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Gendermedizin

Gendermedizin – wieso Medizin nicht gleich Medizin sein sollte

Die Forschung der Gendermedizin steckt noch in den Kinderschuhen. Doch wichtig darüber zu wissen, ist es auf jeden Fall, denn zum Teil kann die Unterscheidung zwischen Frau und Mann in der Medizin lebensrettend sein.

Von Vanessa Votta

Gendermedizin heisst das Geschlecht in der Medizin immer mitzubedenken. Dies von der Prevention bis zur Diagnostik und von der Behandlung bis zur Nachsorge.

Denn Frauen und Männer erkranken unterschiedlich, dementsprechend sollte man sie auch unterschiedlich behandeln. Heute wissen wir gut genug, dass Frauen und Männer sich in vielen biologischen Faktoren unterscheiden – alle Zellen des Herzens, der Leber und des Hirns weichen bei Frauen und Männer voneinander ab. Dennoch ist die Gendermedizin ein noch junges Fachgebiet. Ziel ist es die Medizin noch genauer auf Geschlechter abzustimmen, um der erkrankten Person die bestmögliche Behandlung anzubieten. 

Medizinische Studien werden meistens von Männern an Männern durchgeführt, wodurch ein weiblicher Blickwinkel fehlt. Grund dafür ist unter anderem der Wegfall einer potenziellen Schwangerschaft bei den Männern, wodurch sie sich besser für Tests qualifizieren. Doch dieses Risiko sollte ausgeschlossen werden können, damit sich die Forschung weiterentwickeln kann, denn Geschlechtshormone beeinflussen auch das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Funktion der Organe, wodurch Studien und Tests sich eigentlich auch unterscheiden sollten.

Gendermedizin bei Medikamenten

Bei Medikamenten soll in Zukunft zwischen Frau und Mann unterschieden werden und  dies auch so im Beipackzettel vermerkt sein, sobald sich ein Unterschied bemerkbar macht. Frauen bauen Medikamente weniger schnell oder anders ab, da die Leber bei Frauen kleiner ist und manche Enzyme unterschiedlich aktiv sind. Ein gutes Beispiel dafür ist Schlafmittel, was die Frauen am nächsten Morgen unter anderem gefährdeter beim Autofahren macht, als Männer, da sie das Medikament noch nicht vollständig abgebaut haben. Dies führt statistisch gesehen zu mehr Unfällen durch Frauen, morgens, nach dem Einnehmen von Schlafmitteln. 

Bei einigen Diagnosen wird zwar schon vor der Medikamentenausgabe unterschieden, erzählt mir eine Freundin, die im Pharma-Bereich tätig ist. Doch das kommt vor allem bei  Intimkrankheiten wie Vaginalpilz oder Blasenentzündungen vor. Während sich Frauen bei einer Blasenentzündig in der Apotheke versorgen können, werden Männer häufig direkt zum Arzt geschickt, da sich die Infektion schneller auf die umliegenden Organe ausbreiten kann. Doch abgesehen davon wird bei der Ausgabe von Medis im Moment noch nicht genug oft unterschieden. 

Gendermedizin bei Symptomen, Krankheitsbildern und Behandlungen 

Auch Krankheiten, deren Verläufe und Behandlung können sich stark zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Wenn wir beispielsweise an einen Herzinfarkt denken, dann fühlen wir gleich ein unangenehmes Ziehen in der Brust und verbinden damit ein gewisses Engegefühl. Doch in der Realität ist das nicht immer so. Frauen erleiden oft andere Symptome. Symptome, bei denen man nicht an einen Herzinfarkt denkt. Bei Übelkeit, Erschöpfung oder Bauchschmerzen wird nicht sofort vom Schlimmsten ausgegangen, doch genau das könnten Anzeichen für einen Herzinfarkt bei Frauen sein. Weil das doch sehr gängige Beschwerden sind, werden diese oft verharmlost. Das führt dazu das Herzinfarkte bei Frauen zu spät oder gar nicht identifiziert werden und eine Notfallbehandlung längst überfällig wäre.

Das ist noch lange nicht das einzige Beispiel dieser Art, bei Osteoporose zum Beispiel ist es umgekehrt. Da werden brüchige Knochen bei Männer oft nicht erkannt und es wird bis heute eher als Frauenkrankheit gesehen. Aber wieso wird so wenig auf so wichtige Unterschiede aufmerksam gemacht?

Frauen werden anders krank als Männer und Männer werden anders krank als Frauen – Zeit also anders zu behandeln.

Damit wir uns noch besser in das Thema eindenken können, habe ich Gesundheitsfachfrau Julia Holzer, zum Thema befragt.

Die Gendermedizin erforscht wichtige Unterschiede bei Frau und Mann in der Medizin. Wie macht sich das im alltäglichen Medizinbereich bemerkbar?

