Logo Akutmag
Icon Suche

Mein Leben, ich vermisse dich!

Ich hatte jetzt einen Monat Zeit mir zu überlegen, was ich mir von diesem Jahr erhoffe, und bin zum Entschluss gekommen, dass es banale Dinge sind. Ich vermisse nämlich gerade so viel.

Von Vanessa Votta

Ich vermisse es, meine Freunde regelmässig zu sehen. Mit ihnen zu lachen, stundenlang bei einem Glas Vino zu reden und mich nicht darum kümmern zu müssen, ob wir jetzt zu sechst zusammengequetscht auf dem Sofa sitzen. Denn ab einem gewissen Moment an solchen Abenden, spielt der körperliche Abstand nämlich keine Rolle mehr. Dann, wenn man sich nach zu vielen Gläser Wein ungehemmt in die Arme fällt und der Moment der Liebe und Unbeschwertheit in diesem Moment alles andere in den Schatten stellt.

Ich vermisse die spontanen Abende auf der Terrasse meiner Lieblingsbar. Dem regen Kommen und Gehen am Nebentisch meine volle Beachtung zu schenken und die vielen glücklichen Begrüssungs- und Verabschiedungsumarmungen zu beobachten. Ich vermisse es, mich mit fremden Menschen zu unterhalten ohne, dass sich mein Gegenüber vor einer möglichen Ansteckung fürchtet. Keine Angst, Distanz oder Lücke, einfach nur zwischenmenschliche Begegnungen, die der Seele und dem Geist guttun.

Ich vermisse meine Grosseltern. Ich sehe sie zwar ab und zu, aber doch nicht wirklich. Mit genügend Abstand und Masken fühlt es sich an, als würden uns Welten trennen. Wo ich doch normalerweise beide so oft und intensiv als Teil in meiner Welt habe. Die spontanen Nachmittage im Café mit meinem Grosi, sind zum essentiellen Teil von meinem Leben geworden, auf den ich im Moment mit sehr viel Mühe verzichten muss. Ich vermisse die Sonntage bei meiner Nonna, an denen ich jedes Mal zu viel esse und mir schwöre mich beim nächsten Mal zurückzuhalten, es dennoch nie tue. 

Ich vermisse mich. So wie ich war und so wie ich sein könnte. In den gleichen vier Wänden fehlt mir die Inspiration und Motivation, Dinge zu tun, die mich weiterbringen. Ich habe das Gefühl nicht mehr weiterzukommen. Egal wohin – Hauptsache weiter. Ich brauche die Vorfreude auf irgendetwas. Diese Aufregung und Spannung bis zu einem gewissen Ereignis, wirkt belebend auf mich. Im Moment lebe ich in den Tag hinein, ohne mich an etwas festhalten zu können.

Ich vermisse das Gefühl des Unberechenbaren, wenn ich am Morgen meine Wohnung verlasse und mich ins Leben stürze.

10. Februar 2021