Text von Johanna Brodmann
Drei Jahre lang begleitet Matias Carlier in «Toute ma vie» seinen Protagonisten Noah, als der sich im malerischen Lausanne durch seine Pubertät kämpft. Immer wieder in Jugendheimen, immer wieder im Konflikt. Aber auch immer wieder fest den Lenker in der Hand – bei seiner Passion, dem Bike Life. Als Noah schliesslich keinen Schlafplatz mehr findet, öffnet Carlier ihm seine Wohnungstür. Im Gespräch erzählt der Regisseur, wie es zu dieser ungewöhnlichen Entscheidung kam und wie er die Non-Fiktion erst schätzen lernen musste.
«Toute ma Vie» ist deine erste dokumentarische Arbeit. Wie kam es dazu?
Matias Carlier: Ich habe den Dokumentarfilm im zweiten Jahr an der ÉCAL für mich entdeckt. In einem Workshop mit Blaise Harrison, dem Schweizer Regisseur, ging es darum, Jugendliche zu filmen. Ich mochte zu diesem Zeitpunkt weder Jugendliche noch Dokumentarfilme. Und dann hat Blaise uns zwei Dokumentarfilme gezeigt: «Dix-sept ans» von Didier Ninon und «Adolescentes» von Sébastien Lifshitz. Ich liebte sie beide. Danach habe ich mich mit vielen Jugendlichen in Lausanne getroffen und fand genial, wie spontan sie waren, wie sie vor der Kamera gesprochen haben. Daraus ist dann die Idee entstanden, einen Dokumentarfilm zu machen.
Wie hast du Noah kennengelernt?
Wir haben ein Casting gemacht. Noah war tatsächlich der Letzte, den ich dort getroffen habe. Vor ihm hatte ich schon mit zehn anderen Jungen gesprochen. Ich habe gemerkt, dass viele von ihnen dieses Projekt entweder machen wollten, weil sie dachten, sie würden Stars werden, oder viel Geld verdienen. Protagonist*innen in einem Dokumentarfilm sind nie oder sehr selten bezahlt, was eben seltsam und gut zugleich ist.
Noah wiederum hat Zeit gebraucht, bis er verstanden hat, dass sich die Dokumentation um ihn dreht. Ich habe ihm dann irgendwann noch einmal ganz ausdrücklich gesagt: «Es geht um dich in der Doku.» Und er sagte: «Ah, wirklich?» Ich glaube, für ihn war es einfach schön, mit uns zu sprechen.
Er hat für mich etwas Stärkeres ausgestrahlt als die anderen Jugendlichen. Mein Produzent und ich waren uns einig, dass es besser wäre, einen Film nur über Noah zu machen.
Nicht nur Noah, sondern auch seine Mutter Sévérine und seine Schwester Léa sprechen sehr natürlich vor der Kamera. Du hattest grosses Glück mit diesen Protagonist*innen.
Ja, ich hatte Glück. Noahs Schwester habe ich kennengelernt, als ich auch Noah zum ersten Mal getroffen habe. Ich fand sie sofort interessant, genau wie die Mutter der beiden, die eine grosse Präsenz hat.
Es gibt den Moment im Film, in dem Noah für eine Weile bei dir einzieht. Für nicht wenige Filmschaffende sicher ein No-Go. Wie ist es dazu gekommen und was hat dein Umfeld gesagt?
Ich habe fast niemandem davon erzählt. Nicht meiner Familie, nicht meinen Freund*innen. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir davon abraten würden. Gleichzeitig glaube ich, niemand in meiner Lage hätte Noah auf der Strasse gelassen.
Ich war im Urlaub, als ich erfahren habe, dass Noahs Mutter im Krankenhaus ist. Seine Schwester Léa sagte mir schliesslich, dass Noah seit Tagen auf der Strasse schläft. Als ich nach Lausanne ging, um ihn zu finden, stellte sich heraus, dass Noah nicht nach Hause konnte, weil er keine Schlüssel mehr hatte. Sein Vater wollte ihn auch nicht zu sich nehmen. Aus dem letzten Heim war er rausgeflogen. Da habe ich mir gesagt: Er wird bei mir in Genf schlafen, ich werde ihn nicht auf der Strasse lassen.
Mein Produzent fand es nicht normal, dass ich es nun bin, der Noah aufnimmt. Aber er hat meine Reaktion verstanden. Am nächsten Tag hat mich Noahs Sozialassistentin angerufen und gefragt, ob Noah eine ganze Woche lang bei mir bleiben könne.
Was bedeutete es für den Film, dass du auf einmal mit deinem Protagonisten zusammengewohnt hast?
Im ersten Momenten habe ich gar nicht an den Film gedacht. Später habe ich gemerkt, dass etwas Starkes passiert: Auf einmal tritt Noah in mein Leben, die Rollen vertauschen sich. Unsere Kamerafrau war in den Ferien, ich hatte eine kleine Videokamera bei mir, also habe ich selbst gefilmt. Am Ende habe ich aber nur sehr wenig von diesem Material im Film verwendet.
Hast du es schwierig gefunden, anders als bei deinen fiktiven Werken keine Kontrolle darüber zu haben, was in deinem Film passiert?
Total. Deshalb habe ich während dieser drei Jahre auch fiktive Kurzfilme nebenher gedreht, weil ich manchmal einfach nicht mehr konnte. Immer wenn ich aufgeschrieben hatte, in welche Richtung die Geschichte gehen könnte, machte Noah das Gegenteil.
Ich glaube, es ist gut, in seiner Arbeit mit Fiktion und Non-Fiktion abzuwechseln. Denn was im echten Leben passiert, ist oft verblüffend, und man käme nie darauf, so etwas in einem Drehbuch zu erfinden. In der Non-Fiktion wiederum ist es gut, ein wenig Kontrolle und Struktur zu gewinnen.
Welcher Moment im Film berührt dich besonders?
Da gibt es zwei Momente, von denen ich ein sehr starkes Bild behalte.
Einmal der Moment im Zug, in dem Noah seinen Vater anruft und in Tränen ausbricht. Das war das erste Mal, dass er vor mir geweint hat. Als ich gesehen habe, dass er weint, habe ich aufgehört zu filmen, mich hinter der Kamera versteckt und auch geweint.
Und dann Noahs Geburtstag. Wir waren nur zu viert: Noah, sein Freund Marco, die Kamerafrau Myriam und ich. Da habe ich gemerkt, dass ich bei einem Moment dabei bin, der für Noah sehr wichtig ist.
Und auf einmal macht man eben nicht nur einen Film für sich, wie es in der Fiktion ist, sondern man teilt einen unvergesslichen Moment mit einer anderen Person.
09. Juli 2025