Bereits vor zwei Jahren hat das Team der Zürcher Filmproduktionsfirma «farbfilm studio» ein kleines Openair-Screening für geladene Gäst*innen kuratiert. Der Vorstellungsabend im kleinen Kreis war ein Erfolg. Diesen Samstag, 12. Juli, ab 18:00 Uhr fährt das «farbfilm studio»-Team im «Summergarte» in Zürich grössere Geschütze auf.
Ab dem Eindunkeln werden auf dem Kasernenareal in Zürich neun Kurzfilme gezeigt: Geschichten von Freund*innen, lokalen Kreativen und Menschen, die dem Team am Herzen liegen. Snackable. Unterhaltsam. Witzig. Interessant. Traurig. Mit dabei sind Filme, die dir vielleicht bekannte Situationen näherbringen, dich zum Grübeln bringen könnten, solche, die sich nicht zu ernst nehmen, und auch Filme, die vielleicht wichtiger sind, als du gedacht hättest. Hier findest du unterschiedliche Perspektiven aufs Leben. Verschiedene Arbeitsweisen. Und Themen, die diese Menschen dazu bewegt haben, einen Film zu drehen.
Das Programm
«Miguel» von den Gasser Brüdern
«22 Chicha» von Michael Elsasser
«La Cordà” von Milan Friedlos, Yura Chaim und Luis Kunfermann
«Toubab» von Valentine Coral und Marie-Camille Loutan
«Bashkimi United» von Lasse Linder
«Im Stau» von Alan Sahin
«It’s easy to do the right thing» von Nicolás Mennel
«T’inquiète» von Binta Kopp
«Heart Shaped Bed» von Andrea Crisci
Einige der Filme möchte ich genauer vorstellen:
«La Cordà» von Milan Friedlos, Yura Chaim und Luis Kunfermann
Ein experimenteller Kurzfilm, der die lebhaften pyrotechnischen Festivitäten inund rund um Valencia zeigt. Der Film fängt dieses Spektakel in einer rohen, spontanenArt und Weise mit Action-Kameraausrüstung ein.
Milan Friedlos zeigt auch in vergangenen Arbeiten eine besondere Taktilität im Bezug auf die Darstellung von Umgebungen. Seine Art, Dinge einzufangen und weiterzugeben, fasziniert. Yura Chaim ist ein talentierter junger Soundscape-Künstler. Das Feuerwerk wird also nicht nur visuell zur sensorischen Erfahrung gemacht.

«T’inquiète» von Binta Kopp
In dieser Traumwelt verschwimmen die Grenzen und das Surreale wird real. Musik und Bilder fliessen ineinander und laden uns in eine zeitlose Welt ein, in der alles miteinander verbunden ist. T’inquiète erinnert uns an die stille Kraft des Traums. Ein Raum der Bedeutung, der Schönheit und der Verbindung jenseits des Alltäglichen.
Binta Kopp überzeugt in ihren Arbeiten immer wieder mit besonders origenellen Herangehensweisen. Die Künstlerin setzt die Zuschauer*innen genau dort in das Geschehen, wo sie diese haben will. Introspektivität trifft auf kraftvollen Ausdruck.

«Heart Shaped Bed» von Andrea Crisci
«Heart Shaped Bed versucht, die Kluft zwischen sexuellem Verlangen und emotionalem Abgrund zu überbrücken. Mit androgynen Stimmen wechselt die Hauptfigur in vier Akten fliessend ihre Geschlechteridentitäten – von der Beherrschung der Intimität bis zum Eskapismus in Form des Euphoniums. Eine Hommage an eigene Abgründe, eine herzliche Beerdigung des gequälten Selbst und das Verschwinden des Anderen.»
Andrea Crisci neigt zu bildlichen analogien, methamorphosen und poetischen Sinnbildern die Worte ersetzen können. Ungesagtes wird sichtbar. Der Künstler fasziniert mit einem prägnanten eigenen Stil in einem noch jungen Alter.

