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Ist die Zuckerwatte noch volksnah?

Die Chilbi ist das demokratischste Fest der Schweiz. Hier treffen sich Banker*innen und Arbeiter*innen, Kinder und Grosseltern, Landwirt*innen und Studierende – alle im gleichen Karussell. Ein Essay über Volkskultur, Stolz und die vergessene Würde des Vergnügens.  

Von Lino Kalt

Ich setze das Luftgewehr an, richte Korn auf Kimme aus und ziehe mit meinem Zeigefinger den Abzug. Der neongrüne Plastikstern zerspringt mit einem dumpfen Knall in hundert Teile. Ich darf ein Plüschtier aussuchen und entscheide mich für den pinken Esel, der sich per Reissverschluss vollständig in seine eigenen Ohren einpacken lässt. Ich muss schmunzeln. Beim Kamelrennen gleich um die Ecke gewinne ich erneut ein Kuscheltier. Das Geräusch der Holzkugeln, die über die harte Kunststofffläche rollen, während die Moderatorin durch ein Mikrofon lauthals kommentiert, wie schnell «Ahmed», mein Kamel-Jockey, seine Konkurrenten abhängt – Musik in meinen Ohren. Ich versuche, beide Gewinne an Kinder in meinem Sichtfeld zu verschenken, doch habe keinen Erfolg. Sie haben ihre eigenen. Oder ihnen gefällt die Farbe nicht. 

An der Basler Herbstmesse herrscht Hochbetrieb. Die Menschen haben sich herausgeputzt. Glänzende Moncler-Jacken und polierte Sneaker verstärken den Effekt der hektischen Lichter, die mich nahezu erblinden lassen. Die Luft riecht nach billigem Markenparfüm, heissem Fleisch und gebratenen Mandeln. Alt und Jung trinken zusammen Bier, einfache Schnapsmischungen und Glühwein. Der Basler Kasernenplatz ist voll, trotz Regen und kalten Böen. Ich schnappe Gesprächsfetzen auf; es geht um Familienprobleme, Liebschaften, Arbeit, Wünsche und Träume. Es wird gefragt, was man sich als Nächstes anschauen will. Debattiert darüber, ob der 80 Meter hohe Freifallturm die acht Franken Eintrittspreis wert sei. Untermalt werden die Konversationen von schlecht verstärkten, schrillen Discohits aus den Boxen der Spielbuden und Fahrgeschäfte. Ich staune noch einen Moment, bis ich von einem Kinderwagen angefahren werde. Ich ziehe weiter. Ich will zum freien Fall.

Ich beobachte Teenager, die sich unter vorgehaltener Hand oder vorgehaltenem Handy die Faszination füreinander gestehen. Nummern tauschen. Zusammen Selfies machen. Auch die gelegentliche Konfrontation mit anderen Gruppen gehört dazu. Heute Abend eskaliert das jugendliche Kräftemessen nicht. Man misst die Stärke an der Boxmaschine, wo Fäuste in extremem Tempo auf den Boxsack treffen, der dann mit einer dreistelligen Nummer den Schlag bewertet.

Chilbi – der süsse Lärm des Volkes

Ich bin mit dem Geruch von Bratwurst und Bier aufgewachsen, nicht mit dem Klang von Arien. Für mich war Kultur nie etwas, das man sich erarbeiten oder erklären musste. Sie war einfach da, auf dem Quartierplatz, auf der Chilbi, in der Art, wie Menschen sich zusammenfinden, lachen, streiten, trinken, tanzen. Kultur hiess für mich immer: sich austauschen – mit Worten, Gesten, Gerüchen, Lauten. Komplexe, spezialisierte, aber eben auch ganz banale Medien, die als Vertriebswege nutzbar wurden. Vielleicht kommt mein Blick auf diese Feste auch daher: Sie sind mir in ihrem Grundsatz zutiefst vertraut.

Manchmal, wenn ich auf dem Riesenradplatz stehe, denke ich an mein Quartier, an die Erzählungen der Eltern meiner Freund*innen, an Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben. Die abends müde nach Hause kamen und doch noch lachen konnten. Und an den arbeitsfreien Tagen mit uns auf die Chilbi gingen. Auf der Chilbi war das Leben plötzlich einfacher – oder zumindest erträglicher. Man konnte das, was einen sonst belastet, für ein paar Stunden ablegen. Das ist kein Eskapismus. Das ist Würde.

Es gibt Theorien, die solche Orte kleinreden. «Volksvergnügen», sagen sie, sei ein Ventil – eine harmlose Ablenkung, die bestehende Machtverhältnisse stützt, Brot fürs Volk, zugunsten der Unsichtbarmachung gesellschaftlicher Strukturen. Vielleicht stimmt das zum Teil. Aber wer genau hinschaut, erkennt etwas anderes: eine Form von Gleichheit, die sich nicht aus Programmen oder Ideologien ergibt, sondern aus der schlichten Tatsache, dass hier alle gleich viel bezahlen, um sich drehen zu lassen.

Der Philosoph Jacques Rancière spricht vom «ästhetischen Regime der Gleichheit» – dem Moment, in dem Kunst aufhört, Klassen zu reproduzieren, weil alle gleichermassen teilnehmen können. Vielleicht ist die Chilbi, ganz ohne Theorie, genau das: ein gelebtes Stück Gleichheit, laut und grell, aber aufrichtig.

