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Freiheit, Tapferkeit, Medienvielfalt

Das Jahr 2026 startet im Kulturpessimismus, in westlichen Demokratien gerät die Pressefreiheit zunehmend unter Beschuss. Das gilt auch für die Schweiz.

Von Lea Schlenker

Letztens habe ich gelesen, dass der Januar eigentlich ein denkbar schlechter Zeitpunkt ist, um ein neues Leben zu beginnen. Der Mensch ist ein saisonal orientiertes Wesen, dessen Körper und Psyche durch die Jahreszeiten beeinflusst werden. Demnach ist der Winter die Phase der Ruhe und des Schlafes und nicht die der Fitnessstudios und tiefgreifenden Lebensumstellungen. Ein bisschen chillen und dann im Frühjahr durchstarten.

Das internationale Weltgeschehen interessiert das aber nicht besonders. Gleich zwei Ereignisse der vergangenen Wochen sorgen dafür, dass der Zement des USA-Fantasiebildes von Freiheit und Leichtigkeit sich löst. Ich bin nicht sicher, ob sie miteinander verbunden sind. Vermutlich nicht. Aber sie tragen beide gleichermassen zu meinem mit dem Alter wachsenden Kulturpessimismus bei. Zum einen hat MTV nun damit begonnen, endgültig die Musiksender einzustellen. Der Hauptsender bleibt zwar aktiv, aber Musikvideos sucht man hier vergeblich. Was dort noch gezeigt wird, sind Menschen, die einander daten oder in fremden Wohnungen rumstöbern. Vorbei die Zeiten von der unendlichen Musiklandschaft und dem amerikanischen Luxus-Lifestyle, den ich als Jugendliche aus all diesen Musikvideos absorbiert habe.

Was die Vereinigten Staaten jedoch dringend nötig hätten: ein Format, in dem über Meinungs- und Pressefreiheit diskutiert wird. Die Sprecherin der Trump-Regierung, Karoline Leavitt, hat kürzlich einen Journalisten im Weissen Haus übelst beschimpft: «Schande über Leute wie dich in den Medien, die eine verdrehte, voreingenommene Sicht haben und so tun, als wären sie echte, ehrliche Journalisten». So etwas geschieht unter Trumps Präsidentschaft nicht zum ersten Mal. Die Plattform der «Reporter ohne Grenzen» hat kürzlich eine Chronik der Angriffe auf die Medien unter seiner Präsidentschaft zusammengestellt. Als Vorwarnung: Die Auflistung kann gerade bei Fans der Aufklärung und Demokratie ein Unwohlsein auslösen.

Im Januar bin ich Mitglied des Deutschschweizer PEN-Zentrums geworden. Der PEN fördert die Literatur, verteidigt die freie Meinungsäusserung und zählt zu den bekanntesten internationalen Autor*innenverbänden. Menschen, die die freie Meinungsäusserung verteidigen möchten, haben derzeit viel um die Ohren. Im Mai 2025 schrieb SRF davon, wie die Pressefreiheit weltweit unter Druck geraten ist. «Reporter ohne Grenzen» haben die Lage zum ersten Mal als schwierig eingestuft. Wirklich gute Noten erhält eigentlich nur der Norden von Europa. Die meisten der inhaftierten Journalist*innen sitzen in China im Gefängnis, die meisten der derzeit vermissten Journalist*innen verschwanden in Lateinamerika und im Nahen Osten. Wer jetzt gerne mit erhobenem Zeigefinger aus einer weissen, westlich sozialisierten Perspektive auf diese Länder zeigen will, muss aber vorsichtig sein. Auch Europa und die Vereinigten Staaten von Amerika haben schon bessere Tage gesehen.

Allein im Juni 2025 wurden 27 Übergriffe auf Medienvertreter*innen bei Protesten gegen die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE in Los Angeles verzeichnet. Sowohl die Polizei als auch Demonstrant*innen griffen Journalist*innen an. Der Mord an der Dichterin Renée Good am 7. Januar dieses Jahres ist der Höhepunkt einer aggressiven Vorgehensweise gegenüber Andersdenkenden. Das Land der Freiheit und die Heimat der Tapferen landet bloss auf Platz 57 der Rangliste der Medienfreiheit. Unliebsame Medienhäuser werden von der Regierung verklagt, eingeschüchtert oder finanziell radikal nicht mehr unterstützt. Amerikanische Techkonzerne, die in der Medienlandschaft ebenfalls ihre Finger mit im Spiel haben, küssen im Weissen Haus dem Präsidenten die Füsse.   

Die Schweiz landet im Bericht auf Platz neun der Liste, mit der Begründung, dass sich das politische Klima für eine ausgewogene Medienlandschaft nicht gerade positiv entwickelt hat. Die Konzentration auf einige wenige grosse Medienhäuser hat zugenommen. 2022 hat das Parlament beschlossen, dass Richter*innen Medienberichte nun einfacher vorsorglich stoppen können. Zurzeit wird über ein Gesetz diskutiert, das Berichte über Informationen verbietet, die dem Bankgeheimnis unterliegen. Zudem wird die SRG auch dieses Jahr wieder Opfer des Versuchs, den Service Public auszuhöhlen, was sehr wohl auch zu einer Schwächung der Demokratie führen kann.

Im Antrag für meine Mitgliedschaft im Deutschschweizer PEN-Zentrum habe ich geschrieben, was für mich als Autorin Freiheit bedeutet. Für mich bedeutet Freiheit, dass das Schlimmste, was mir als Autorin nach einer journalistischen oder literarischen Kritik an Institutionen passieren könnte, eine schlechte Rezension ist. Momentan geniesse ich diese Form von Freiheit, und ich möchte, dass das so bleibt. Aber ja, mal schauen. Sonst bleibe ich dann halt wieder mehr zuhause und schaue «The Simple Life».

29. Januar 2026

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