Was ist Literatur? Was macht grossartige Texte aus? Bei diesen Fragen gehen die Meinungen bekanntlich auseinander. Manche sagen, da spielt einzig und allein der Geschmack eine Rolle. So kann ein gut geschriebenes Kochrezept genauso viel auslösen wie das gesammelte Werk von Miguel de Cervantes. Andere argumentieren, es brauche sprachlichen Rhythmus, Komplexität und natürlich eine einwandfreie Rechtschreibung. In den meisten Fällen suchen wir gute Literatur in den Bereichen Lyrik, Prosa oder auch in Texten fürs Theater. Allerdings können auch in anderen Bereichen einige Perlen gefunden werden. Dazu gehören manchmal auch der Journalismus, ein gelungenes Seriendrehbuch oder Songtexte. Ein Musikgenre, bei dem die Songtexte eine ganz wichtige Rolle spielen, ist die Rapmusik. Das kommt nicht von ungefähr. Diese Musikrichtung entstand aus dem Bedürfnis heraus, auf rhythmische Art und Weise den Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Also quasi Poesie. Dieser Meinung ist auch Okan Yilmaz. Er ist Deutschlehrer, hat Germanistik und Philosophie studiert und war bisher immer mal wieder als Veranstalter tätig. Zudem macht er unter dem Namen OKIBABY auch gleich selbst Musik. Diesen Frühling hat er eine öffentliche Lesereihe zum Thema Rap-Texte lanciert. Wie ist er dazu gekommen?

«Seit ich denken kann, begleitet mich Rap durch die unterschiedlichsten Lebensphasen. Während meines Studiums durfte ich schliesslich ein freies Tutorat zur Poetik des deutschen Rap leiten, in dessen Rahmen mit dem Zürcher Rapper Skinny Stylus über seine Texte diskutiert wurde. Ich fragte mich, warum es Literaturgespräche über Romane, aber kaum ernsthafte Gespräche über Raptexte gibt», erklärt er auf Anfrage.
Nun soll sich das aber ändern. Mit dem Titel «Zwischen Demut und Grössenwahn» hat er im Karl*a der Grosse eine Talkreihe lanciert. Die erste Veranstaltung fand Ende März statt, im November wird ins Literaturhaus Zürich gewechselt. An den einzelnen Veranstaltungen wird jeweils ein*e Künstler*in des Genres zu einem Gespräch eingeladen. Die Gespräche werden angekündigt mit dem Slogan «Rap nicht vorführen, sondern verhandeln». Was ist damit gemeint?

«Ein Grossteil der Raptexte wird bis heute oft belächelt oder von aussen erklärt und vereinnahmt. Beides greift meines Erachtens zu kurz. Rap ist nie nur Text, sondern immer auch Ausdruck sozialer Verhältnisse, biografischer Brüche und kultureller Selbstbehauptung. Genau diese Vielschichtigkeit möchte ich sichtbar machen. Dabei interessiert mich insbesondere die Frage, wer über wen spricht, aus welcher sozialen Position heraus gesprochen wird und wem die Möglichkeit gegeben ist, bestimmte Erfahrungen artikulieren zu können», erläutert Okan.
Am 28. Mai findet der nächste Talk statt. Mit Rapkünstlerin Débikatesse als Gästin. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft. Im Oktober wird Samy Deluxe mit dabei sein. Dieser Event wird in Zusammenarbeit mit dem Literaturfestival «Zürich liest» organisiert. Auch hier zeigt sich wieder die Verbindung zwischen den Disziplinen. Für Okan eine interessante Schnittstelle: «Zwischen den Disziplinen bedeutet über den Dingen. Und genau dort können spannende Denkbewegungen entstehen. Wer sich zwischen Literatur und Musik bewegt, erkennt oft Dinge, die innerhalb einer einzelnen Disziplin verborgen bleiben.»