Der Anfang des Gruselns bildete bei mir die Geschichte «The Tell-Tale Heart» von Edgar Allan Poe, Pionier der Schauergeschichten, wie wir sie heute kennen. Ein Ich-Erzähler begeht einen Mord, weil er das Klopfen des Herzens seines Opfers hört, und gesteht am Ende genau deswegen, das Klopfen noch immer im Ohr, vor Paranoia in die Knie gezwungen. Davon handeln Poes Geschichten immer wieder: von Menschen, die nicht mehr zwischen Trugbild und Realität unterscheiden können. Diese Paranoia ist bei Poe noch eine private Angelegenheit, ein einzelner Kopf, der sich selbst nicht mehr traut. Sie hat aber auch eine kollektive Geschichte, die hier mit dem amerikanischen Bürgerkrieg beginnt, der zwischen 1861 und 1865 über sechshunderttausend Menschen das Leben kostete.
1861, Boston. Ein Gravierer namens William Mumler entwickelt ein Selbstporträt und findet daneben die durchscheinende Gestalt eines Verstorbenen. Er nennt es Zufall, dann Geschäftsmodell. Bald sitzen Witwen in seinem Studio und bezahlen dafür, das Gesicht ihres toten Mannes neben dem eigenen zu sehen. Die Kamera, gerade erst zwanzig Jahre alt, wird zum Beweisinstrument für das, was man eigentlich nicht sehen kann – eine Maschine, die mehr sieht als das Auge. Das Trauerbedürfnis einer ganzen Nation wird zur zahlungspflichtigen Dienstleistung. Gespenster und Geschäfte wie diese erinnern an das von Jacques Derrida geprägte Konzept Hauntology (1993), ein Kofferwort aus «haunting» und «ontology», Heimsuchung und Seinslehre. Ein Gespenst als eigene Seinsform, weder ganz tot noch ganz lebendig, sondern etwas, das immer wiederkehrt, weil es nie richtig verschwinden konnte. Der britische Theoretiker Mark Fisher hat den Begriff später auf die Kultur des Spätkapitalismus übertragen: Uns verfolgen, schreibt er, nicht in erster Linie Gespenster der Vergangenheit, sondern Gespenster von Zukünften, die nie eingetreten sind. Mumlers Kundinnen kauften genau ein solches Gespenst. Nicht den toten Ehemann selbst, sondern das Bild einer Zukunft, in der er nicht wirklich fort ist.

Fotomuseum Winterthur, 2026. Ich stehe in der Ausstellung «Schattenwesen» vor genau einem solchen Gespenst. «Ella Bonner», aufgenommen zwischen 1869 und 1878 von Mumler: eine junge Frau im dunklen Kleid und neben ihr, kaum greifbar, ein zweites Gesicht. Diese Art von Verheissung entsteht nie im luftleeren Raum, und sie bedient sich bei dem, was viele indigene Kosmologien seit jeher praktizieren. Ein Gefühl für die eigene Umwelt, für Ahnen, für eine Welt jenseits des rein Materiellen wird der eigenen Kultur entwendet und zu einem Gut gemacht, mit dem andere Geld verdienen. Und das ausgerechnet in den Jahrzehnten, in denen die reale Gewalt gegen indigene Gemeinschaften ihren grausamsten Höhepunkt erreicht: Landraub, Vertreibung, Auslöschung. Das Muster hat seither nur die Verpackung gewechselt – den Traumfänger, das Räucherbündel, das «Spirit Animal» als Insta-Filter. Agate Tūnas Arbeit in der Ausstellung, die baltischen Volksglauben um Quarz und Energie mit der Geschichte marginalisierter Frauenarbeit verknüpft, hinterfragt genau jene Narrative und Glaubenssysteme, die kapitalistische Systeme überhaupt erst möglich machen.
Was mit Poes einzelnem, paranoidem Kopf begann, ist heute zu einem kollektiven Zustand geworden. Dessen Werkzeuge, das zeigt auch die Ausstellung in Winterthur selbst, sind nicht Kamera und Studio allein, sondern Datensätze. Mario Santamaría entdeckte 2017, dass der Begriff «ghost» im damals grössten Bilddatensatz der Welt, ImageNet, schlicht nicht als Kategorie existierte – eine Leerstelle, aus der er eine ganze Recherche über die Vorurteile im maschinellen Sehen macht. Trevor Paglen trainiert in «Adversarially Evolved Hallucinations» eigene Bildgeneratoren auf Kategorien aus Psychoanalyse und politischer Ökonomie statt auf vermeintlich neutrale Objektklassen: Auch das Unheimliche, das eine KI heute «halluziniert», entsteht nicht aus dem Nichts, sondern aus den Annahmen, die in jedem Datensatz stecken – Annahmen, die Paglen in seiner übrigen Arbeit oft bis zu ihrer militärischen und geheimdienstlichen Herkunft zurückverfolgt. Janne Schimmel macht diese Herkunft an der Hardware selbst fest: In der Recherche zu «Phantasmic Gateways and their Housings» weist Schimmel darauf hin, dass Grafikkarten und Mainboards, auf denen solche Bilder entstehen, oft in der Sprache des Kriegs benannt sind – Tomahawk, wie der Marschflugkörper. Namen, die suggerieren, wir befänden uns im Dauerzustand der Verteidigung.

