Logo Akutmag

«Sicherheit als Konzept ist in weiten Teilen der Welt nach wie vor sehr männlich geprägt» – Dr. Darja Schildknecht im Interview

«Sicherheitspolitik» ist spätestens seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine zum alltäglichen Sujet in Nachrichten, Gesellschaft und Politik geworden. Es wird für eine gefährliche Gegenwart und volatile Zukunft geplant. Wie das in der Praxis aussieht oder künftig aussehen soll, durften wir mit Dr. Darja Schildknecht besprechen.

Von Sina Schmid

Dr. Darja Schildknecht ist eine Expertin im Bereich der modernen menschlichen Sicherheit in der Schweizer Armee und bringt nebst ihrem akademischen Fachwissen auch umfangreiche «Boots-on-the-Ground»-Erfahrung mit. Nach ihrer Promovierung unterstützt sie den Auf- und Ausbau verschiedener Projekte in diesem Bereich.

Liebe Darja, du arbeitest aktuell für die Schweizer Armee. Erklär uns doch bitte kurz, was du genau machst.

Darja: Ich arbeite im Stab des Kommando Operationen in Bern, das heisst an der Stelle, wo alle Operationen, Einsätze, Unterstützungsleistungen und Übungen der Armee geplant und geführt werden. Meine Aufgabe als Human Security Advisor, auch HUMSEC-Advisor genannt, ist es sicherzustellen, dass der Faktor «Zivilbevölkerung» in militärische Entscheidungsprozesse integriert ist. Das heisst, die Lebensrealitäten und auch Sicherheitsbedürfnisse verschiedenster Bevölkerungsgruppen im Rahmen von militärischen Planungen und Operationen zu berücksichtigen. Dies bedingt auch, dass wir die unterschiedlichen Sicherheitsbedürfnisse dieser Gruppen kennen. So versuchen wir deren Schutz sicherzustellen und gleichzeitig das eigene Lageverständnis zu verdichten.

Ein einfaches Beispiel: Die Armee erhält den Auftrag, ein Elektrizitätswerk zu schützen. Bei der Analyse des Auftrags müssen wir uns folgende Fragen stellen: Wie sieht die Umgebung rund um das Objekt aus? Ist ein Schulhaus in der Nähe oder eine Strasse, die zum Schulhaus führt und von Kindern genutzt wird? Was bedeutet ein erhöhtes Verkehrsaufkommen mit schweren Fahrzeugen für die Schulkinder? Gibt es in der Nähe Einrichtungen, die für bestimmte Personen oder Gruppen von besonderem Wert sind, beispielsweise eine Kirche oder ein Museum? Wie kann die Zivilbevölkerung im Falle eines militärischen Einsatzes konkret geschützt werden, ohne die eigene Auftragserfüllung zu gefährden?

Du hast einen ziemlich anschaulichen Werdegang, mit längeren Aufenthalten im Ausland und jüngst einem PhD. Kannst du uns ein wenig darüber erzählen? Besonders deine Zeit in Kenia würde mich interessieren.

Ich war schon immer interessiert daran, wie Sicherheit – gerade in Konflikten und Kriegen – ganz unterschiedlich wahrgenommen wird und unterschiedliche Bedürfnisse hervorruft. Sicherheit als Konzept ist in weiten Teilen der Welt nach wie vor sehr männlich geprägt. Frauen werden auch heute oft noch nicht miteinbezogen und Lösungsansätze greifen daher meist zu kurz. Ich habe schon früh bemerkt, dass genau diese Thematik meine Leidenschaft ist und ich habe mich im Laufe meiner Karriere immer wieder in Positionen gefunden, die sich diesem Thema widmen.

Nach einigen Jahren beruflicher Praxis, unter anderem als stellvertretende Geschäftsführerin eines Schweizer Thinktanks für Aussen- und Sicherheitspolitik, habe ich mich entschieden, wieder zurück an die Universität zu gehen, um mich vertieft dieser Schnittstelle von Gender und Sicherheit zu widmen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts untersuchte ich das globale Antiterror-Regime, wie sich dieses – aus der Gender-Perspektive betrachtet – im Spannungsfeld von Sicherheit und Entwicklungszusammenarbeit verhält. Ich forschte in Kenia, wie sich geschlechtsspezifische Machtstrukturen manifestierten; mein Fokus lag auf Sicherheitsakteuren wie der Polizei, dem Militär und privaten Sicherheitsfirmen. Ich habe ein Jahr Feldforschung in Kenia betrieben und mit rund 90 Personen Interviews durchgeführt. Dabei habe ich beispielsweise festgestellt, wie das «Weibliche», also Feminität, das Verständnis der Bedeutung des Frau-Seins in diesem Kontext, auch ganz bewusst gebraucht wird, um Sicherheitsansätze zu vermarkten. 

Die Schweizer Armee hat Militärbeobachter*innen auf der ganzen Welt – vielen Schweizer*innen ist das jedoch gar nicht bekannt. Welche Aufgaben haben diese Beobachter*innen?

