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Spiritualität: Hexen heute und früher

Aberglaube und Magie lassen sich oftmals nur schwer unterscheiden – das ist bei Hexen nicht anders. Sie dienten lange als Sündenböcke unseres Unwissens. Wir werfen einen Blick auf die Hexen von früher und, gemeinsam mit einer modernen Hexe, auf die Hexerei der Gegenwart.

Von Vanessa Votta

Hexen

Unsere Faszination für Hexen, Zaubertränken und fliegenden Besen, kommt nicht von ungefähr. Schon seit mehreren hundert Jahren beschäftigen sich Menschen mit dem Thema der Hexerei und des Unerklärlichen. Wo sie einst noch verfolgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, werden sie heutzutage in Trickfilmen und Büchern als magische und helfende Held:innen gefeiert. Um aber über diese Stereotypen hinauszuschauen, haben wir uns mit dem Thema Magie und Hexen auseinandergesetzt und mit Wicca Meier-Spring, einer Hexenforscherin und praktizierenden modernen Hexe über ihre Erfahrungen gesprochen.

Hexen, schwarze und weisse Magie

Was ist überhaupt eine Hexe? Die Hexe taucht in verschiedenen Religionen und Völker in Gestalt einer Frau auf, die in der Regel anderen, durch ihre Magie, Schaden zufügt. Sie besitzt übernatürliche Fähigkeiten, die sie aufgrund eines Paktes (und oftmals auch durch Geschlechtsverkehr) mit dem Teufel ausübt. Die Definition einer Hexe laut Volksglauben:

Eine zauberkundige Frau, die angeblich im Dienste von Dämonen und Teufeln steht und mittels der ihr innewohnenden okkulten Kräfte einen meist schädigenden Einfluss auf andere Menschen ausübt. Aufgrund der ihr zugeschriebenen Macht erscheint die Hexe als numinose und angsterregende Gestalt. {…}

Sehr oft, vor allem in der Vergangenheit, wurden Hexen ausschliesslich mit der schwarzen Magie in Verbindung gebracht. Von weisser Magie wurde bis zum ca. 13. Jahrhundert nie gesprochen, da es diese Unterteilung damals gar noch nicht gab. Für die Magie galt die Annahme, dass sie aus dämonischer Kraft entstehe und sie dazu diene, der Menschheit Schaden zuzufügen. Magie entsteht aus dem Bösen – davon war die Mehrheit überzeugt.

Schwarze Magie (Maleficiuim), auch Schadenzauber genannt, beschreibt Praktiken mit dem Ziel jemandem zu schaden. Durch diese Form von Magie soll sogar Einfluss in Naturgeschehen genommen werden können. Weisse Magie oder Naturmagie hingegen, gilt als heilende Kraft. Diese wird eingesetzt, um den Menschen zu helfen, denen andere oder sie selber Schaden zugefügt haben. Pflanzen, Tieren und Steinen werden heilende Kräfte zugesprochen, die bei der weissen Magie oft eingesetzt werden.

Hexenverfolgung

Die Hexenverfolgung in der Schweiz zählt zu den düstersten Kapitel unserer Geschichte, die ihren Höhepunkt in der frühen Neuzeit, zwischen ca. 1500 und 1800 hatte. Mit fast 10’000 Hinrichtungen, davon mehrheitlich Frauen, gehört die Schweiz zu einem der Länder mit dem intensivsten Hexenwahn Europas. Am 13. Juni 1782 wurde im Kanton Glarus die letzte Hexe Europas hingerichtet. Der Henker schlug Anna Göldi mit einem Schwert den Kopf ab. Mittels Zeitungsaufruf wurde die Frau, damals ca. Mitte 40, gesucht, denn sie soll verantwortlich dafür gewesen sein, die Tochter ihres Dienstherrn vergiftet und ihr mit platzierten Nadeln in der Milch geschadet zu haben. Ihr Ruf als Hexe wurde so im ganzen Land verbreitet – sogar eine Belohnung auf Göldis Kopf wurde ausgesetzt. Ihre tragische Geschichte endete leider mit ihrem Leben. Es war die letzte legale Hexenhinrichtung. Die Unschuld von Anna Göldi ist heute definitiv bewiesen, das zeigen noch erhaltene Dokumente von damals.

In Zeiten des Mittelalters und der frühen Neuzeit waren Krankheiten, Unwetter und Ungerechtigkeit eine Allgegenwärtigkeit. Die Menschen mussten eine:n Schuldige:n dafür finden, weswegen Hexen auch zum Verfolgungsziel Nummer Eins wurden. Um sich besser zu fühlen, sich abzulenken oder einfach weil sie es wirklich glaubten – die Menschen brauchten einen Sündenbock. Es war einfach, jemanden der Hexerei zu beschuldigen, anhand seines/ihres Verhaltens – Beweise dafür gab es ja nicht wirklich, Geständnisse hingegen, gab es leider zu Genüge. Nicht jedoch aus freien Stücken, sondern in den allermeisten Fällen unter einer Form von Folter.