Wie bei Mumler steht auch hier ein Geschäftsmodell dahinter, das genau das verkauft, was Fisher meinte: Bilder von Gesichtern und Welten, die es nie gab, zusammengesetzt aus den Datenresten einer Vergangenheit, verkauft als Zukunftsversprechen von grenzenloser Kreativität. Steph Maj Swanson berichtet, wie aus «negativen Prompts» eine Figur entstand, die niemand erzeugen wollte: Loab, ein Gesicht, das sich immer wieder in neue KI-Bilder einschleicht, unabhängig vom Willen der Nutzenden – ein Nebenprodukt, das sich verselbstständigt hat, ganz ähnlich wie die Renditen, die aus einem System entstehen, unabhängig vom Willen einzelner Akteure. Wie real diese Gespenster wirken können, sobald sie ausser Kontrolle geraten, zeigte sich im Mai 2023: Ein KI-generiertes Bild einer angeblichen Explosion beim Pentagon, verbreitet über einen gefälschten Bloomberg-Account, liess den amerikanischen Aktienindex S&P 500 binnen Minuten spürbar einbrechen, bevor der Schwindel aufflog. Ein Gespenst, das für ein paar Minuten sehr genau wusste, wie man reale Panik erzeugt.

«Schattenwesen» ist dort am stärksten, wo sie diese Kontinuität nicht behauptet, sondern an konkreten Objekten zeigt: Fukurais «Gedankenfotografie» aus dem Japan der 1930er-Jahre macht deutlich, dass die Sehnsucht nach dem sichtbar gemachten Unsichtbaren kein rein westliches Phänomen ist; Sheung Yius Gegenüberstellung von ostasiatischer Physiognomik und KI-basierter Gesichtserkennung zeigt, wie alt die Idee ist, aus einem Gesicht Zukunft herauszulesen. Etwas kürzer kommt dabei weg, was diese Bilder eigentlich mit uns machen, wenn wir vor ihnen stehen – die Ausstellung erklärt viel, lässt aber wenig Raum, sich zu gruseln. Denn genau dies ist die Stärke der Ausstellung: dass das Gruseln mittlerweile zum Alltagsphänomen geworden ist, das sich nicht mehr an einem Schockmoment festmachen lässt. Was sich nämlich verändert hat, ist nicht, dass wir zweifeln – sondern dass der Zweifel keinen Anfang und kein Ende mehr kennt. Jedes Bild im Internet, jedes Video, jede Stimme kann heute ein Mumler-Bild sein. Wir alle sind zu Ich-Erzählern von Poe geworden: paranoid, unfähig, sicher zu unterscheiden, was wahr ist und was Trugbild, das eigene Herz pochend unter den Dielen.
Die Ausstellung «Schattenwesen – Von der Geisterfotografie zu den Phantomen des Algorithmus» ist vom 27.06. bis 11.10.2026 im Fotomuseum Winterthur zu sehen. Das dazu erschienene Buch «Shadow Creatures – From Spirit Photography to the Ghosts of the Algorithm» mit ausführlichen Texten zur Ausstellung ist im Museumsshop oder unter folgendem Link erhältlich: https://www.fotomuseum.ch/en/product/shadow-creatures-from-spirit-photography-to-the-ghosts-of-the-algorithm/
06. Juli 2026