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Warum wir uns immer wieder von Neuem kennenlernen müssen

Die besten Gespräche entstehen meistens spät abends – mit etwas Alkohol intus. Woran das liegt wird in diesem Artikel nicht besprochen, dafür etwas anderes: Ob in Freundschaften oder Liebesbeziehungen – Veränderungen sind unaufhaltbar. Um mit diesen mitgehen zu können, muss einiges getan werden.

Von Sina Schmid

Zu denken man kenne jemanden weil man oft Zeit zusammen verbringt ist zwar schön aber naiv. Der Mensch verändert sich konstant, ob neue Interessen oder neue Probleme: Nichts bleibt wie es ist. Vielleicht mag meine beste Freundin Tomaten nicht, aber in zwei Jahren wird sie Tomaten eventuell mögen. Heisst das, ich kenne Sie in zwei Jahren nicht mehr? Jein. Klar, grundlegende Sachen verändern sich wahrscheinlich nicht von heute auf morgen (Tomate war eine kleine Analogie, you get my point) aber vielleicht merken wir es ja doch zu spät. 

Beispiel verlieben: Wir sind so happy mit dem Menschen, dass wir schwer mit den Veränderungen unseres Gegenübers klar kommen. So ganz à la; wenn die rosarote Brille fällt, sieht Mensch schon ganz anders aus. Und auch wenn Hormone und andere Faktoren ihre Hände im Spiel haben, ist das Idealisieren auch ein grosser Teil dessen. Wir sollten uns stetig aufs Neue mit unserem Gegenüber auseinandersetzen, um so sicherzugehen, dass unsere Interessen, Werte, Träume und Ziele irgendwie vereinbar sind. Vielleicht auch, dass wir uns immer wieder aufs neue verlieben, beziehungsweise Freundschaften erneuern müssen.

Eine konkrete und vielleicht doch eher weniger verbreitete Idee: Das Mitarbeitergespräch. So nennen wir folgenden Ansatz einer guten Freundin: Alle paar Wochen setzen sich meine Freundin und ihr Freund hin und sprechen über die vergangenen Tage. Was war gut? Was war schlecht? Was brauchst du? Es ist ihnen wichtig, nicht zu lange Problemen auszuweichen. Nicht jeder kann im Augenblick des Konflikts darüber diskutieren und diesen klären, deshalb wird sich Zeit gegeben, um sich Gedanken zu machen. Ihnen hat es sehr geholfen Alltags Sticheleien zu entfliehen und stetig an den Wandlungen des Partners teilzuhaben.

Meine beste Freundin und ich haben uns entschieden, jährlich ein neues Kennenlernen zu veranstalten. Wie macht man das mit einem Menschen der einem so nahe steht? Den man mehrmals in der Woche sieht und täglichen Kontakt hat? Wir ziehen Hilfsmittel herbei. 

Im Dezember 2020 hatten wir unser erstes erneutes Kennenlernen, mit Hilfe von einem Spiel, wenn dies so zu benennen ist. 

Das Kartenspiel «We’re not really strangers» hat verschiedene Stufen, um sein Gegenüber wirklich (erneut) kennenzulernen. Drei Levels der Vertiefungen kategorisieren verschiedene Phasen des Kennenlernens. Jedes Level hat auf den Spielkarten nur Fragen welche man entweder selbst beantworten oder vom Mitspieler beantworten lassen muss. 

Level 1 – Perception: Wie nimmt mich mein Gegenüber wahr und vice versa.

Level 2 – Connection: Selten gestellte Fragen, welche dann doch auch deeper sein können als «Magst du Tomaten immer noch gerne?» 

Und zu guter Letzt: Level 3 – Reflection. Harte Fragen oder Aufgaben um direkt zu kommunizieren. Es kann manchmal auch schmerzhaft werden, aber es hilft auf jeden Fall eine vielleicht noch bessere Bindung mit seinen Liebsten aufzubauen. Mir hilft es, meine Vorstellung und die Realität meines Gegenübers zu vereinen. 

Das sind aber nur zwei Beispiele, es gibt auch andere Möglichkeiten, um der Entwicklung der Lebenspartnerin oder dem Lebenspartner, romantisch oder platonisch, nicht im Weg zu stehen oder nach zu stolpern, sondern aktiv daran teilzuhaben. 

Wann hast du das letzte Mal eine, dir nahe stehende, Person gefragt, vor was sie im Leben am meisten Angst hat? 

Bindungen können sich, wie in der Chemie, schnell trennen, deshalb ist es wichtig sie aufrecht zu erhalten, so weicht man der Trägheit der Alltagsbeziehungen und Situationships aus.