt eusi Sprach» anhören mussten und es noch nicht einmal verstanden. Ich hielt es knapp ein paar Abende aus, ohne in Tränen auszubrechen, obschon ihre Gastfreundschaft trotz und auch ohne Sprachbarriere nicht in Worte zu fassen ist – was ich von uns Schweizer:innen leider nicht behaupten kann. Doppelt ekelhaft muss es hier als Flüchtling also gewesen und noch immer sein.

13. September 2021

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