Text von Gastautorin Sira Negri
Nicht nur die Kraftausdrücke sorgen für die Intensität im neuen Dokumentarfilm des finnischen Regisseurs Jukka Kärkkäinen, sondern auch die Beziehung zwischen den Protagonist*innen. Jukka begleitet Vater Tero und seinen Sohn Henri schon seit Jahren durch ihren Alltag, was eine einmalige, authentische Perspektive ermöglicht. Eine, die immer wieder die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischt.
Der Wechsel zwischen der Ernsthaftigkeit des Lebens und dem Leben als Alltagskomödie durchdringt den gesamten Film. In Verbindung mit der Filmart, die geprägt ist von einem trockenen, nordischen Humor, wähnt man sich immer wieder in einem fiktionalen Spielfilm.
In «Beauty of Errors» wird der Lebensabschnitt von Henris Erwachsenwerden begleitet. «Wieso fliegst du schon aus dem Nest?!», meint der alleinerziehende Tero immer wieder, halb wahnsinnig mit Tränen in den Augen, halb im Witz. So befindet man sich meist inmitten von familiären Diskursen rund um die Themen Ausziehen, Aufwachsen, Arbeiten, Abhängigkeit, Einsamkeit, Loslassen und familiäre Verbundenheit. Tero möchte seinen sensitiven und eigenständigen Sohn mit soliden Grundwerten ausstatten und speist immer wieder tiefgründige Gespräche ein. «Denk dran, wie fragil das Leben sein kann. Du musst am Leben bleiben, auch wenn es nur darum geht, andere zu nerven!»
Die Schauplätze sind immer die gleichen: die kleine Hütte von Tero und Henri, das Auto, das Zuhause der Grosseltern, ab und zu mal eine Aussenszene im Garten oder in der Sauna. Die Kameraführung ist immer statisch, wodurch sich eine fokussierte Atmosphäre mit viel Platz für die Protagonist*innen ausbreitet. Trotz weniger Schauplätze ist der Film von Abwechslung geprägt: durch das, was zwischen den Menschen geschieht. Es sind die fein beobachteten und mit gekonntem Auge eingerichteten Szenen, welche den Film so einzigartig machen. Durch die Begleitung von einer sorgfältig ausgewählten musikalischen Untermalung – einer Kombination von alten finnischen und globalen Klassikern bis hin zu aktueller finnischer Popmusik – schafft der Regisseur eine ganz eigene Filmsprache. Diese ist geprägt von Humor und Leichtigkeit, in Verbindung mit dem Aufgreifen von tiefen Themen von Gesellschaftsgruppen, die nicht oft im Fokus stehen.
Starke Liebe und Traurigkeit wechseln sich im Film ab und verschmelzen allmählich. Tero reflektiert immer wieder über die aktuelle Lebenssituation und zitiert dabei Shakespeare: «Sein oder nicht sein.» Und seufzt tief und fügt an: «Im Moment ist es wohl aber eher nicht sein.» Bemerkt er enttäuscht, wenn er mal wieder betrunken auf dem Bett liegt, unfähig, sich zu bewegen. Auch hier lässt der Regisseur volle Authentizität zu, wenn er stille, statische Szenen ohne Kommentierung zeigt, in denen Tero sich seiner Alkoholsucht hingibt und betrunken im Bett aufwacht.
Immer präsent: der tiefe Bund zwischen Vater und Sohn, der alles durchdringt. Eine Schicksalsgemeinschaft am Ende der Welt, die sich braucht, nährt, zusammenhält und Gefühle offen zulässt.
«I’ve gotta take a little time – a little time to think things over.» So ertönt im Abspann passend zum Schluss «I want to know what love is» von Foreigner. Denn man bekommt im Film ein starkes Gefühl dafür, auf welche verschiedenen Weisen Liebe gelebt werden kann. Und lieben tut man nach dem Film auch die Protagonist*innen.
18. Mai 2026