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«La petite dernière»: Grosses Kino, leises Queer-Coming-of-Age

Die französische Schauspielerin und Regisseurin Hafsia Herzi adaptiert in ihrem Regiedebüt «La petite dernière» den gleichnamigen Roman von Fatima Daas. Sie und Protagonistin Nadia Melliti erzählen eindringlich und realitätsnah von einer queeren Jugendlichen, die zwischen Glauben und heteronormativer Sozialisierung um Selbstakzeptanz ringt.

Von Natacha Rothenbühler

Fatima ist 17, muslimisch und lesbisch – «in the Closet». Denn in ihrem sozialen und religiösen Umfeld werden Themen wie Liebe und Queerness nicht besprochen. Sie wächst in einem Pariser Vorort in einer traditionsbewussten französisch-algerischen Familie behütet auf. Ihre Mutter und ihre beiden älteren Schwestern sind häufig in der Küche, während ihr Vater auf dem Sofa schläft und sich umsorgen lässt. Fatima, die jüngste Tochter, macht ihr eigenes Ding, spielt Fussball, trägt am liebsten einen strengen Pferdeschwanz und Jogginganzug und gehört in der Schule zu den «Bros». Als jemand aus ihrer Klasse einen Witz über Homosexuelle macht und sie als Lesbe bezeichnet, rastet sie komplett aus und verprügelt den Mobber.

Immer wieder sieht man Fatima im Morgenlicht im hellblauen Hijab beten und nachdenklich aus dem Fenster schauen. Wie bleibt man sich selbst treu, wenn die eigene Identität aus scheinbar widersprüchlichen Teilen besteht? Diese sichtbare Zerrissenheit spielt Schauspielerin Nadia Melliti in ihrem Filmdebüt sehr reduziert, dafür umso glaubhafter.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen, autofiktionalen Roman der Autorin Fatima Daas, der 2021 erschien und mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Die Filmadaption ist der dritte Spielfilm von Schauspielerin und Regisseurin Hafsia Herzi. Er feierte an den Filmfestspielen von Cannes im August 2025 Weltpremiere und wurde mit der Queer Palm ausgezeichnet, während Hauptdarstellerin Nadia Melliti den Preis für die beste Darstellerin erhielt – und das für ihr Schauspieldebüt.

Als Zuschauer*innen begleiten wir die Protagonistin in einem intensiven Jahr der Suche nach sich selbst. Eigentlich hat sie einen Freund, aber dass das nicht die grosse Liebe ist, merken sie beide. Er wünscht sich, sie würde sich femininer anziehen und ihn irgendwann heiraten. Doch Fatima lässt sich nicht verbiegen und das Ganze ist schon bald vorbei. Sie meldet sich als «Linda», 19, auf einer queeren Dating-App an und stürzt sich nachts, stets mit Cap und Kapuze getarnt, ins lesbische Datingleben. Absolute Perle: die Szene, als sie zum ersten Mal jemanden trifft und die deutlich ältere Frau nach ihren «Spécialités» beim Sex fragt. Ab diesem Treffen ist etwas in ihr freigeschaltet, sie geht zum ersten Mal in eine Gay-Bar, flirtet, raucht und küsst verschiedene Frauen. Ständig schwingt beim Zuschauen unterschwellig ein Gefühl der Gefahr mit – dass sie bei ihren nächtlichen Eskapaden erkannt wird oder ihr etwas zustösst.

Schliesslich verliebt sie sich in die dreissigjährige Ji-Na, gespielt von Park Ji-Min. Mit ihr erlebt sie sämtliche erste Male – auch ihren ersten Heartbreak. Diesen versucht Fatima zu überwinden, indem sie sich voll und ganz auf ihr neues Literaturstudium und ihre neuen Freund*innen konzentriert, von denen selbst einige queer sind und ihr raten: «À un moment, il faut vivre» – «irgendwann musst du anfangen zu leben». Aber als sie Monate später eine Nachricht von Ji-Na erhält, ist Fatima sofort wieder zurück bei ihr.

Durch die einfache Bildsprache und die Kamera, die immer nahe auf den Gesichtern bleibt, wird das realitätsnahe Schauspiel noch verstärkt. Etwa die Hälfte des wunderschönen, atmosphärischen Films spielt in der Nacht, ganz nach Fatimas Anschauung: «Tout est plus beau la nuit».

Etwas schleppend geraten ist der Schnitt wegen zu vieler Schwarzblenden. Ausserdem ist die Musik zuweilen cheesy; Stille würde den ohnehin reduzierten Szenen noch mehr Kraft geben. Und obwohl die toxische Beziehung zwischen ihnen sehr realistisch dargestellt ist, wird meiner Meinung nach zu wenig auf Fatimas Minderjährigkeit und das dadurch bestehende Machtgefälle in Alter und Erfahrung eingegangen.

Aber all das verzeiht man dem Film, weil er das Coming-of-Age sensibel, glaubwürdig und ohne Überzeichnung einfängt. Kleiner Spoiler: Bei der Schlussszene unbedingt ein Taschentuch bereithalten.

«La petite dernière» kommt am 18. Dezember 2025 in die Kinos.
107 Min., Französisch mit deutschen Untertiteln

16. Dezember 2025

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