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«Für mich endet das Werk nicht beim Objekt» – Künstlerin Hanna Goldfisch im Interview

Was entsteht, wenn man aufhört, sich anzupassen und stattdessen der eigenen Intuition folgt? Hanna Goldfisch spricht im Interview über kreative Freiheit, das Ankommen bei sich selbst und warum der spannendste Teil des Schaffens oft im Ungewissen liegt.

Von Gastautor*in

Interview von Gastautorin Sarah Maria Lillig

Hanna Goldfischs Arbeit bewegt sich zwischen der Zusammenarbeit mit Marken, der Arbeit als Model und ihren eigenen kreativen Projekten, und das mit einer Leichtigkeit, hinter der eine Menge Fokus und jahrelange Arbeit steckt. Ihr Ansatz trägt eine persönliche Handschrift, welche Ästhetik und ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit miteinander verbindet und beweist, dass beides sich nicht ausschliessen muss, sondern sich im besten Fall gegenseitig bedingt. Indem sie aufzeigt, wie Kreativität etwas Nahbares sein kann, etwas, das im Alltag wurzelt und gleichzeitig inspiriert, hat sie sich über die Jahre eine Reichweite erarbeitet, die weit über die Arbeit mit Brands hinausgeht. Hanna Goldfisch inspiriert andere Kreative, weil sie nie aufgehört hat, sie selbst zu sein.

Du bist in einem kleinen Dorf in Unterfranken aufgewachsen und lebst heute in Berlin mit einer Welt aus Objekten, Videos und Bildern, die sich anfühlt, als käme sie von einem anderen Stern. Was ist in der Zeit dazwischen mit dir passiert? 

Hanna Goldfisch: Schon früh hatte ich das Gefühl, dass etwas in mir nach Ausdruck sucht, ohne zu wissen, wie dieser aussehen würde. Der Weg nach Berlin war deshalb weniger ein Aufbruch als eine Bewegung zu mir selbst. Unterfranken habe ich nicht hinter mir gelassen, ich habe meinen Horizont erweitert. Dort habe ich angefangen, meiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und die Welt sichtbar zu machen, die schon lange in mir existiert hat. 

Deine Objekte wirken, als wären sie aus Eigenantrieb gewachsen. Wenn du mit Papiermaché oder anderen Materialien arbeitest, wer führt dann eigentlich wen? 

Der Antrieb entsteht aus Intuition und der Bereitschaft, eine Lücke auszuhalten. Arbeiten bedeutet für mich oft, Entscheidungen zu treffen, ohne zu wissen, ob etwas am Ende funktionieren wird. Genau dieser Moment des Ungewissen ist das Spannende. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass das Medium selbst gar nicht die entscheidende Rolle spielt. Es ist ein Dialog zwischen mir und dem Material, bei dem ich manchmal lenke und manchmal zulasse, dass etwas Eigenes daraus entsteht. 

Deine visuelle Welt fühlt sich wie ein einziges, atmendes Universum an. Hast du das bewusst so kreiert? 

Nein, eigentlich nicht. Rückblickend fühlt es sich eher so an, als hätte sich alles Stück für Stück zusammengefügt. Je mehr ich aufgehört habe, mich anzupassen, desto klarer wurde meine eigene visuelle Sprache. Irgendwann habe ich gemerkt, dass alles miteinander verbunden ist. Die Räume, die Bilder, die Filme und auch ich selbst. Es wächst mit mir und verändert sich genauso, wie ich mich verändere. 

In deiner Arbeit steckt etwas sehr Körperliches. Wo endet für dich die Physis und wo beginnt das Werk?

Für mich endet das Werk nicht beim Objekt. Eine Arbeit ist eine visuelle Welt, in die ich hineingehe und die ich weitererzähle. Ich arbeite sehr intuitiv, folge einem Gefühl, ohne darüber nachzudenken, ob etwas funktioniert. Social Media stellt mir dabei immer wieder eine Frage, der ich nicht ausweichen kann: Wofür möchte ich eigentlich gesehen werden? Nicht, weil ich für eine Plattform erschaffe, sondern weil es mich bewusster darüber nachdenken lässt, wie ich eine Emotion mit anderen teilen möchte. Auch das Erzählen und Inszenieren werden Teil der Arbeit. 

Gibt es etwas, das du geschaffen hast und das dir selbst den Boden unter den Füssen weggezogen hat? 

Der Moment, der mir am meisten den Boden unter den Füssen weggezogen hat, war die erste Nacht in meiner eigenen Wohnung. Ich war lange von der Vorstellung getrieben, endlich ein Zuhause zu finden. Nach Monaten voller Arbeit und finanziellem Druck war dieser Moment als Ankommen gedacht. Aber als ich dann tatsächlich in meinen eigenen vier Wänden lag, habe ich mich noch nie so verloren gefühlt. Ein Schock, aber gleichzeitig ein wichtiges Erwachen: Ein Zuhause beginnt damit, sich selbst anzunehmen. 

Was möchtest du anderen mitgeben, die gerade dabei sind, sich selbst und ihr Business gleichzeitig zu erfinden? 

Diese Frage hat mir sehr geholfen: Wer möchte ich sein, wenn niemand hinschaut? Wir stellen uns diese Frage viel zu selten. Gerade wenn man etwas Eigenes aufbaut, ist die Versuchung gross, sich über äussere Anerkennung zu definieren. Für mich geht es darum, sich immer wieder zu fragen: Wer willst du in deiner eigenen Realität sein?

Hast du das Gefühl, inzwischen zu wissen, wer du bist? 

Ich bin immer noch dabei, herauszufinden, wer ich bin. Letztes Jahr war ich eine andere Version von mir als heute. Veränderung bedeutet für mich aber nicht, mich selbst zu verlieren. Ich verändere mich, aber ich verliere dabei nicht den Kern. Vielleicht geht es deshalb weniger darum, irgendwann eine endgültige Antwort zu finden, sondern darum, den Prozess des Werdens anzunehmen. 

Wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl, dass das, was du machst, wirklich du bist? 

Als ich angefangen habe, ein Zuhause zu schaffen, das sich wirklich nach mir anfühlt. Einen Ort, der meine Innenwelt widerspiegelt. Wenn Menschen diesen Raum betreten und etwas von mir darin spüren, ohne dass ich es erklären muss, fühlt es sich an, als würde ein Teil meiner Welt nach aussen getragen. Das war der Moment, in dem ich verstanden habe, dass es nicht nur um Objekte geht. Es geht darum, Erfahrungen zu schaffen, in denen eine Verbindung entsteht.

05. August 2026

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