Was mir an Erinnerungen besonders gut gefällt, ist, dass sie keinen konventionellen Erzählsträngen oder Regeln folgen. Oft bestehen sie nur aus einem kurzen Moment, einem Geruch, einem Bild oder vielleicht einem Satz, den irgendjemand irgendwann mal gesagt hat. Manchmal sind es Rückschauen an die französische Atlantikküste oder ein pink gefärbter Mond in einer Sommernacht. Manchmal schwirren die Fehlentscheidungen, die ich bisher getroffen habe, wie ein Denkmal meiner Unzulänglichkeit in meinem Kopf herum. Als würde Fettnäpfchen-Lea überall, wo sie hingeht, eine neongelbe Flagge hissen, um ja nicht in Vergessenheit zu geraten.
Am meisten mag ich es, wenn Erinnerungen an Orte geknüpft sind. Die am tiefsten verankerten Erinnerungen habe ich wohl an Zürich. Ich habe die Stadt als Kind in den rauen 90er-Jahren erlebt, ab den 00er-Jahren als partyfreudiger Teenager und jetzt, als bald schon Mittdreissigerin, als gentrifiziertes Protein-Shake-Inferno.
Mein Vater besucht in der Stadt schon seit Jahrzehnten den immer gleichen Schallplattenladen. Er und der Besitzer gehen gemeinsam zu Jazzkonzerten. Für jede noch so kleine Strecke in der Stadt nimmt er das Auto. Deshalb ist der Geruch nach Ledersitzen ein wichtiger Bestandteil meiner Erinnerungen. Dort hören wir in seinem Auto Pink Floyd und fahren zum Irchelpark, um Enten zu füttern. Um sechzehn Uhr holt meine Mutter uns dort wieder ab. Als kleines Kind war es logistisch etwas einfacher, da waren meine Eltern noch zusammen. Damals haben wir uns alle in der Silberkugel in Oerlikon getroffen, Kaffee getrunken und Silberbeefies verspeist. Ehrlich und unverfälscht. Meine Schwester und ich haben mit Filzstift an die Wände gekritzelt, und kein einziger dort hat uns jemals dafür gescholten. Das war für mich ungefähr die Zeit, glaube ich, in der ich damit angefangen habe, mich zu hinterfragen. Das hat dann über die Jahre nicht ab-, sondern eher zugenommen.
Wieso muss ich immer so tun, als ob, und wieso tun es alle in meiner Familie genau andersrum? Manchmal fürchtete und hoffte ich zugleich, ich sei von einem anderen Stern und irgendjemand hat mich aus Versehen auf der Erde vergessen. Ich weiss ja nicht, wo es überall Babyklappen in der Stadt Zürich gibt. Vielleicht auch in der Silberkugel. Dann hat mich womöglich einfach eine Familie gefunden, als sie eigentlich das Ketchup gesucht hat. Mich dann achselzuckend in die Arme genommen und voller Zuneigung gedacht, die nehmen wir jetzt mit. Und vielleicht wäre ich auch fast hier aufgewachsen, zwischen Kinderstühlen und Bratfett, und hätte statt dem Distributionsgesetz die Wichtigkeit eines ausgewogenen Frühstücks gelernt. Aber das täte vermutlich nichts weiter zur Sache.
Vor nicht allzu langer Zeit führte die deutsche Leitkultur eine Diskussion – oder vielleicht auch eher eine rassistische Tirade – über das Stadtbild. Wir können diese Diskussion von mir aus gleich importieren. Ich würde sie aber nicht über Menschen, sondern über Institutionen führen wollen. Wieso muss jeder unabhängige Kiosk aus der Stadt verschwinden? Wieso möchte ich lieber einen kleinen Zeh in ein Säurebad stecken als in Zürich an einer Wohnungsbesichtigung teilnehmen? Und wenn wir schon dabei sind: Der orange Riese könnte eigentlich auch gleich die Schweiz kaufen. Wir wären das erste Land, dessen Staatsform die Genossenschaft ist. Neuer Nationalfeiertag wäre dann Black Friday, wobei Black Friday ja kein Tag ist, sondern ein Mindset.
Die letzte noch verbleibende Silberkugel würde dann auch verschwinden. An ihre Stelle kommt dann ein Laden, den ich nicht besuchen möchte. Liebestrunkene Nachtschwärmerinnen, die nachts durch die Gassen streifen, werden verscheucht. Die Entenpopulation wird in jedem Park genaustens überwacht, die Wiesen, Blumen und Gewässer perfekt auf die lokale Zielgruppe abgestimmt. So stelle ich mir das Leben in einer orangenen Stadt vor. Künstliche Teiche und künstliche Liebe. Vorbei die Zeiten der ausserirdischen Kinder, die sich bei Fleischkäse und Spiegelei selbst hinterfragen.
22. Februar 2026