Interview von Gastautorin Viviane Tuvera Lichtenberger
Die ursprüngliche Idee für «Safe Spaces» entstand, als Sarah Horst 2015 zum ersten Mal mit Shibari und der sex-positiven Szene in Berührung kam: einer Welt, die damals noch weitgehend im Untergrund existierte. Was zunächst als filmische Annäherung an eine damals noch kaum sichtbare Welt begann, entwickelte sich über fast zehn Jahre hinweg zu einem intimen Porträt über Beziehungen, Konsens und die leisen Momente zwischen Menschen.
Sarah, worum geht es in deinem Film im Kern?
Sarah Horst: Es geht um drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen, die an verschiedenen Orten in Europa leben, und um ihre Auseinandersetzung mit bewusster Sexualität. Im Kern geht es um Verbindung. Viele Menschen fühlen sich heute isoliert, obwohl das Bedürfnis nach Nähe sehr gross ist. Der Film handelt von Vertrauen, Intimität und der Suche danach, sich selbst und andere besser zu verstehen.
War die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas für dich ein ausschlaggebender Impuls, den Film zu realisieren?
Nein, der Ursprung war ein sehr persönlicher. 2015 kam ich zum ersten Mal mit Shibari sowie der BDSM- und sexpositiven Szene in Kontakt. Damals war das alles noch im Untergrund. Viele kannten das überhaupt nicht. Für mich hat sich ein verborgener Schatz aufgetan, von dem ich nicht wusste, dass er existiert. Gleichzeitig war der Zugang alles andere als einfach: Es hat Monate gedauert, bis ich überhaupt jemanden gefunden habe, der bereit war, mich zu fesseln. Es war fast eine kleine Odyssee.
Ich war damals noch im Medizinstudium und wusste ziemlich schnell, dass ich darüber einen Film machen möchte. Auch, weil meine eigenen Vorurteile überhaupt nicht mit dem übereinstimmten, was ich dann erlebt habe. Ich hatte fast das Gefühl, es sei schade, dass so wenige Menschen wissen, was wirklich dahintersteckt.
Und es hatte auch eine sehr persönliche Wirkung: Shibari ist für mich bis heute einer der wenigen Räume, in denen ich meinen Kopf als neurodivergente Person wirklich abschalten kann. Dinge wie Yoga oder Meditation sind schön, hatten für mich aber nie denselben Effekt.
Das ist spannend – und macht auf eine gewisse Weise auch Sinn, gerade wenn man an Reizverarbeitung bei neurodivergenten Menschen denkt.
Genau. Und um noch einmal darauf zurückzukommen: Die ursprüngliche Idee war, der Welt zu zeigen, was diese Szene wirklich ist, weil sie damals medial kaum existierte. Aber das ist inzwischen fast zehn Jahre her. Seither hat sich vieles verändert, sowohl gesellschaftlich als auch bei mir persönlich. Themen wie Konsens sind viel präsenter geworden, Bewegungen wie #MeToo haben vieles angestossen.
Auch mein Blick hat sich verschoben: weg von einem eher erklärenden, thematischen Zugang hin zu etwas viel Feinerem. Mich interessieren heute die zwischenmenschlichen Beziehungen und die leisen Momente. Am Anfang war da viel Neugier und ein Drang, immer mehr auszuprobieren, fast wie ein ständiges Steigern von Intensität. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass es eigentlich um das Gegenteil geht: um Sensibilität, um Wahrnehmung, um kleine, intime Begegnungen. Auch mit sich selbst. Die Szene ist zum Glück auch viel queerer geworden.
Du begleitest die drei Protagonistinnen Alexandra, Patricia und Shadow über einen längeren Zeitraum. Stand diese Konstellation von Anfang an fest, oder hat sie sich im Laufe der Jahre entwickelt?
