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Rationalisierung und Relativierung von Problemen

Wir haben sie alle früher oder später, sie kommen in allen Formen und Stärken: Probleme. Jeder Mensch hat mit irgendwelchen Dingen zu kämpfen, ob selbst verursachte oder fremdverschuldete – niemand wird verschont. Kann man aber allgemein gewisse Probleme relativieren, also werten? Und sollte man seine eigenen Gefühle und Issues rationalisieren?

Von Sina Schmid

Ich selbst wäre Profi, wenn das Rationalisieren und Relativieren der eigenen Sorgen eine Disziplin wäre. Stetig vergleiche ich die meinigen Herausforderungen mit anderen Menschen und ihren Situationen und komme immer zum selben Schluss: Hör auf zu motzen, anderen geht es viel schlechter. Und auch wenn das zwar ein Fakt ist, ist meine Art der Bewältigung recht problematisch für mich selbst. Konkret heisst das: Ich spreche weder über meine Gefühle noch lasse ich ihnen freien Lauf, so machen sich diese eigensinnigen Dinge einfach selbstständig und überwältigen mich wenn ich es am wenigsten erwarte.

In der letzten Zeit habe ich mich vermehrt damit beschäftigt, nicht nur auf mich bezogen sondern ganz allgemein. Darf ich die Gefühle und Krisen anderer werten? Sollte jeder Mensch das sowieso tun? 

Jeder Mensch geht anders mit seinem Scheiss um, who am I to judge? Wer gibt mir das Recht zu urteilen, wer wie fühlen darf? Dennoch scheint es mir doch etwas schwierig nicht zu denken: «Hör auf dich zu beklagen wenn deine Bobochen im bigger Picture genau nichts sind.» Ist zwar ganz verständlich, aber auch nicht fair.

Eine reiche, abgesicherte Schweizerin hat mit anderen Sorgen zu kämpfen als eine alleinerziehende, verarmte Mutter aus Bosnien. Sind die einen Probleme schlimmer als die anderen? 

Sie sind anders. Wir befinden uns auf einer anderen Ebene der Maslowschen Pyramide. Heisst: wir können sie zwar unterschiedlich einordnen aber dürfen sie nicht zu stark werten oder urteilen. Besonders dann nicht, wenn es um Menschen geht die nicht wir selbst sind.

Die Probleme anderer habe nicht ich zu pragmatisieren, sondern sie selbst.

Bei mir ist es jetzt so: Gefühle müssen gefühlt werden, um danach analysiert beziehungsweise eben relativiert zu werden. Nachdem ich etwas erlebt habe muss ich mir Zeit lassen, um die Emotionen frei wüten zu lassen. Danach aber kommt die Aufräumarbeit. Wieso fühle ich so? Sind meine Gefühle gerechtfertigt? Ist dieses Problem wirklich so schlimm oder bemitleide ich mich selbst? Bin ich oder jemand anderes dafür verantwortlich? Wen kann oder muss ich zur Verantwortung ziehen? 

Kurz zusammengefasst: Niemand gibt mir das Recht darüber zu urteilen, wie Mensch mit seinem Kram umgeht, dennoch sollte ich auch mir selbst diese Höflichkeit nicht verweigern.