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Fische ausnehmen oder nieder mit Weihnachten

Vor noch ungefähr fünfzehn Jahren habe ich an jedem Weihnachten gearbeitet. Ich habe Regale aufgefüllt, Lotterielose eingescannt, Kugelschreiber verkauft und hinter der Ladentheke Fische ausgenommen.

Von Lea Schlenker

Wenn ich beim Fische ausnehmen Pech hatte und müde war, schnitt ich dabei aus Versehen in die Gallenblase des Fisches, und durch die dadurch austretende Flüssigkeit wurde das Tier gemäss den Qualitätsstandards des Geschäfts unverkäuflich. Ungeduldige Kund*innen mussten auf einen zweiten Versuch von mir hoffen. Wenn ich an diese strengen Zeiten zurückdenke, wünsche ich mir manchmal, alle Supermärkte der Welt würden zeitgleich am 23. Dezember Feuer fangen und niederbrennen. Ich weiss natürlich, dass das nicht passieren wird. Moderne Einkaufshöllen haben ausgezeichnete Brandschutzmassnahmen. 

Ich bin schon vor einer Weile aus dem Berufsfeld Einzelhandel ausgetreten. Weihnachten mag ich jedoch noch immer nicht, genauso wie Silvester oder überhaupt die ganze Adventszeit. Ich habe auch nie wieder einen Fisch ausnehmen müssen, obwohl ich das sogar noch lieber täte, als Glühwein zu trinken, dabei Handschuhe zu tragen und trotzdem zu frieren, mit unwillkürlicher Sehnsucht nach der Hitze des Fegefeuers. Oder meiner Wohnung mit Minergiestandard, in der jeden Tag T-Shirt-Wetter ist. Jedes Jahr, wenn wieder Dezember naht, versuche ich herauszufinden, ob der Mensch nicht doch auch für den Winterschlaf gemacht sein könnte. Ist er aber nicht, unter anderem weil wir Energie nicht so gut in Wärme umwandeln können. Mittlerweile habe ich den Glauben an Heilung vollständig aufgegeben. Ich werde vermutlich niemals in meinem Leben freiwillig einen Weihnachtsbaum schmücken, mir Neujahrsvorsätze nehmen oder Weihnachtsmusik aushalten können. Ich werde vermutlich niemals während eines Weihnachtsessens nicht nebenbei irgendeinen Liveticker am Handy verfolgen, seien es zur Not auch Sportnachrichten. 

Im Dezember schlafe ich tief und traumlos. Es gibt ja auch nichts mehr zu träumen, nichts mehr zu planen, das Jahr ist schliesslich fast rum. Jetzt müssen nur noch Finanzabschlüsse gemacht, Situationships beendet und Absolutionen ersucht werden. Es muss noch eingekauft werden, in gottloser Quantität und Qualität, für alle, die wir lieben und auch ein bisschen hassen. Verkäufer*innen berichten von unsagbarem Stress in diesen Tagen, Wirt*innen von massivem Alkoholkonsum. Häusliche Gewalt gegenüber Frauen nimmt zu, familiäre Konflikte sorgen für tiefes Unbehagen. Hassen wir vielleicht alle Weihnachten ein bisschen? Womöglich haben wir ja alle ein bisschen Angst davor, in die Gallenblase zu stechen. Natürlich ist die Gallenblase hier metaphorisch für die Wandelbarkeit und Fragilität des Lebens zu deuten, die jeweils Ende des Jahres immer präsenter werden. Wir müssen schliesslich nicht alle mit Fischkadavern arbeiten. 

Alle diese Gedanken wecken in mir den Wunsch, eine Protestaktion zu starten: Boykottieren wir Weihnachten! Nieder mit dem Kapitalismus! Lassen wir die Tannenbäume allesamt im Wald, damit Fuchs und Hase dort ihr Geschäft verrichten können! Aber ich weiss es natürlich besser. Alle werden sich wieder was schenken, auch wenn sie sich dieses Jahr garantiert nichts schenken, und auch ich werde den Boykott nicht vollumfänglich durchziehen können. Der Samichlaus und die Liebe zum unsinnigen Geldausgeben sind so sehr in meinen Genen verankert wie die Augenfarbe meiner Mutter oder der flache Humor meines Vaters. Ich werde es aber überleben. Denn: Es gibt immer ein Danach. Einmal habe ich Silvester mit Freund*innen in Zürich verbracht. Um Mitternacht haben sich alle unter den Tisch gesetzt, um Trauben zu essen. Das Feuerwerk konnte man wegen des dichten Nebels ohnehin nicht sehen. Dann, frühmorgens, bin ich durch die noch leeren Strassen Zürichs zum Bahnhof spaziert. Der Nebel hat sich etwas gelichtet und es begann sogar, ein wenig zu schneien. Bis auf die Kehrmaschinen konnte ich nichts hören, es war pure Magie. Mir fiel ein, dass heute ja der erste Januar ist. Ein neues Jahr, noch einmal Carte blanche, vier Jahreszeiten im Rausch und Schnelldurchlauf. Ich lächelte in mich hinein und dachte: So, jetzt kommt dann schon bald wieder der Sommer. Nur noch ein paar Mal kurz die Augen blinzeln. 

18. Dezember 2025

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