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«Sd-3» von Loukeman – eine Reise in die Vergangenheit und zurück

Es gibt viele Produzent*innen, die mit Nostalgie arbeiten. Pitch-shifted Vocals, verwischte Samples, zerfallene House-Beats. Diese Ästhetik hat sich in den letzten Jahren zur Standardsprache einer bestimmten Online-Musikkultur entwickelt: emotional, fragmentiert, bewusst unfertig. Eigentlich müsste «Sd-3», das neue Album des Produzenten Luke Fenton alias Loukeman, genau in dieser Masse untergehen. Tut es aber nicht.

Von Gastautor*in

Text von Gastautor Silvan Huber

«Sd-3» erschien im April 2026 und ist der Abschluss einer Trilogie, die in einem College-Schlafzimmer begann und mit Credits bei PinkPantheress, A$AP Rocky und MIKE endet. Lusher als «Sd-1», weitschweifiger als «Sd-2», Luke Fenton hat drei Alben gebraucht, um seinen Sound vollständig zu entwickeln. Und jetzt, auf dem dritten, sitzt er richtig. Das Album entstand nach Monaten des Tourens, eigenen Club-Nights und einem Filmscore-Projekt. Toronto als Rückzugsort, als Anker. Man hört das. 

Schon nach wenigen Tracks merkt man, dass Loukeman weniger Interesse an Genre hat, dafür umso mehr an Stimmung. «Sd-3» wirkt wie ein fragmentiertes Archiv aus Erinnerungen, Internetsounds und halberkannten Pop-Momenten. Songs tauchen auf, verschwinden wieder, brechen ab oder verändern ihre Form mitten im Track. Folk neben UK Garage, Cloud-Rap-Flächen neben fast kitschigen Popmomenten. Oft weiss man nicht genau, ob man House, Ambient, Cloud Rap oder irgendeine seltsame Form von digitalem Folk hört. Hier liegt die Stärke des Albums. 

Loukeman arbeitet mit Samples, aber nie auf eine einfache oder nostalgische Weise. Die Stimmen auf «Sd-3» wirken wie Geister von Popsongs: verzerrt, gedehnt, halb ausgelöscht. Man erkennt Fragmente von Indie-Folk, R&B oder Rap, aber sie erscheinen wie Erinnerungen an Musik statt wie direkte Zitate. Loukeman will Samples nicht übernehmen, sondern maskieren und neu formen, und genau das passiert hier ständig. Dadurch entsteht dieses merkwürdig schwebende Gefühl, das sich durch das ganze Album zieht: das Gefühl, etwas fast zu erkennen, ohne es je ganz fassen zu können. 

Besonders spannend ist die Textur. Viele Tracks fühlen sich gleichzeitig warm und kaputt an. Beats knistern, Synths zerfallen fast, Stimmen wirken überbelichtet oder zu weit entfernt. Trotzdem klingt nichts zufällig. Auf «Real Stressor» schichtet Fenton einen Melodiebogen über lo-fi Breaks und hallende Fingerpicking-Gitarre, drei Elemente, die auf dem Papier nicht zusammenpassen und im Track perfekt sitzen. Das ist handwerklich bemerkenswert: eine Musik, die scheinbar zerfällt und dabei vollständig kontrolliert ist. 

Das Herzstück des Albums ist «To the Sky». Bukolische Akkorde und gedämpfte Vocals bauen sich langsam auf, bis ein treibender Bass alles in plötzliche Klarheit zieht. Freude, Melancholie und Energie im selben Atemzug. Es ist der Moment, in dem Fentons scheinbar widersprüchliche Impulse – Intimität und Dancefloor, Nostalgie und Jetzt – wirklich zusammenkommen. Der Rest des Albums ist der Weg dorthin. 

Allerdings könnte diese Offenheit auch die Schwäche des Albums sein. Nicht jeder Track entwickelt eine eigene Identität. Gerade in der zweiten Hälfte entsteht manchmal das Gefühl, eher eine Sammlung von Skizzen zu hören als ein vollständig ausgearbeitetes Album. Loukemans stilistische Offenheit ist sein grösster Trumpf und gelegentlich sein blinder Fleck. 

Aber Fenton selbst würde das wohl nicht als Fehler bezeichnen. In einem Interview mit Clash Magazine sagt er: 

«I try not to put any pressure on myself; even listening back to «Sd-1», I wouldn’t change anything, and that’s how I’m thinking about this one — let the evolution do its own thing, like second nature, just see what happens.»

Keine Gleichgültigkeit, sondern klare Haltung: Instinkt vor Technik, Atmosphäre vor Perfektion. «Sd-3» ist weniger ein Album, das man konsumiert, als eines, das man betritt. Persönlich wie ein Tagebuch, an den richtigen Stellen unfertig, reich an beiläufigem Gefühl. Loukeman klingt am Ende vor allem nach sich selbst, zum Glück. 

«Sd-3» ist kein Album, das klare Strukturen sucht. Dafür ist es zu fragmentiert, zu flüchtig. Aber genau darin liegt seine Eigenheit. Es klingt wie eine Erinnerung an Musik, die man vielleicht nie wirklich gehört hat.

25. Juli 2026

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