Ich sehe dort Mütter und Väter mit Kinderwagen, Jugendliche mit Tattoos, Rentner*innen mit Einkaufswägelis. Und niemand fragt, woher sie kommen, was sie verdienen, was sie gelesen haben. Alle gehören dazu, einfach weil sie da sind.

Was mich besonders an diesen Festen fasziniert, ist die Körperlichkeit. Anders als in einem Museum schaut auf der Chilbi niemand aus Distanz. Man ist Teil der Bewegung: Musik dröhnt, Zucker klebt, der Boden vibriert. Darin liegt etwas Unmittelbares, Demokratisches, Egalitäres.

In der Körperlichkeit verliert sich das, was sonst trennt. Niemand ist hier nur Zuschauer*in. Jede*r wird mitgerissen, eingewoben in den Lärm. Die gehörten Lacher und Schreie; sie sind keine Posen. Sie sind ehrlich, laut, frei. Vielleicht ist das, was man früher «Arbeiterkultur» nannte, genau das: eine Kultur, die nicht durch Worte, sondern durch Bewegung, Gesten, Präsenz lebt. Eine Kultur, die nicht erklärt, sondern erlebt werden will.

Volkskultur und Kulturpolitik

Wenn man in die Zahlen schaut, zeigt sich ein anderes Bild: Die öffentliche Kulturförderung in der Schweiz verteilt ihr Geld mit einer Logik, die viel über Wert verrät. Denn es sind die Opernhäuser, die Theater und die Sinfonieorchester, welche den Grossteil der Subventionen verschlingen. Dort, wo die Eintrittspreise hoch und die Zielgruppen eng sind, fliesst das meiste Geld.

Volksfeste, Kinos, Musikclubs oder eben die Chilbi – sie gelten als Unterhaltung, nicht als Kultur. Sie sind ökonomisch sich selbst überlassen, abhängig von Wetter, Sponsoren, Publikum. Dabei erreichen sie genau das, was Kultur eigentlich tun sollte: Menschen verbinden, Teilhabe ermöglichen, soziale Räume schaffen.

Neben dem täglichen Überleben und Funktionieren sind Chilbis stark von den Bedingungen des Marktes abhängig. Der Goodwill und die klare Kommunikation unter den Schausteller*innen, zu der beispielsweise auch die Preisabsprache gehört, sind massgebend für die Zugänglichkeit der Öffentlichkeit. Und damit auch für die Aufrechterhaltung dieser wichtigen sozialen Happenings.

Ich habe nichts gegen Opern oder Theater. Aber es irritiert mich, dass die Kultur, die mich geprägt hat, kaum je als förderwürdig gilt. Es ist, als gäbe es eine Hierarchie der Freude: oben die gepflegte, unten die laute. Dabei sind es meist die lauten Orte, die am offensten sind – wo Begegnung spontan geschieht, jenseits von Milieus und Bildungsschichten. Vielleicht sind Chilbis, Kinos oder Musikclubs die letzten wirklich öffentlichen Bühnen einer Gesellschaft, die sonst immer stärker in sich zerfällt.

Dass die Kosten, wie auch überall zurzeit, steigen, wird auch auf der Chilbi sichtbar. Während ich beim Kamelrennen an der Basler Herbstmesse für ein Spiel noch fünf Franken zahle, kosten mich 15 Schüsse an der Schiessbude beim Zürcher Knabenschiessen bereits das Dreifache. Ich spreche mit einigen Schausteller*inen über ihre zu deckenden Kosten, die steigen und auf die Konsument*innen abgewälzt werden müssen. Benzin, Miete, Wartungskosten, Lohnzahlungen aufgrund steigender Richtpreise und Zinsen. Die Liste ist endlos. Doch auch sie wollen ihre Tätigkeit nicht missen. Berufstolz. Die Liebe zu den Geräuschen und Gerüchen, die auch ich erleben darf und die mich mit anderen Menschen zusammenbringen.

Meine Kultur ist keine Kultur zweiter Klasse. Sie ist eine Kultur des Überlebens, der Geselligkeit, des Zusammenrückens. Des gemeinsamen Verständnisses. Auch des gemeinsamen Loslassens und Vergessens – für eine kurze Dauer zumindest. Eine gemeinschaftliche Verarbeitung. Und wenn ich über die Plätze laufe, an denen die Chilbis stattfinden, sehe ich genau das: Menschen, die sich Raum nehmen, die sich das Recht auf Vergnügen eben niemals nehmen lassen. Wir sind viele, und wir gehören hierher.

Eine Frage, die man sich auch zukünftig stellen sollte, wäre, ob eine zeitgemässe Kulturpolitik nicht genau dort ansetzen müsste: bei dem, was die Menschen tatsächlich bewegt, verbindet und begeistert, und nicht nur bei dem, was als kulturell hochwertig gilt. Was ich auf der Chilbi spüre, ist kein blosses Vergnügen, sondern eine Form von Zugehörigkeit. Ein kollektives Atmen, ein Aufleuchten des Sozialen im Neonlicht der Nacht. Die Chilbi ist nicht einfach ein Rummel. Sie ist ein kurzer, süsser Beweis dafür, dass in politisch polarisierten Zeiten Gemeinschaft noch möglich ist.

Wenn ich spätabends den Platz verlasse, ist der Boden klebrig von Zucker und ausgeschüttetem Bier, das Licht der Fahrgeschäfte und Schiessbuden flackert noch über die Stadtfassaden, und in der Ferne hört man das Rattern der letzten Achterbahn. Die Stadt wirkt leerer, wenn man aus dem Lärm ins Dunkel tritt.

07. November 2025

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