Sie hat sich entwickelt. Zu Beginn standen andere Personen im Fokus, einige sind heute Nebenfiguren oder gar nicht mehr Teil des Films. Patricia habe ich über eine andere Protagonistin kennengelernt, Alex auf einem anderen Weg. Eine Person ist kurz vor Drehbeginn abgesprungen. Shadow kam später dazu, weil mir das Thema Asexualität wichtig wurde.
Asexualität hat mich besonders interessiert, weil es auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt: In sex-positiven Räumen fühlen sich viele asexuelle Menschen sehr wohl. Aber genau dort können sie offen über ihre Bedürfnisse sprechen und werden so akzeptiert, wie sie sind. Es gibt keinen Druck, sich zu verändern oder etwas «ausprobieren» zu müssen.
Der Film zeigt sehr intime, alltägliche Momente, bis hin zu Szenen im Bad beim Duschen. Gleichzeitig begleitest du die Protagonistinnen über viele Jahre und an unterschiedlichen Orten. Wie hast du diese Nähe hergestellt?
Wir haben tatsächlich an ganz verschiedenen Orten gedreht. Mit Shadow in Antwerpen und teilweise in Italien, mit Patricia in Barcelona und mit Alex in der Schweiz. Aber mir war von Anfang an wichtig, dass der konkrete Ort keine grosse Rolle spielt. Deshalb erkennt man das teilweise nicht auf Anhieb im Film – für mich war das irrelevant. Es geht um etwas Universelles, um ein Gefühl, das nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist. Die Nähe entsteht auch daraus, dass es alles Freundinnen von mir sind. Dadurch war ein Grundvertrauen da.
Dann ist man sich ohnehin nah. Ich nehme an, diese Vertrautheit hatte viele positive Seiten. Hat sie auch Dinge verkompliziert?
Konflikte gab es tatsächlich nie. Die Nähe hat eher die Verantwortung verstärkt, die ich als Regie gegenüber den Protagonistinnen trage. Ich hatte durchaus Ängste, dass unsere Freundschaften unter dem Projekt leiden könnten. Deshalb war es mir wichtig, ihnen den Film vor dem finalen Schnitt zu zeigen. Niemand wollte Szenen ändern. Bis heute stehen sie hinter dem Film und fühlen sich gut repräsentiert.
Gab es dennoch unterschiedliche Vorstellungen darüber, was im Film stärker sichtbar sein sollte?
Patricia hätte sich gewünscht, dass ihr politischer Aktivismus stärker vorkommt. Wir haben auch entsprechende Szenen gedreh. Aber für mich liegt die Stärke des Kinos in den leisen, zwischenmenschlichen Momenten. Eine Szene, in der sie innehält, mit Tränen in den Augen, etwas sagen will und es dann doch nicht tut. Das erzählt für mich viel mehr in so einem Film.
Natürlich ist das, was sie sagt, inhaltlich sehr stark. Aber ich wollte im Film in erster Linie Emotionen erzeugen, nicht argumentieren. Wir haben darüber gesprochen, und ich habe ihr auch gesagt: Diese Plattformen wird sie ausserhalb des Films haben. Im Kino ging es mir darum, eine andere Form von Nähe und Verständnis zu schaffen.

Gab es aufgrund der Intimität am Set oder in den Szenen besondere Absprachen oder Regeln?
Feste Regeln gab es nicht. Wir haben jede Szene und jeden Drehblock gemeinsam vorbereitet. Ich habe mit den Protagonistinnen jeweils besprochen, was inhaltlich interessant sein könnte, und sie konnten selbst viele Ideen einbringen. Sie kannten das Konzept des Films und wussten, welche Themen mich interessieren. Entsprechend haben sie auch eigene Vorschläge gemacht. Etwa welche Termine oder Workshops sich für den Film eignen könnten. Daneben gab es natürlich auch viel Zeit ohne festes Programm. Dann haben wir konkreter darüber gesprochen, was wir bei ihnen zu Hause filmen könnten. Ich habe vielleicht vorgeschlagen, dass ein Gespräch mit einer Partnerperson spannend wäre, aber auch dort konnten sie mitentscheiden: Wo gefilmt wird, in welchem Rahmen, in welchem Setting. Es war also wirklich ein gemeinsamer Prozess. Ich wollte nie, dass ich als Regisseurin einfach etwas festlege und die anderen nur folgen. Im Gegenteil. Sie kamen oft sehr aktiv und mit viel Enthusiasmus auf mich zu und sagten, worauf sie Lust hätten.
