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Queer Sex – whatever the fuck you want!

Die Publikation «QUEER SEX – whatever the fuck you want!» ist eine Ode an die Vielfältigkeit der Menschen, ihrer Körper und alles was zwischen ihnen passiert. Im Gespräch mit dem Mitherausgeber und langjährigem Aktivisten Florian Vock über Erkenntnisse, Stigmatisierung, Sichtbarkeit und die wichtige Offenheit gegenüber queerem Sex.

Von Joshua Amissah

Irgendwo zwischen Scissoring, Sexgeschichten und schwulem Sex finden sich auf 160 Seiten zentrale Themen im Kontext queerer Sexualität. Collagenartig und eklektisch aufgebaut werden Themenfelder angesprochen, die in gängigen Formaten und Publikationen keinen Einlass finden. Mit einer selbstbewussten Selbstverständlichkeit positioniert sich das kreative Printprodukt irgendwo zwischen „Schmuddel Magazin“ und Hochglanzpublikation, wodurch tabuisierte Inhalte aus einer lebensnahen Perspektive beleuchtet werden. Die bei Print Matters erhältliche Publikation ist eine anregende Ansammlung von stimmigen Textformen, intimer Fotografie und humoristischen Illustrationen für jemensch.

Die Arbeit am tollen Buch hat sich ja über 2 Jahre erstreckt. Wie kam es zum Projekt und was waren wegweisende Erkenntnismomente im Prozess?

Florian Vock: Eigentlich ganz einfach: wir wollten ein queeres Sex Mag machen. Ein «Schmuddelheftli», das Spass macht. Ziel des Projektes ist es eigentlich bis heute, möglichst viele Menschen zur Selbstbefriedigung zu animieren, oder einfach die Freude am Sex zu vermitteln. Besonders geprägt hat uns die Diskrepanz zwischen dem was man sieht und dem was man denkt oder erwartet, und dem was wirklich ist, wenn tatsächlich nachgefragt wird. Die von uns erfahrene Offenheit zur Sexualität entspricht überhaupt nicht dem Klischee von Verschwiegenheit und Geheimnistuerei. Eine andere Erkenntnis war auch, dass es einfach keine Räume gibt, um sich darüber auszutauschen. Man braucht mehr Orte, wo queere Sexualität stattfinden kann. Das können Gesprächsräume sein, Sexpartys oder auch einfach Ausdrucksformen in der Kunst. Nebst der Auseinandersetzung mit dem Thema geht es auch darum Zugänge zu schaffen, und den Mut zu finden vielleicht auch einmal etwas Neues auszuprobieren. Queere und übergriffsarme Sexualität können wir nicht einfach mit politischer Konzeption und Safe-Space-Regeln neu organisieren. Vielmehr müssen solche Vorstellungen verinnerlicht und verstanden werden, denn in Worte gefasste Überzeugungen kommen bei Lust, Freude und Abenteuer manchmal einfach an ihre Grenzen. Das ist komplex und deswegen sollten gerade bei einer Sexualität, die Normen überschreitet oder Grenzen erweitert.

Was müsste sich deiner Meinung nach ändern, damit «Queer Sex» nicht nur in heteronormativen Kontexten, aber auch in der queeren Community selbst weniger stigmatisiert wird?

Florian Vock: Ich weiss gar nicht, ob queerer Sex in unserer Community so stark stigmatisiert wird. Es gibt einfach sehr unterschiedliche Räume und Orte dafür. Ich finde wir als Herausgeber*innen einer Publikation und auch als Veranstalter*innen haben ebenso die Aufgabe Sexualität zugänglicher zu gestalten. Ich habe das Gefühl manchmal sind wir mit unseren komplex angedachten Sexparties «so cool» und kulturell wertvoll, dass es manchmal gar nicht mehr so leicht wird, einen Zugang dazu zu finden. Ich verstehe es als unsere Aufgabe, Räume zu ermöglichen, die über unseren engeren Freundeskreis hinausgehen. Das ist eine grosse Herausforderung, aber ich denke das ist wichtig, wenn wir eine lebendige und vielfältige Community sein wollen. So eine Haltung führt zwangsläufig zu Herausforderungen, weil wir Queers begegnen, die nicht genau so denken und sind wie wir. Umso wichtiger, dass wir eigene heterosexistische Perspektiven hinterfragen.

Auch in unserer Kultur und unseren Handlungen sind sie tief verankert. Es trägt niemand eine Schuld daran, und unser Buch will zeigen, wie es punkto sexueller Offenheit auch gehen könnte.

Sexuelle Tabuisierungen gegenüber verschiedenen Gruppierungen in der LGBTQ+ Community unterscheiden sich ja auch sehr stark voneinander. So wird lesbischer Sex im Vergleich zu schwulem Sex gesellschaftlich ganz anders behandelt. Wo siehst du die du Beweggründe für solche Diskrepanzen?

