Was tun, wenn die Hände plötzlich nicht mehr das tun, was wir von ihnen gewohnt sind? Oder der eigene Körper uns im Stich lässt? Im ersten Soloprogramm der Slam-Poetin, Lyrikerin und Veranstalterin Sarah Altenaichinger geht es um diese Fragen. Entstanden ist eine Meditation über Fragilität und Mut.
Am 18. September feiert das Soloprojekt «Stich» von Sarah Altenaichinger Premiere in Basel. «Stich» ist zwar ihr erstes Soloprogramm, aber die 29-Jährige hat jahrelange Erfahrung in der Literaturszene vorzuweisen. Sie tritt seit 2012 mit Spoken-Word-Texten auf, gibt Schreibworkshops und publiziert in Zeitschriften und Anthologien. 2021 erschien ihr Lyrikband «Schalengespräche» im Mäd Book Verlag. Irgendwann kam dann die Lust auf eine neue Herausforderung, und Altenaichinger fing an, mit dem Gedanken zu spielen, ein abendfüllendes Programm auf die Beine zu stellen. Auf der Webseite der Slam Poetin wird das Stück wie folgt beschrieben: «In diesem Spoken-Word-Stück verweben sich die Themen chronische Krankheit und textile Handarbeit zu einem Abend über Schmerz, Care, Widerstand und die Frage, wie unsere Gesellschaft umgeht mit Körpern, die sich verheddern.»
«Wenn ich Seemannsgarn spinne sitzen keine Papageien auf meinen Schultern sondern Wörter und ich nutze sie verschwenderisch wie kleine heile Körper ohne Angst vor Verlusten»
«Ein Blick auf meine bisherigen Texte ergab, dass das Motiv der Handarbeit immer wieder in meinem Repertoire auftaucht. Und eine persönliche Betroffenheit durch chronifizierte Handschmerzen führte dazu, dass mich das Thema chronisches Kranksein anfing zu interessieren. Und da fiel mir auf, dass sich die beiden Themen gut verknüpfen lassen», so Altenaichinger zu den Anfängen des Soloprogramms.
«(…) Chronischs Kranksii heisst: länger als ein Schnupfen, schleichender als eine Katze, rätselhafter als verschwindende Socken in der Waschmaschine und teuer, teuer, teuer.»
Laut Bundesamt für Gesundheit sind chronische Krankheiten «Krankheiten, die nicht ansteckend sind, sich langsam entwickeln und lange andauern». Zu den fünf häufigsten gehören Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen, Diabetes und Erkrankungen des Bewegungsapparates. Gemäss dem Verein chronischkrank.ch sind ein Viertel der Schweizer Bevölkerung chronisch krank und ein Fünftel in regelmässiger medizinischer Betreuung. Für die betroffenen Personen bedeutet das oft, jahrelang medizinische Abklärungen über sich ergehen lassen zu müssen, lange im Ungewissen zu bleiben und eigene Strategien entwickeln zu müssen, um mit den Leiden umzugehen.
Eine mögliche Strategie, um mit jeglichen Formen des Leidens umzugehen, ist bekanntlich die literarische Verarbeitung. Die Kunst als Ventil für körperliche Leiden aller Art. Bertolt Brecht, der über seine Gesundheit schreibt («Herzklopfen, rasch, aussetzend… Wenn ich im Wald gewusst hätte, dass der Weg noch so weit sei, wäre ich liegengeblieben …»), oder Frida Kahlos schwerer Busunfall, dessen Folgen sie zu zahlreichen ihrer Selbstportraits inspiriert haben. War das auch Beweggrund für die Autorin, dieses Soloprogramm aufzugleisen und ihre chronischen Handschmerzen darin zu thematisieren? «Ich glaube, meine Herangehensweise an Texte ist meistens nicht vordergründig, etwas persönlich zu verarbeiten. Ich interessiere mich eher von einer abstrakteren Ebene aus für Theorien und ihre gesellschaftlichen Verknüpfungen.» Dennoch war ihr bei diesem Thema wichtig, die gesellschaftlichen Herausforderungen entlang vom Persönlichen zu beschreiben.
«Dieses Biest von einem Haustier wohnt seit mindestens fünf Jahren ohne Miete oder Erlaubnis in den Zimmern meiner Hand»
In ihrem ersten Soloprogramm dürfen die Zuschauer*innen nun eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dem Thema Gesundheit erwarten. Auch das Thema Handarbeit wird nicht fehlen, denn wie Altenaichinger verrät: «Für das Bühnenbild habe ich mich an ein gewagtes Nähprojekt gemacht.»