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Lieblingstier: Aggro-Wels

Dieser Sommer war der Sommer der Welse. Sie beissen, sie machen Krawall, sie schaffen es in alle Zeitungen. Aber vielleicht werden sie noch zu den missverstandenen Helden des Klimawandels und Rettern der Menschheit gekürt.

Von Lea Schlenker

Wenn ich träume, dann träume ich in der Regel nichts Schönes. Ich träume aber auch nichts Schlechtes. Ich träume Bizarres. Kürzlich habe ich in so einem Traum etwas von einem Amt gebraucht. Vielleicht einen Führerschein, vielleicht Geld, vielleicht habe ich vergessen, meine Steuern zu bezahlen. Nachdem ich von besagtem Amt wochenlang ignoriert wurde und meine zahlreichen Telefonate und E-Mails unbeantwortet blieben, bestand ich irgendwann darauf, persönlich bei ihnen vorbeizugehen. Es kommt jetzt keine Geschichte darüber, wie ich mich auf dem Amt verlaufen habe. Ich möchte es lyrisch nicht mit Mani Matter aufnehmen, genau so wenig wie ich gegen Boris Becker Tennis spielen möchte. Es gab auch keine emotionalen Szenen auf dem Amt. Die Frau am Schalter hatte eine Engelsgeduld mit mir. Sie verliert nie die Selbstkontrolle, denn sie arbeitet auf einem Bundesamt, und das ist der Inbegriff von Selbstbeherrschung. Das einzig Erzählenswerte, das mir in diesem Traum passiert ist, ist, dass mir auf dem Amt mitgeteilt wurde, dass ich kein Mensch sei. Ich habe einen Antrag gestellt, der abgelehnt wurde, weil das Amt beschlossen hat, dass ich ein Hund bin. Irgendwer, der meine Dokumente geprüft hat, hat das so entschieden. Auf die Frage, ob die antragstellende Person ein menschliches Wesen ist, wurde ein dickes Kreuz bei der Antwort «Nein» gemacht. Die Frau am Schalter verzog keine Miene, während sie mir dies mitteilte. Sie klimpert ein paar Mal mit ihren Ghost Lashes und schickte mich dann wieder raus. Ich konnte nichts machen. Das Amt entscheidet. Ich hätte toben, mich auf den Boden werfen, auf zwei Beinen gehen oder provokativ vor einem Hydranten vor dem Gebäude pinkeln können (was vermutlich meinem Fall nicht gerade helfen würde), aber schlussendlich musste ich es einfach akzeptieren. Eine Instanz, höher als die meine, hat gesprochen.

Am nächsten Tag fühlte ich mich in der Verpflichtung, meine Freundinnen mit dem Traum zu nerven. Statt meinem Traum aber die kafkaeske Schwere zuzusprechen, die er verdient hätte, endeten die Unterhaltungen meistens in Diskussionen zum Thema «Spirit Animal». Ich wäre schon nicht so der Hund, sondern eher eine griesgrämige Katze, meinte die eine. Oder, wie die vierjährige Tochter dieser Freundin meinte, eine Buchstabensuppe. Aber genau so, wie ich kein Hund sein möchte, möchte ich auch keine Katze oder eine Buchstabensuppe sein. In der SPIEGEL-Ausgabe von Ende Juli habe ich nämlich gelesen: Es ist die Zeit der Welse. Oder zumindest war das der Sommer der Welse. Sie beissen, sie machen Krawall, sie schaffen es in alle Zeitungen. Für mich war damit eigentlich alles klar: Ich wollte ein Wels sein. Ein Aggro-Wels, wie der Blick schreibt. Oder das «Monster vom Gardasee». Würde man mich als «wachsendes Problem» bezeichnen – die Behörden würden meine Anliegen vermutlich wesentlich schneller abwickeln. Ich wäre niemandes Willkür ausgesetzt. Ich würde in der überhitzten Aare schwimmen, ab und zu einen Hund verschlingen und wegen der hohen Temperaturen immer wütender werden. Viele Menschen sagen ja, man solle in den heissen Monaten rausgehen, den Sommer geniessen. Ich verstehe die Aussage nicht ganz. Ich muss hier wohl kaum wiederholen, was für einen Sommer wir hatten. In Frankreich und Spanien brannten die schönsten Wälder der Welt nieder. Der Park in meiner Nachbarschaft ist mittlerweile so ausgetrocknet, dass er der Mondoberfläche ähnelt. Den Sommer können wir alle schon längst nicht mehr geniessen. Auch der Wels geniesst den Sommer nicht mehr und wird aggro.

Aber das Poetische an der ganzen Sache ist doch folgendes: Solange das Tier in unseren heimischen Gewässern schwimmt, können wir ihm und der Erinnerung an den Klimawandel nicht entkommen. Wir können zwar von den Flammen fliehen, die Nachrichten ignorieren, über das Feuerwerksverbot schimpfen. Aber solange Berner*innen nicht in die Aare, Zürcher*innen nicht in die Limmat oder Basler*innen nicht in den Rhein können, kann hier überhaupt niemand mehr etwas geniessen. Schon gar nicht den Sommer. Und auch wenn jetzt schon wieder fast der Herbst da ist und die Sorgen um den Klimawandel ein Jahr pausieren dürfen: Ich wäre schon gerne ein Wels. Ich würde bloss eine Plattitüde nach der anderen von mir geben. Was hingegen keine Plattitüde ist: ein herzhafter Biss in die Wade. Von einem missverstandenen Monster im lokalen Gewässer.

19. September 2026

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