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Zu spät erkannt, zu schnell belächelt

Lange wurde ADHS bei Frauen übersehen. Heute gibt es TikToks, Reels und jede Menge Menschen, die darüber sprechen. Eigentlich eine gute Nachricht – wenn sie denn ernstgenommen würde.

Von Lea Schlenker

Mit dem Thema Neurodivergenz richtig konfrontiert wurde ich erst um die Dreissig. Immer mehr Freundinnen von mir bekamen eine ADHS-Diagnose. Wie ich später herausfand, passiert das bei weiblich gelesenen Personen oft erst in diesem Alter. Das Vorkommen von Neurodivergenz bei Frauen wurde medizinisch für lange Zeit vernachlässigt. Ich bin etwa so schockiert, wie ich schockiert bin, wenn eine Space-X-Rakete explodiert. Also nicht besonders.

Während das Thema ADHS bei Frauen sehr lange irgendwo in einer klemmenden Schublade lag, wurde die Schublade nun mit voller Wucht aufgerissen und samt Büroklammern und Hustenbonbons in den sozialen Medien verstreut. Es gibt zahlreiche Accounts, die Betroffene bei Diagnose und Umgang mit den damit verbundenen Herausforderungen unterstützen sollen. Es gibt viele lustige Formate («You rob me but I have ADHD», «Traumadumping but you all have ADHD») und auch mit Vorsicht zu geniessende Formate («Put a finger down ADHD edition»).

Ich höre von Freundinnen, die sagen, das medizinische Personal hätte ihre ADHS-Symptome als «südeuropäisches Temperament», «Persönlichkeitsstörung», «Depression» oder «Vitamin- oder Magnesiummangel» abgetan. Als dann nach langer Zeit der Unsicherheit endlich eine Diagnose und somit Unterstützung in Form von Psychoedukation und Pharmakologie erschien, fiel vielen Betroffenen eine Last von den Schultern.

Umso frustrierender ist die aktuelle Berichterstattung zu dem Thema. Der Tagesanzeiger schreibt beispielsweise davon, wie bei medizinischen Fachpersonen gezielt um ADHS-Diagnosen gebeten werde. Dies vermittelt den Eindruck, die Kids heutzutage schauen sich ein paar Reels auf TikTok an und würden dann in ihrem jugendlichen Leichtsinn sofort zum Arzt springen, um die Krankenkassenprämien nach oben zu treiben. Auch wenn Selbstdiagnosen problematisch sind, wird der Kern des Problems durch diese Berichterstattung nicht gründlich erfasst. Es haben nämlich nicht, wie der Volksmund behauptet, alle mittlerweile ADHS. Es ist auch nicht so, dass die Gen Z um jeden Preis eine trendige Modediagnose haben will. Gerade bei Frauen bleibt das ADHS oft unsichtbar und kommt erst zum Vorschein, wenn sich bereits eine Erschöpfungsdepression eingeschlichen hat. Nach wie vor sind die Symptome und deren Auswirkungen für viele der Betroffenen diffus und nicht immer leicht zu handeln. Dass ihnen nun unterstellt wird, sie würden Diagnosen wie aufregende Pokémon sammeln, verwässert die Thematik ungemein.

Die Wartezeiten für eine Diagnose dauern ein halbes oder sogar ein ganzes Jahr. Es ist verständlich, wenn Betroffene die Sache im Vorhinein in die eigene Hand nehmen wollen. Dass die sozialen Medien hier eine Form von Zugehörigkeit bieten können, ist lobenswert. Es ist auch in Ordnung, wenn es Psychoedukation ins digitale Zeitalter schafft. Wenn ich über die positiven Eigenschaften von Instagram und Co. rede, fühle ich mich oft als eine Verfechterin für etwas, das alle versuchen, doof zu finden. Aus guten Gründen, teilweise. Aber die sozialen Medien können auch ein niederschwelliges Angebot für verschiedene Hilfestellungen bieten. Wie beispielsweise Austausch, wenn es um medizinische Themen geht, die in der Gesellschaft lange klein geredet wurden. Wer also gerne mehr über das Thema ADHS reden möchte, kann dabei erwähnen, wie alt Frauen im Durchschnitt sind, ehe sie diagnostiziert werden (Ende zwanzig bis Anfang dreissig), wie viel tiefer ihre Lebenserwartung ist (acht Jahre) oder wie viele mit ADHS (jede zweite) unter schweren PMS-Symptomen leiden. Oder auch einfach mal ein TikTok dazu schauen, aus seriöser Quelle, versteht sich.

22. Juni 2026

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