Die Geständnisse aller Angeklagten ähnelten sich in vielerlei Punkten und bestätigten nur die Auffassung und Vorstellung einer Hexe durch die Bevölkerung und die damaligen Hexenjäger. Mit dem Besen durch die Welt zu fliegen, Geschlechtsverkehr mit dem Teufel zu praktizieren, sich am Menschenfleisch von Neugeborenen zu verzehren, Tränke zu brühen, um den Menschen zu schaden – das sind nur einige der Beschuldigungen, zu denen sich die Angeklagten unter Tortur bekennt haben.

Hexen in der Literatur

Die Hexe und deren Ruf steht in der Literatur schon seit hunderten von Jahren in einem immerwährenden Wandel. Von der Teufelsanbeterin bis zur heldenhaften jungen Frau, wird eine Hexe mit den diversesten Eigenschaften porträtiert. Eines der bekanntesten Werke – nicht unbedingt im positiven Sinne – ist das Buch «Hexenhammer» von Heinrich Kramer. Es wird oft als eines der frauenfeindlichsten Bücher der Weltliteratur genannt.

Das im Jahr 1487 erstmals gedruckte Werk, soll die Hexenverfolgung legitimisieren und vor allem befeuern. Der damalige Inquisitor und Hexenjäger – nicht selbsternannt sondern von Papst höchstpersönlich beauftragt – klagt anhand seines Jobs als Ermittler Hexen an. Doch als sich einer der Hexenprozesse für ihn zum Schlechten wandte und die angeklagte Hexe freigesprochen wurde und er in die Position des Angeklagten rückte, setzte er alles daran, Hexen zu beseitigen. 

Er begann an seinem Buch zu schreiben, das kurz zusammengefasst Folter vorschreibt, um Geständnisse aus den Angeklagten zu beschaffen. Der «Hexenhammer» (lat. malleus maleficarum) wurde knapp ein Jahr später herausgebracht und hatte verheerende Folgen für viele Menschen.

Aussagen und Fakten deutet er in seinem Schreiben stark um und setzt bei seinen eigenen Gedanken und Erlebnissen an, anstatt sich auf Tatsachen zu stützen. Zudem diente der letzte Teil des Buches zum Verständnis für die Durchführung von Verfahren an Hexen und detaillierte Regeln für Prozesse gegen sie. Das Buch hat tausende Menschen den Tod gekostet und konzentriert sich nicht nur durch den Titel, sondern auch durch den Inhalt besonders auf Frauen und ihre gefährliche Rolle als potentielle Hexen. Auf Frauen wurde im «Hexenhammer» wiederholt gezielt, sodass es für Leser:innen des Buches schwer war, sich von diesem Täterbild zu lösen.

Moderne Hexerei

Die Menschen, die sich heute der modernen Hexerei widmen, haben vor allem eine innige Bindung zur Natur, den Elementen, zu alten Göttern und zu Tieren. Wichtig ist aber hierbei auch der starke Bezug zu sich selbst. Wer sich heutzutage als Hexe bezeichnet, gehört entweder zu einem Hexenzirkel oder lebt die moderne Hexerei als freie Hexe aus. Was sie aber alle gemeinsam haben, ist der Glaube an die Naturgottheit.

Um mehr über moderne Hexen zu erfahren, haben wir uns mit Wicca Meier-Spring über den Alltag einer Hexe sowie ihre liebsten Rituale unterhalten.

Wie sieht dein Alltag aus, wenn du gerade Wicca praktizierst?

Wicca Meier-Spring: Eine moderne Hexe zu sein ist eine Lebenseinstellung und eine Form der Selbstentwicklung. Ich habe verschiedene Ausbildungen und Grade der unterschiedlichsten Formen der Hexerei erfahren. Wicca ist nur eine davon. Somit sprechen wir von moderner Hexerei ohne eine bestimmte Tradition zu bevorzugen.

Daher ist diese Lebensform ein Teil meines Seins, nichts was man mal so praktiziert, sondern etwas, das in unterschiedlicher Form jede Sekunde und in jedem Tun enthalten ist.  Mein Alltag besteht daraus ein Museum zu leiten, Bücher und Essays zum Thema Hexerei zu schreiben, Referate und Seminare auf der ganzen Welt zum Thema zu halten und historische Reisen an spezielle und mystische Plätze zu organisieren und zu leiten. Hier fliessen mein Wissen und meine Erfahrung rund um die Hexerei hinein.

Welche Rituale oder Aufgaben bedeuten dir am meisten und wieso?

Die Gründung und Eröffnung des Hexenmuseums Schweiz im Jahre 2009 war für mich ein Meilenstein meiner Lebensplanung. Einen neutralen Ort der Information und Aufklärung zu schaffen, an dem man zu unzähligen Fragen, rund um das Thema Hexerei, die entsprechenden Antworten findet. 

