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Digitales Scheissalter – Social Media-Detox

40 Tage vor Ostern wird in der katholischen Kirche gefastet. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht auf etwas Alltägliches zu verzichten: Social Media. Was ich in den ersten zwei Wochen erlebt habe, ist zwar theoretisch nicht überraschend, dennoch ein wenig schockierend.

Von Sina Schmid

Ich bin Instagram süchtig. Ja, ich gebe es zu. Meine Mutter würde jetzt sagen: «Ich habe dir das vor zwei Jahren schon gesagt!», deshalb hoffe ich, dass sie diesen Artikel nicht liest. Jedenfalls ist es so, ich habe stets eine Ausrede gefunden wieso ich so viel Zeit auf Insta und Tiktok verbringe, oder besser gesagt verschwende. Ob es nun die Kommunikation mit anderen oder das Politisieren ist: Es gibt immer einen guten Grund seiner Sucht nachzugehen. Mein Rekord auf Tiktok waren 13 Stunden an einem Tag, ich bin nicht wirklich stolz auf diese Zahl. 

Das Religiöse, Traditionelle mit etwas Modernem zu verbinden finde ich immer cool. Deshalb habe ich mich auch von den klassischen Fasten-Optionen wie Fleisch oder Schokolade distanziert und habe mich für Social Media entschieden. In der katholischen Kirche gilt der Sonntag als Tag des Fastenbrechens, sprich dann bin ich kurz auf Insta um auf die geteilten Videos meiner Freundinnen zu reagieren. So habe ich es auch am letzten Sonntag gemacht und ich kann nur sagen: Es war scheisse. 

Ich habe richtig gemerkt wie nervös ich den ganzen Tag war, da ich immer wieder fast intuitiv mein Handy gezückt habe um auf die App zu gehen, so wie vor der Fastenzeit auch schon. Konstant musste ich leicht bestürzt feststellen, wie oft ich einfach aus vermeintlicher Langeweile auf die kleinen verlockenden Buttons geklickt habe. 

Was hat mir in der Zeit ohne Instagram und Co. gefehlt? Um ehrlich zu sein genau gar nichts. Ich bin sonst digital sehr aktiv, poste jeden Tag eine Story und alle paar Wochen ein neues Bild, teile Beiträge und versuche Dialoge anzuregen. Das ist an sich ja nichts Schlimmes, doch was es mit meiner Psyche gemacht hat schon. Ich hatte wiederholt das Verlangen etwas zu teilen. Ob es jetzt ein lustiges, selbstgedrehtes Video, ein Selfie oder eine Ansage war – es fühlte sich an wie eine Pflicht. 

Der politische Aspekt der App gefällt mir sehr, es wird über Sachen aufgeklärt welche Massen-Medien nicht ansprechen mögen, unter anderem der Anschlag in Hanau 2020. Alles andere jedoch ist einfach nur mühsam. Ich persönlich habe ein recht gesundes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, Bilder von Models können mein Selbstbild nicht zerstören. Dennoch bin ich in schwachen Momenten bedrückt wenn ich diese schönen Körper sehe. Wie muss sich wohl ein Mensch fühlen, der sonst schon mit Selbstzweifeln zu kämpfen hat? Immer wenn andere vor den Folgen von Social Media warnten musste ich schmunzeln, ganz à la ihr versteht das ja sowieso nicht. Und vielleicht stimmt es, vielleicht verstehen einige Social Media nicht, aber sie sehen was es mit der jüngeren Generation macht und anrichtet.

Ein Freund von mir, akut-Video Producer und Social Media Experte, Elay Leuthold, meinte letztens: «Social Media ist eine Droge, wir wissen nur noch nicht wie sie wirkt beziehungsweise welche Folgen sie mit sich bringt. So war es mit Heroin auch, am Anfang konnte man die schlimmen Auswirkungen nicht richtig einschätzen und jetzt wissen wir es besser. Auch damals haben viele vor der neuartigen Substanz gewarnt, diese Warnungen wurden aber als reine Spekulation abgetan. Ich sage nicht, dass wir Social Media mit Heroin gleichsetzen müssen, trotzdem müssen wir uns bewusster werden was das Ganze in naher Zukunft bedeuten könnte. Zusätzlich denke ich, dass alle vor der Gen Z noch glimpflich davon kommen werden, schwierig wird es bei Jüngeren.»

Wir können mein Fasten auch als Selbstexperiment betiteln. Es hat mir gezeigt, dass mir Instagram mehr Stress als Entspannung verspricht. Ich habe immer gedacht, ich könne soziale Medien als Ruhemoment nutzen, einfach abschalten, aber so funktioniert unser Gehirn nicht. Alles was wir sehen verarbeiten wir, wie es dann schlussendlich aufgenommen wird, ist sehr individuell. 

Wer merkt, dass sie oder er oft unbewusst auf Soziale Medien zurückgreift, um vermeintliche Momente der Stille zu geniessen sollte sich hinterfragen ob das einfach eine andere Ausrede ist. Wer sich von Social Media unter Druck gesetzt fühlt, sollte sich absolut distanzieren. Es ist keine Pflicht auf Instagram zu sein. Natürlich können wir der Digitalisierung keinen Riegel vors Schloss schieben, aber wir müssen lernen gesund und ausgeglichen damit umzugehen. 

Mir selbst gefällt das Konzept, nur an einem Tag in der Woche auf der App zu sein. Ganz möchte ich (noch nicht) verzichten, aber einschränken muss ich mich nun mal einfach.