Gerade die Gespräche zwischen Shadow und Chris oder zwischen Patricia und Xavi über ihre jeweiligen Beziehungen sind mir sehr geblieben, weil sie so nah und intim wirken. Ich hatte teilweise das Gefühl, als würde der Film diese Gespräche überhaupt erst ermöglichen. War das tatsächlich so?
Bei Patricia und Javi war das nicht das erste Mal, solche Gespräche tauchten in ihrer Beziehung bereits davor auf. Bei Shadow und Chris war es aber tatsächlich so, dass sie nach dreissig Jahren Beziehung zum ersten Mal überhaupt über Asexualität gesprochen haben. Danach haben sie sich mehrmals bei mir bedankt, weil dieses Gespräch ihrer Beziehung sehr geholfen hat. Chris ist eigentlich jemand, der sehr verschlossen ist und nicht gern über Gefühle spricht. Durch die Situation musste er sich darauf einlassen, etwas auszusprechen, und das war offenbar sehr wertvoll für beide. Natürlich kann man dann diskutieren, wie dokumentarisch oder wie inszeniert so ein Moment ist. Aber entscheidend ist für mich: Das Gespräch war real. Es hat wirklich zwischen ihnen stattgefunden.
Es ist ja keine heteronormative Geschichte, die du im Film erzählst. War das von Anfang an ein bewusster Anspruch von dir, oder hat sich das eher organisch ergeben, weil du selbst Teil dieser Szene bist?
Das war schon ein bewusstes Anliegen. Als Filmemacherin habe ich eine Plattform und damit auch die Möglichkeit, eine politische Aussage zu machen. Für mich ist das hier ein sehr politisches Thema. Was wir als attraktiv wahrnehmen, welche Schönheitsideale und Rollenbilder wir verinnerlicht haben. Das ist alles konstruiert und historisch gar nicht so alt, wie man oft denkt. Und wenn man versteht, dass diese Bilder konstruiert sind, dann versteht man auch, dass man sie wieder dekonstruieren kann.
Film ist dafür ein unglaublich starkes Medium. Er kann unseren Blick schulen. Je mehr Bilder wir von Sexualität zwischen älteren Menschen, dicken Menschen oder generell von Körpern und Beziehungen jenseits der Heteronorm sehen, desto mehr verändert sich auch unsere Wahrnehmung. Wenn ich etwa die Spielszenen in meinem Film anschaue, sehe ich darin grosse Schönheit, auch wenn die Körper und Konstellationen nicht dem entsprechen, was das Kino sonst meist zeigt.
Ich merke ja auch bei mir selbst, wie sehr ich mich aktiv von patriarchalen Bildern lösen muss. Immer wieder ertappe ich mich bei Gedanken, bei denen ich merke, wie tief gewisse Muster sitzen. Wir sind einfach so aufgewachsen. Deshalb war es mir auch wichtig, Frauen ins Zentrum zu stellen. Ich habe das Gefühl, dass wir Frauen besonders stark darauf trainiert wurden, hübsch, leise, sauber und angepasst zu sein. Und genau das darf man hinterfragen. Man darf laut sein, man darf mehrere Sexualpartner:innen haben, man darf all diese Normen infrage stellen, mit denen man aufgewachsen ist.
Ich fand auch die Musik sehr eindrücklich. Sie untermalt den Film auf eine sehr schöne Weise, ohne etwas zu sexualisieren oder unnötig zu dramatisieren. Wie habt ihr mit der Komponistin Mirjam Skal zusammengearbeitet?