Gleichzeitig ist mir der Fortbestand von Traditionen und Brauchtum sehr wichtig. So vieles, das wir heute als «normal» in unseren Alltag eingebunden haben, stammt aus der Zeit der Hexenverfolgung. Die Menschen waren erfüllt von Ängsten vor bösen Geistern, Dämonen und eben Hexen, in der Meinung, dass diese für all die unerklärlichen Dinge wie Unwetter, Kälteperioden, Seuchen und allerlei Missgeschick verantwortlich oder gar auslösend waren. Um sich davor zu schützen, tat man Dinge, die uns heute nur noch als Begriffe im Wortschatz erhalten sind ohne, dass wir deren Ursprung kennen.

Mir ist es ein Anliegen, dass dieser Ursprung nicht vergessen geht. Handlungen wie Daumen drücken, mit Gläser anstossen oder Begriffe wie Fresszettel und gefeit – alle haben sie mit Hexen zu tun.

Und punkto Rituale; ich liebe Kerzen aller Art, diese Geste des Entfachens eines kleinen Feuers, dem Licht im Dunkeln, verliert nie an Faszination für mich. Ich meditiere täglich, das ist ein fester Bestandteil meines Lebens. Diese kleine Auszeit, ein Moment des «in sich Gehens» – für viele ist das wie ein Gebet – ruhen, erden und zentrieren, auf die Atmung konzentrieren und danach fokussiert und gestärkt in den Alltag starten.

Welcher ist der grösste Irrglaube in Bezug auf moderne Hexerei bzw. Wicca?

Die Wicca Tradition hat sich in den letzten 15 Jahren massiv verändert. Durch das Internet und zahlreiche Bücher – seien sie gut oder schlecht – ist der Zugang zu diesem, einst geheimen, Wissen in der Zwischenzeit ziemlich verwaschen geworden. So entstehen viele Irrglauben. Es gibt sie noch, die alte Zunft der Geweihten nach alter Tradition, aber sie sterben aus. Alles verändert sich, passt sich an, da ist Wicca keine Ausnahme. Aus meiner Sicht ist der grösste Irrglaube, dass Gerald Gardner der Gründer von Wicca ist. Er hat nachdem das Gesetz gegen Hexerei im Jahr 1951 in England endlich abgeschafft wurde, als Erster Bücher über Wicca veröffentlicht, aber er hat es nicht erfunden.

In welchen Bereichen gibt es die grössten Parallelen zwischen Hexen heute und früher? Und was hat sich am meisten verändert?

Parallelen zu finden ist schwieriger als Unterschiede. Die Hexen früher haben sich nicht als solche bezeichnet, denn der Begriff war nicht bekannt. Aber im ursprünglichen Sinn und der Absicht einer Hexe, weisen Frau, Heilerin oder wie sie sich auch immer nennen mag, sind am ehesten Parallelen zu finden. Hexen haben und hatten immer eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und allen Lebensformen. Alle Dinge werden als beseelt verstanden – Tiere, Steine, Pflanzen und Bäume.
Hexen übernahmen und übernehmen Verantwortung für sich selbst, für ihre Mitmenschen und die Gesellschaft in der sie lebten und leben.
Verändert hat sich in erster Linie, dass eine Person – sei es Mann oder Frau – früher als Hexe denunziert wurde, die heutigen, modernen Hexen wählen diese Lebensform freiwillig und mit Stolz.

Wenn du einer Hexe aus dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit etwas sagen oder etwas für sie tun könntest, was wäre das?

Erfinde einen Unsichtbar-Zauber, der funktioniert, nur so kommst du heil aus der Sache raus und sollte das Gestaltenwandeln wirklich klappen, wandle dich in eine Taube und flieg so weit weg wie du kannst. Tauben wurden nämlich als heilige Vögel angesehen.

Was sollte jede:r über die moderne Hexerei wissen?

Der Weg zur Erlernung des Hexenhandwerks ist in erster Linie eine Reise zu sich selbst – eine Selbstverwirklichung als eine Reise in andere Welten. Um zu verstehen was um uns herum geschieht, müssen wir unsere Selbstkenntnis und unser Bewusstsein entwickeln und verfeinern. Wir müssen die Einschränkungen beiseitelegen, welche wir uns über die Jahre der Entwicklung angelernt haben und zwar, um unsere wahren Talente und Geschicke zu offenbaren. Nur durch einen Prozess der Selbstentwicklung und Entfaltung können wir zu dem werden, was wir wirklich fähig sind zu sein. Und damit auch zu realisieren, wie viel Magie wir kennen und beherrschen, ebenso wie die Kraft, uns selbst zu helfen und der Welt um uns herum.

Das Hexenhandwerk war nie und wird nie etwas sein, was man schnell lernt und anwendet. Hexerei ist ein Menschheitsthema. Sie liefert eine Erklärung für das Unglück in der Welt und eröffnet die Hoffnung auf eine aktive Beeinflussung des Schicksals, jenseits der Gesetze der Natur.

Indem wir uns damit beschäftigen, erfahren wir viel über kollektive und individuelle Sorgen und Hoffnungen, Deutungsmuster und Verhaltensformen. Am Ende des Tages sind Hexen Menschen, und nur die Absicht der Handlung eines jeden Menschen ist entscheidend, und nicht was man über jemanden zu wissen glaubt.

04. April 2022

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