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Wir lachen, wir verlieren

Der Fall Colbert zeigt: Wer Donald Trump verspottet, muss verschwinden. Der Präsident kann wie alle zartbesaiteten Machthaber nur schlecht einen Witz einstecken. Vielleicht macht das den Humor zur stärksten Waffe, die wir haben.

Von Lea Schlenker

Nach elf Jahren Sendezeit wurde vor kurzem die letzte Episode von der Late Show mit Stephen Colbert ausgestrahlt. In der letzten Sendung gibt es, nebst einer Vielzahl an Special Guests, auch einen Special-Effekt. Hinter der Bühne klafft nämlich ein riesiges grünes Loch auf, das sogar Astrophysiker Neil deGrasse Tyson verschluckt. Erklärt wird das Auftauchen des grünen Loches folgendermassen: Einerseits ist die Show Nummer 1 der Late Night Programme in den Vereinigten Staaten, andererseits wird sie aber auch abgesetzt. Dieser Widerspruch kann sogar physikalische Gesetze aushebeln.

Die Sendung wurde nämlich nicht, wie sonst so üblich, wegen zu tiefer Einschaltquoten abgesetzt. Sie wurde auch nicht abgesetzt, weil Colbert keine Lust mehr hatte. Der Sendung wurde der Stecker gezogen, weil CBS aus einer strategischen Überlegung heraus entschieden hat, Donald Trump nicht mehr verärgern zu wollen. Und da wohl kaum jemand den Präsidenten so scharfsinnig und treffsicher verärgert hat wie Colbert, musste er gehen. Mehr Infos dazu gibt es unter anderem hier.

Irgendwer entscheidet offenbar, wann’s fertig ist mit lustig. Im Mittelalter hat der Hofnarr die Adligen unterhalten. Er wurde dafür bezahlt, sich über die Herrschenden lustig zu machen. Mit dem Privileg der Narrensicherheit konnte er sagen, was er dachte, ohne dafür Konsequenzen fürchten zu müssen. Das hat sich mittlerweile geändert. Staatsoberhäupter, die sich stark geben, deren Machtposition in Wirklichkeit aber fragil und ohne stabile Basis ist, halten es nicht aus, wenn man sich lustig über sie macht. Wer sie verspottet, muss verschwinden. Dies macht irgendwie auch Sinn. Erstens ist Lachen ein starker Resilienzfaktor. Wer lacht, hat noch nicht aufgegeben. Wenn wir alle aufgeben, dann könnten genauso gut die Bodysnatcher übernehmen. Zweitens sind Sprache und der Witz die stärksten Waffen, die wir haben. Wenn wir gemeinsam lachen, schaffen wir eine Verbundenheit. Wir nehmen dem Grauen die Schwere und die Macht über uns. Wir zeigen dem vermeintlich Stärkeren, dass der Respekt und die Liebe seiner Mitmenschen nicht erzwungen werden können. Logisch kannst du alle Gerichte, Fernsehsender und Zeitungen kaufen. Aber deine Widersacher kriegst du so nicht klein. Das zeigt die Geschichte, damals und auch heute wieder.

Es gibt da einen Witz über Stalin und Putin. Stalins Geist besucht Putin im Kreml und befiehlt ihm, den Kreml blau zu streichen und seine Opponenten zu töten. Putin will wissen, wieso blau. Stalins Geist lächelt und meint, er hätte gewusst, dass Putin den zweiten Teil nicht hinterfragen würde. Wäre der Witz zu Zeiten Stalins erzählt worden, wären Köpfe gerollt. Würde der Witz heute in Russland erzählt, nun ja. Es würden Köpfe rollen. Wie wir ja wissen, aus gutem Grund. Immerhin wurde die Französische Revolution ausgelöst durch einen staatskritischen Lacher. Dank Louis XIV, der auf einer Bananenschale ausgerutscht ist. Das geschah vor Augen aller, die gerade dabei waren, die sich natürlich höhnisch über ihn lustig machten. Voller Zorn über ihr Gelächter liess er die Steuern noch mehr erhöhen. Aber leider konnte den selbsternannten Sonnenkönig niemand mehr ernst nehmen und die Bauern im ganzen Land griffen zur Mistgabel und zu den Feuerpflöcken. Dann kamen die Stürmung der Bastille, die Guillotine, Napoleon und der Kanton Aargau. Und so weiter. Die Geschichte ist natürlich erfunden. Aber lustig wäre es.

27. Mai 2026

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