Florian Vock: Queere Sexualität ist darum spektakulär für Heterogesellschaften, weil man klassische Geschlechtermodelle hinterfragt. Weiblichkeit und Männlichkeit, das hat da nicht den gleichen Wert. Subjekt/Objekt, Dominant/Devot, Aktiv/Passiv, Ficken/Gefickt werden. Alle diese Gegensätze sind den zwei Geschlechtern zugeschrieben. Und wir machen Sex so, dass dieses fein austarierte System von Binariät kaputt geht. Wenn man schwulen und lesbischen Sex vergleicht sieht man extrem gut, dass es nicht auf die gleiche Art ein Vergehen an der Norm ist. Schwuler Sex ist ein «Vergehen», weil ein Mann einen Mann begehrt und lesbischer Sex ist ein «Vergehen», weil Sex offensichtlich ganz gut funktioniert ohne Männer. Das ist eine ganz unterschiedliche Konzeption und damit sind auch die Reaktionen einer heteronormativen Gesellschaft anders. Schwuler Sex ist aufgrund des männlichen Begehrens eine Bedrohung für die Männlichkeit und lesbischer Sex ist eine Bedrohung, weil es keinen Mann braucht. Da spielen viele Mechanismen mit rein und es gibt auch viele Überschneidungen mit anderen Diskriminierungen wie zum Beispiel Rassismus. Man muss auch nicht alles in einen Topf werfen, aber wenn man das macht, dann ist die Perspektive diese: Es gibt eine heterosexuelle Norm und was von dieser Norm abweicht, wird gesellschaftlich sanktioniert. Genau deswegen müssen die Menschen, die sanktioniert werden, sich solidarisch zusammenschliessen. Das heisst nicht, dass wir alle miteinander schlafen müssen, aber wenn schwule Männer und lesbische Frauen ganz klassisch diskriminiert werden, dann sieht das einfach unterschiedlich aus und es sind unterschiedliche Mechanismen dahinter. Aber sie vereint eine ähnliche gesellschaftliche Struktur, die das vorantreibt.

Der Begriff «sexpositiv» wurde ja ursprünglich sehr stark von Feministinnen geprägt und hat in den letzten Jahren einen ziemlichen Aufschwung erfahren. Was bedeutet «sexpositiv» heute?

Florian Vock: Für mich persönlich sind solche Schlagworte auch oft leere Versprechen. Eine sexpositive Party ist ja grundsätzlich auf dem Niveau, dass alle sich unglaublich viel Mühe geben, um cool und sexy zu sein. Ich weiss gar nicht, ob da so viel Sex passiert. Gerade in der schwulen Subkultur war ja eigentlich immer jedes WC ein sexpositiver Raum, aber es hat auch niemand mit «sexpositiv» angeschrieben. Ich denke man will mit dem Wort auch oft ausdrücken, dass Sexualität nichts ist, was

verheimlicht werden muss. Es darf ein Thema sein und dessen Enttabuisierung ist auch die gute Seite des Begriffes. Vor allem, dass die weibliche Sexualität überhaupt erst stattfinden darf und man darüber reden kann oder soll. Das ist sicherlich ein grosser Erfolg. Gerade bei schwulen Männern würde es aber auch nicht schaden sich über die eigene Sexualität mehr auszutauschen, statt einfach nur miteinander Sex zu haben.

Welche Mittel und Mechanismen müssen in Gang gesetzt werden, um auch die Gesellschaft als Ganzes für einen respektvolleren Umgang mit dem Thema zu sensibilisieren – und braucht es das überhaupt?

Florian Vock: Das ist eine gute Frage: müssen unsere Mütter wissen, was in dem Buch steht? Nicht unbedingt. Die Frage ist, ob es ihnen in ihrem eigenen Leben auch etwas bringen würde. Unser Buch hat nicht für alle eine Bedeutung, das ist völlig logisch. Solch eine Publikation hat ja immer auch Sichtbarkeit zum Ziel. Unsere Community ist wie eigentlich alle Subkulturen im Hinblick auf Wissen enorm informell. Man erfährt es irgendwie, und dann weiss man es irgendwie und plötzlich ist man 25 bis man noch etwas Weiteres erfährt. Das Buch ist ein Versuch das Wissen, was wir alle haben, festzuhalten und besonders für jüngere Queers besser teilbar zu machen. Das eine oder andere wird vielleicht etwas zugänglicher oder ist verständlicher. Wissen ist ja auch immer eine Ressource für Selbstbestimmung und ich wünsche mir ganz viele Eltern und andere Menschen, die das Buch auch lesen und vor allem ihren queeren Kindern, egal ob biologisch oder gewählt, schenken!