Ich arbeite in der Langzeitpflege und beschäftige mich mit betagten, kranken Menschen. Dabei zeigt nur schon der Unterschied zwischen der Anzahl Männer und Frauen im Betagtenzentrum, welches Gender deutlich mehr von Krankheiten und Gebrechen betroffen ist. Der Frauenanteil liegt, meiner Erfahrung nach immer über 60%. Zwar sollen Frauen wohl das schmerzempfänglichere Wesen sein, es wirkt aber so, dass sie gerade aufgrund dessen einige Warnzeichen und Symptome verharmlosen, wenn nicht sogar ignorieren. Dies führt dann dazu, dass Krankheiten erst in einem späteren Stadium erkannt und behandelt werden können, und somit schwere Verläufe mit sich ziehen.

Wird das Medizinpersonal auf die zum Teil lebenswichtigen Unterschiede geschult? 

Jein. Dies kommt sehr auf den Ausbildungsstand des Medizinpersonals an. In einer Grundausbildung wird meist z.B. ein Krankheitsbild behandelt und Symptome vermittelt. In einem weiteren Ausbildungsstadium werden diese Symptome dann in die Unterschiede eingeteilt und weitere Zusammenhänge aufgezeigt. Dies ist sehr hilfreich, um einige Warnzeichen in der Praxis schneller erkennen zu können und vor allem auch in Notfallsituationen effizienter zu intervenieren. Dabei finde ich wichtig, dass dieses Wissen jedem mitgegeben wird, der Menschen in einem medizinischen Bereich betreut.

Welche Krankheitsbilder bzw. Symptome unterscheiden sich massiv anhand des Geschlechts? Bei welcher Erkrankung sollte besonders vorsichtig diagnostiziert werden?

Die Herzkrankheiten spielen da ganz vorne mit, sie zeigen die häufigsten Unterschiede auf: Männer haben Brustschmerzen oder ein Kribbeln im Arm, Frauen haben Oberbauchschmerzen oder klagen über Übelkeit. 

Weiteres auch Diabetes mellitus (sog. Zuckerkrankheit): Männer haben aufgrund von Bauchfett und Leberfett ein höheres Risiko daran zu erkranken als Frauen, da sie eine niedrigere Insulinempfindlichkeit haben. Frauen verfügen also über eine bessere Regulation des Stoffwechsels diesbezüglich.

Rheumatische Erkrankungen: Dort ist die Gendermedizin seit Jahren Thema, denn die Unterschiede sind stark spürbar. Frauen haben eine tiefer Schmerzschwelle als Männer und nehmen die Anzeichen der Knochen nicht sofort wahr, erst sobald die Schmerzen zur Funktionseinschränkungen führen. Das trägt dazu bei, dass diese Schmerzen im Altersverlauf noch stärker zunehmen. Männer erkennen dies früher und lassen sich frühzeitig behandeln.

Autoimmune Erkrankungen: Bei Frauen erkennt das Immunsystem körpereigene Zellen als fremd und greift sie an. Diese Ursache ist hormonell bedingt und kann in jedem Lebensalter bei unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen auftreten.

Die Liste ist noch viel länger: Zystitis (Blasenentzündung), Multiple Sklerose (Knochenschwund), Morbus Basedow (Schilddrüsenerkrankung), Psoriasis (Schuppenflechte), Zöliakie (Glutenunverträglichkeit), usw.

Weiterer Fakt: Eine Tablette zu verdauen braucht im weiblichen Verdauungstrakt fast doppelt so lange wie in einem männlichen. Dies, weil manche Wirkstoffe erst von einem bestimmten Enzym aktiviert oder abgebaut werden müssen. Meist verteilt sich durch den höheren Körperfettanteil der Frauen, auf ihre oft geringe Körpergrösse, der Wirkstoff im Gewebe anders als bei Männern. Das wirkt sich darauf aus, wie lange ein Medikament schlussendlich im Blut nachzuweisen ist.

Alter, ökonomische Verhältnisse und soziale Herkunft erlangen auch immer mehr Relevanz in der Medizin. Wie macht sich das bemerkbar und wird hier deiner Meinung nach genug unterschieden?

Die Menschen werden immer älter und möchten so lange als möglich zu Hause bleiben, um ihre Selbständigkeit zu bewahren. Dabei ist zu spüren, dass viele Gewohnheiten und weitere Faktoren von der Umgebung im privaten Umfeld ausschlaggebend sind, wie eine Person leben möchte und Dinge ausüben kann. Es gibt schon sehr viele, langbestehende Gesundheitsinstitutionen, in welchen schon seit Jahrzenten, wenn nicht sogar Jahrhunderten, Rückzugsorte wie z.B. eine Kapelle eingerichtet werden, um seine Religion ausleben zu können. Mittlerweile aber hat sich das sehr vervielfacht, es ist deutlich kultureller und religiöser geworden, es wird sehr viel Wert auf Ruhe und Erholung gesetzt, um einen Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Oftmals aber ist der Gesellschaftsdruck zu hoch, um den eigenen Stolz zuzugeben, woran man gerade ist, was einem beschäftigt, wie es einem geht. Dies geschieht aber häufiger wieder zu Hause, im eigenen privaten Umfeld.