Schweizer*innen leisten als Armeeangehörige weltweit einen wichtigen Beitrag zur internationalen Friedensförderung. Aktuell stehen diese in 18 Ländern im Einsatz und tragen zur Sicherheit und Stabilität in von Kriegen und Konflikten betroffenen Gebieten bei. Dies unter anderem als Militärbeobachter*innen, sogenannte «Blaumützen» der UNO. Diese sind unbewaffnet, strikt unparteiisch und unabhängig. Sie arbeiten in internationalen Teams und beobachten und rapportieren beispielsweise bei Ereignissen, die gegen Waffenstillstandsabkommen verstossen. In Gesprächen mit lokalen Behörden, Konfliktparteien und der Zivilbevölkerung gewinnen sie zusätzliche Informationen zur Sicherheitslage. Durch ihre Präsenz fördern sie Vertrauen zwischen ehemaligen Konfliktparteien und tragen dazu bei, Spannungen zu deeskalieren. Die Schweiz engagiert sich mit Personal, das speziell für solche Missionen ausgebildet wurde – ein Engagement, das oft im Hintergrund bleibt, aber für die Stabilität in fragilen Regionen und die globale Sicherheitsarchitektur von grosser Bedeutung ist. Militärbeobachter*innen sind also die Sensoren vor Ort, die für den Erfolg einer Mission entscheidend sind.

Des Öfteren wird der Begriff «Frühwarnsystem» im Zusammenhang mit Militärbeobachter*innen verwendet. Wieso ist dieses so wichtig für unsere Sicherheit?

Als «Frühwarnsystem» werden die Beobachtungsteams bezeichnet, die unter anderem die Schweizer Armee in den friedensfördernden Missionen der SWISSCOY zugunsten der Kosovo Force (KFOR) sowie der EUFOR Althea in Bosnien und Herzegowina einsetzt. Im Gegensatz zu Militärbeobachter*innen der UNO besteht ihre Aufgabe nicht in der Überwachung von Abkommen oder Waffenstillständen, sondern im frühzeitigen Erkennen potenzieller Eskalationen oder Spannungen. Durch die Arbeit solcher Beobachtungsteams erhalten EUFOR und KFOR Zugang zu Informationen, die einen wichtigen Teil zur Beurteilung der Lage, zur Steuerung der Mittel und dadurch zur Stabilität der Region beitragen.

Thomas Sankara, ehemaliger Präsident von Burkina Faso, meinte einst: «Ein Soldat ohne politische Bildung ist ein potenzieller Krimineller». Du arbeitest aktuell daran, das Thema HUMSEC unter anderem in die Rekrutenschule, aber auch flächendeckend in sämtliche Ausbildungsgefässe der Armee zu bringen. Wie willst du das machen und wieso ist das so wichtig?

Lass mich auch ein Zitat hervorholen. Das UN Department of Peace Operations schreibt «Training is not a support activity – it is central to operational effectiveness, mandate implementation, and accountability». Kurz: Ausbildung ist die Voraussetzung für wirksames Handeln. Das gilt natürlich auch für den Bereich HUMSEC. Wir erfinden mit HUMSEC das Rad nicht neu; gerade das Prinzip des Schutzes der Zivilbevölkerung wird in der Armee seit Jahren gemäss internationalem Recht praktiziert. HUMSEC geht aber eben einen Schritt weiter und stellt nicht nur den Schutz ins Zentrum, sondern bringt ein tieferes Lageverständnis, beispielsweise durch eine Gender-Analyse. Ziel ist also, Risiken, Verwundbarkeiten, Spannungen und gesellschaftliche Dynamiken sichtbar zu machen. Und das muss ausgebildet und trainiert werden.

Die Genderperspektive fehlt noch im Schweizer Militär. Ihr wird keine Beachtung geschenkt und das Thema wird als «Diversity-Gugus» statt als wichtiger Teil der eben erwähnten Sensorik abgestempelt. Ist diese zugespitzte Aussage richtig?

Nichts daran ist richtig, im Gegenteil. Die Gender-Perspektive wird gerade in friedensfördernden Missionen seit Langem umgesetzt. Wir bilden unsere Soldat*innen, die wir in den Einsatz schicken, auch in diesem Bereich aus und haben sogenannte «Gender Focal Points», die für die Umsetzung der Gender-Perspektive im Einsatz verantwortlich sind. Vor zwei Jahren durften wir zum ersten Mal eine Schweizerin als Chief Gender Advisor (GENAD) in die NATO-Mission im Kosovo senden.

Aber nicht nur im Ausland, sondern auch in der Schweiz setzen wir die Gender-Perspektive um; eben durch die Einführung von HUMSEC. Ziel ist, dass HUMSEC – und somit auch der Aspekt Gender – über alle Stufen der Armee und in allen Planungs- und Führungsprozessen der Armee berücksichtigt wird. Das wird primär durch die Aufschlüsselung des Faktors Zivilbevölkerung bewerkstelligt.

Danke für deine Zeit und Insights! Worauf dürfen wir uns künftig noch von dir freuen?

Sehr gerne – ich danke dir für die Anfrage. Nebst meiner Arbeit bei der Armee möchte ich meinen PhD noch als Buch veröffentlichen. Mit einem Kleinkind und einem Beruf, in dem ich leidenschaftlich dabei bin, wird das aber wohl noch etwas dauern.

17. Januar 2026

Support us!

Damit wir noch besser werden