Gemeinsam mit Flo Brunner von «farbfilm studio» haben wir uns Gedanken über Film als Kunstform in der Schweiz, über die Veränderungen der visuellen Medien generell und über die Vorteile eines zugänglichen Kino Dispositivs gemacht:
Filmschaffen ist ein arbeitsteiliges Unterfangen. Jeder Film entsteht in einem hochgradig kollaborativen Prozess. Von der ersten Konzeption bis zur vorführfertigen Version arbeiten zahlreiche Menschen gemeinsam an einem Projekt: am Drehbuch, im Casting, in der Vor-, Linien- und Postproduktion, am Set in Bildgestaltung, Kamera, Licht, Bühnenbild, Maschinerie, Kostüm und Maske sowie im Ton und dessen Abmischung nach den Dreharbeiten. Im Schnitt, in der Farbkorrektur, bei Computeranimationen, Grafik und technischer Abwicklung bis hin zum Vertrieb.
Die Wahl der richtigen Ausstellungsplattform trägt dabei massgeblich zur Anerkennung und Genugtuung all jener Handwerker*innen und Künstler*innen bei, die ihre Expertise eingebracht haben. Denn finanzielle Genugtuung bleibt bei den meisten Filmprojekten in der Schweiz knapp bemessen. Zwar ist Film als Kunstform eine der populärsten, doch weil das Filmschaffen eben so kollaborativ ist und so viele Menschen an einem Film arbeiten, – ist die Finanzierung und ebenso die Verteilung von Fördergeldern sehr schwierig. Das zeigt sich nicht zuletzt beim Vergleich der Höhe der nationalen Kulturfördergelder-Vergabe mit den branchenüblichen Richtlöhnen.
Das visuelle Medium selbst verändert sich rasant. Sensibel gestaltete Bilder oder der Einsatz visueller Methoden zur Vermittlung transkünstlerischer Anliegen weichen immer häufiger einer Flut schnelllebiger Inhalte. Trash-TV und TikTok dominieren – das ist keine Wertung, sondern eine Feststellung. Schneller, mehr, massenhaft. Gesehen wird, was auf grossen Plattformen sichtbar gemacht wird. Auch Filme, die den Anspruch haben, eine eigenständige Sicht auf das Leben zu vermitteln – nicht mal zwingend tiefschürfend, aber klar in ihrem Point of View – finden in der Flut algorithmischer Inhalte kaum noch Raum. Ihre Sichtbarkeit entsteht heute auf Instagram-Kanälen, Websites von Agenturen und Managements. Der Konkurrenzdruck ist gross, oft international, und die Plattformen sind branchenspezifisch ausgerichtet.
Doch der künstlerische Moment liegt auch in der Zugänglichkeit für ein breites gesellschaftliches Spektrum. Es geht um zwei Ebenen: die eigene Arbeit nach aussen zu tragen – und das Aussen in die eigene Arbeit einzuladen. In einer Zeit, in der Filme oft allein am heimischen Bildschirm konsumiert werden, bleibt das Kino ein Ort des Erlebens. Hier wird Kultur anders erfahren – näher, grösser, unmittelbarer. Die Leinwand im öffentlichen Raum schafft einen gemeinsamen Erfahrungsraum, in dem Filme nicht nur individuell rezipiert, sondern im Austausch mit anderen Menschen erlebt werden. Das Kino wird so zu einem Ort, an dem Kunst und Gesellschaft in direkten Kontakt treten können. Uns persönlich berührt es besonders, wenn wir Filme von Menschen sehen, die lokal verwurzelt sind oder zu denen man zumindest geografisch einen Bezug herstellen kann. Frei zugängliche Openair-Kinos, die lokale Künstler*innen und lokales Filmschaffen zeigen, ermöglichen genau das: eine Beziehung zum aktuellen kulturellen Filmschaffen unserer Umgebung aufzubauen.

OPENAIR CINEMA – farbfilm x Summergarte
Samstag 12.Juli 2025, 20:00, Kanonengasse 18c, 8004 Zürich
10. Juli 2025