Ich kannte Mirjam vorher nicht, sondern habe sie entdeckt und dann einfach blind kontaktiert. Sie war von Anfang an begeistert vom Projekt und hat sofort zugesagt. Die Zusammenarbeit zwischen ihr, meiner Cutterin Myriam, und mir war dann sehr intensiv. Zu Beginn hat sie mir Samples von bereits existierenden Stücken geschickt, bei denen sie das Gefühl hatte, dass sie ungefähr zur Atmosphäre des Films passen könnten. Damit haben wir schon einmal provisorisch geschnitten. Je konkreter das Projekt wurde, desto mehr entwickelte sich ein Pingpong-Prozess: Wir schickten ihr Szenen, gaben Rückmeldungen – etwa, dass etwas vielleicht noch mysteriöser oder zurückhaltender sein könnte – und sie reagierte darauf wieder mit neuen musikalischen Entwürfen.
Für sie war das ebenfalls ein neuer Arbeitsprozess, weil sie normalerweise erst mit einem Final Cut arbeitet, also mit einem fertigen Bild. Bei uns war das anders, weil wir schon sehr früh mit Musik schneiden wollten. Im Rückblick war das für alle eine grosse Bereicherung. Die Musik ist heute so eng mit den Bildern verbunden, dass ich mir viele Szenen gar nicht mehr anders vorstellen kann.
Es war überhaupt eine sehr besondere Teamarbeit: angefangen bei Ramón, der die Bilder kreiert hat, über die Musik bis hin zu Oscar, der als Sound-Designer alles noch einmal auf ein anderes Level gehoben und dem Film zusätzliche Lebendigkeit gegeben hat. Ich bin allen Beteiligten sehr dankbar dafür, wie viel sie in dieses Projekt hineingegeben haben.

Ist dir aus den Reaktionen des Publikums etwas besonders geblieben? Ich hatte gestern beim Q&A den Eindruck, dass manche etwas überfordert waren.
Beim gestrigen Q&A fand ich es schade, wie stark sich das Gespräch auf BDSM verengt hat und innerhalb davon dann noch einmal fast nur auf das Thema Schmerz. BDSM ist so viel mehr, als einander Schmerzen zuzufügen. Ich schaue den Film überhaupt nicht auf diese Weise. Eigentlich benutze ich sogar das Wort BDSM nicht besonders gern, weil es sofort einen sehr stereotypen Kopfkino-Effekt auslöst, der mit dem, was ich in meiner eigenen Bubble erlebe, oft wenig zu tun hat.
Der Film hat für mich so viele andere Ebenen: politische, universelle Themen, die weit über eine kleine Szene hinausgehen und eigentlich alle Menschen betreffen. Aber sobald Sexualität ins Spiel kommt, ist sofort auch viel Scham und Abwehr da. Dann werden Fragen gestellt, die man bei anderen Themen nie stellen würde. Im Q&A fragte etwa jemand, ob man nun BDSM praktizieren müsse, um dieses Erlebnis nachvollziehen zu können. So eine Frage würde bei einem Film übers Bergsteigen niemand stellen. Niemand würde sagen: «Muss ich jetzt selbst bergsteigen, um das Gefühl des Gipfels zu verstehen?»
Genau daran merkt man, wie stark das Thema Sex noch immer schambesetzt ist. Ich arbeite inzwischen an einem neuen Projekt, das überhaupt nichts mit Sexualität zu tun hat, und wenn ich davon erzähle, kommen sofort ganz viele interessierte Nachfragen. Bei «Safe Spaces» ist es oft eher so: «Ah, du machst einen Film über Sexualität? Okay.» Und dann ist das Gespräch vorbei. Das finde ich schade, weil Sexualität nach wie vor nicht als etwas Selbstverständliches behandelt wird, obwohl sie ein ganz normaler Teil unseres Lebens ist.
Wir alle setzen uns auf die eine oder andere Weise mit Sexualität auseinander. Wenn wir offener damit umgehen könnten und uns stärker von dieser Scham befreien würden, wäre vielleicht vieles weniger zerstörerisch.
20. Mai 2026