Ich würde weder Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) noch Pablo Picasso (1881-1973) als Vorzeigemänner bezeichnen. Der eine war psychisch labil und hatte womöglich pädophile Tendenzen, der andere war narzisstisch und misogyn – nothing rare and nothing has changed. Dennoch wurden beide mit einem Talent gesegnet, das ich nicht leugnen kann. Meine Aversion gegen Picassos Person hat jedoch schon früh dazu geführt, dass ich mich nicht intensiv mit seiner Kunst beschäftigt habe – so gut das eben geht, wenn man sich für Kunst interessiert. Anders ging es mir mit Kirchner. Bereits einige Male bin ich nach Davos gepilgert, um das Kirchner Museum, das übrigens in einem beeindruckenden Bau von Annette Gigon und Mike Guyer aus dem Jahre 1991 untergebracht ist, zu besuchen und mich mit seinem Schaffen und seiner Person auseinanderzusetzen. Eine tragische Figur. Ein Suchender, unsicher, sensibel, ambivalent. Am 15. Juni 1938 beendete er sein Leben selbst in Davos – mit einem Schuss ins Herz.

Gezeichnet vom Ersten Weltkrieg suchte Kirchner Anfang des 20. Jahrhunderts, wie so viele andere Künstler*innen der damaligen Zeit, Heilung und Ruhe in Davos. Diese fand er auf der Stafelalp. Bei meinem letzten Besuch in Davos hatte ich die Möglichkeit, das Haus, in dem er lebte, zu besuchen. Schnitzereien in den Wänden erinnern an Kirchners Tage in der kleinen Hütte. Während er seinen Sommer auf der Alp verbrachte, organisierte seine Partnerin Erna Schilling in Berlin seine Angelegenheiten und ermöglichte ihm dadurch finanzielle Unabhängigkeit und die Zeit zur Genesung. Sie folgte ihm später nach Davos, wo sie das Haus «In den Lärchen» bezogen. Während seiner Jahre in der Schweiz besuchte Kirchner mehrmals Ausstellungen Picassos in Zürich und war schwer beeindruckt und inspiriert von seiner Arbeit. So inspiriert, dass er sogar beginnt, einige von Picassos Arbeiten mehr oder minder auffällig zu kopieren und sie falsch zu datieren. Picasso selbst schien Kirchner als Künstler nicht wahrzunehmen. Zumindest gibt es keine Hinweise darauf.

Nun aber hängen die Werke Seite an Seite in Davos – und Kirchners Wunsch geht damit endlich in Erfüllung. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Malerei, die durch eine Auswahl an grafischen Arbeiten, Zeichnungen und Skulpturen ergänzt wird. Sie umfasst etwa 100 Werke sowie zahlreiche internationale Leihgaben aus renommierten Sammlungen. Ihre Gemeinsamkeiten werden in der Ausstellung ebenso sichtbar wie ihre Differenzen.
Während Kirchner viel mit signifikanten Farben und starken Emotionen arbeitete, wirkt bei Picasso alles etwas distanzierter, durchdachter – und geometrischer. Kubismus. Picasso beschäftigte sich eine lange Zeit seines Schaffens mit Formen. Kirchner suchte derweil Inspirationen im pulsierenden Leben der Grossstadt. Er fand sie im nächtlichen Berlin. Prostitution. Später Tanz. Letzteres eine Kunstform, die auch Pablo Picasso zu einigen Werken inspirierte. Oder zumindest die Frauen, die sie ausübten.

Kirchner wie auch Picasso reagierten mit ihrer Kunst auf gesellschaftliche und politische Ereignisse ihrer Zeit: Krieg, Industrialisierung und neue Vorstellungen von Freiheit, Körper und Identität. Gründe, warum Kirchners wie auch Picassos Werke während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis als entartet eingestuft wurden. Diese Auseinandersetzung mit den Entwicklungen in ihrer Umwelt, spiegelt sich nicht nur in den Werken, sondern auch in der Kuration wider. Chronologisch sortiert, ist jeder Raum einem gesellschaftlichen Ereignis gewidmet.

Die Ausstellung ist beeindruckend. Etwas zu unkritisch den Männern hinter den Künstlern gegenüber, aber dennoch sorgfältig kuratiert und kontextualisiert. Sie regt zum Weiterdenken an. Etwas, das wir sowieso alle trainieren sollten.
«Kirchner.Picasso» ist noch bis zum 3. Mai im Kirchner Museum in Davos zu sehen.
06. April 2026