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Familienmodelle 2.0 – hoch lebe die Toleranz

Ich habe zwei Papis und ein Mami – und ich finde es grossartig! Das war allerdings nicht immer so. Denn unser System trichtert uns auch 2020 noch ein, wie eine Familie gefälligst auszusehen hat. Schade, denn Familienmodelle 2.0 sind einiges entspannter, offener und meist für alle Beteiligten ein Mehrwert.

Von Leila Alder

Familienmodelle

«Leila, ich habe jetzt einen Freund. Papi weiss das und er ist auch nicht traurig» – oh, wie ich mich noch an diese Worte erinnere. «Doch ist er!», schrie ich. Einige Wochen später dann das Aufeinandertreffen mit dem Freund. Am Chorkonzert meiner Mutter. Ich weigerte mich, ihn zu grüssen. Dieser Mann hatte schliesslich meine heile, kleine Welt zerstört. Er hatte Mami und Papi zerstört. Dass meine Eltern noch immer wunderbar miteinander auskamen, immer noch zusammen wohnten, weil sie beide das so wollten, und meine Mutter glücklicher war als je zuvor, interessierte mich in diesem Moment null. Ich schämte mich. Wie sollte ich das meinen Freundinnen erklären? Würden sie mein Mami verurteilen?

Das Familienmodell Mami-Papi-Kind gilt als Norm in unserer Gesellschaft. Dabei vergessen wir, dass diese Art des Zusammenlebens, auf die Weltgeschichte blickend, doch eher etwas Neues ist. Kleine Zeitreise: In der Antike beispielsweise, waren die Mami-Papi-Kind-Konstellationen wegen der häufigen Scheidungen und der hohen Sterblichkeit keine stabilen Einheiten. Kinder wuchsen oft in einer Art Patchworkfamilie mit Stiefelternteilen und Stiefgeschwistern auf. Bezugspersonen waren oft Sklavinnen und Sklaven, die auch die Erziehung leiteten. Zusammengewürfeltes gab es also auch schon damals.

Obwohl es mittlerweile die buntesten Familienkonstellationen gibt, scheint die Toleranz gegenüber neuartigen – oder antiken – Modellen des Zusammenlebens noch nicht dort angekommen zu sein, wo sie sollte. Dies war auch der Auslöser für das Projekt «zämegwürflet» von Amber Vetter und Nuria Spycher. Mit einem schwulen und einem alten Papi verbindet sie der Umstand, dass sie jeweils etwas mehr Zeit benötigen, um ihre Familiengeschichte zu erzählen. Wie auch ich.

Für die ersten zwei Stories von «zämegwürflet» mussten ihre eigenen Papis herhalten – ihre Stories markieren aber nur den Anfang eines, meiner Meinung nach, sehr relevanten Projekts.

Um etwas mehr Klarheit in dieses doch sehr komplexe Thema zu bringen, habe ich zwei Menschen interviewt, die wissen müssen, wie Familienmodelle 2.0 erfolgreich gelebt werden. Meine Eltern.

Mami

In welchem Familienkonstrukt bist du selbst aufgewachsen? War dieses Modell in dir verankert?

Ich komme aus einer sehr bilderbuchmässigen Familie. Als ich heiratete, ging ich mit der Vorstellung in meine Ehe, dass es auch bei mir so sein wird. Ich war jedoch schon immer ein Freigeist, so auch mein Mann. Wir haben uns sehr viele Freiheiten gelassen – so war es aber auch bei meinen Eltern. Es herrschte immer absolute Ehrlichkeit und Offenheit in unserer Familie. Dazu kam jede Menge Toleranz von allen Seiten.

Wie war die Beziehung zwischen Papi und dir, bevor wir auf die Welt kamen?

Papi und ich kennen uns seit der 1. Klasse. Wir waren immer gut befreundet und mal kurz ein Päärli in der Sekundarschule. Als ich mich dann in jemand anderes verliebte, meinte er damals: «Ich möchte, dass du glücklich bist, egal in wessen Armen». Das hatte mir sehr imponiert. Danach machten wir beide unsere Erfahrungen. Papi war ein Frauenschwarm, der wechselte seine Freundinnen öfters als seine Unterhose, und mir waren die meisten Männer zu klammerig, sodass ich es mit ihnen nicht aushielt. Während all dieser Zeit, waren wir noch immer gut befreundet und irgendwann entwickelte sich diese Freundschaft zu mehr. So kam es, dass wir wieder ein Paar wurden. Wir zogen in eine gemeinsame Wohnung und heirateten einige Jahre später – hätten wir keine Kinder gewollt, hätten wir auch nicht geheiratet. Da sind auch wir Opfer der Gesellschaft geworden. Heute würde ich es anders machen.

Wann oder warum hast du gemerkt, dass das Konstrukt Mami-Papi-Kind bei euch nicht mehr funktioniert?

Zu Beginn war es ein Ehe-Problem. Als du so im Spielgruppenalter warst, hatte ich das Gefühl, dass mich Papi nur noch als Mutter und langjährige Freundin, einfach als jemanden, den man mag, wahrnahm. Ich war rund um die Uhr mit dir und deiner Schwester zusammen. Mir fehlte die Bestätigung – dass ich auch als Frau noch wahrgenommen und geschätzt werde. So begann ich andere Männer zu treffen – ohne sexuelle Hintergedanken. Ich wollte mich nicht trennen, sondern dem Verlangen nach Bestätigung nachgehen. Dies kommunizierte ich von Anfang an offen mit Papi, und er war damit einverstanden. Wir gingen dann auch noch in eine Eheberatung, die wenig bis gar nichts gebracht hat.

Hast du nie in Erwägung gezogen, dich zu trennen?

Nein, in erster Linie nicht wegen euch. Dazu kam, dass wir nie Streit hatten. Wir liebten uns nach wie vor – wir waren einfach wieder bei der Freundschaft angekommen – dort wo alles anfing. Als Ehepaar funktionierten wir nicht mehr. Als Freunde und Mitbewohner aber sehr wohl. Wir fanden, dass die Entscheidung weiterhin als Familie zu leben, für alle Beteiligten die schönste Option ist.

Meine Schwester und ich wohnen nun seit einigen Jahren nicht mehr zuhause. Du und Papi leben aber noch immer zusammen. Zumindest von Sonntag bis Donnerstag. Warum?

Aus praktischen, finanziellen aber auch persönlichen Gründen. Wir haben ein friedliches Zusammenleben und es ist für uns beide unser Dihei. Wir schlafen in getrennten Zimmern und jeder von uns hat seine eigene Routine. Ein bisschen wie in einer WG.

Du bist nun seit einigen Jahren mit meinem 2. Papi zusammen. Wie ist das alles für ihn?

Er ist Toleranz in Person und hat überhaupt kein Problem damit. Er versteht die Beziehung von Papi und mir. Er versteht, dass man einen Menschen, der einem einst so nah war, nicht einfach aus seinem Leben stossen möchte. Er pflegt ebenfalls eine gute Beziehung zu seiner Ex-Frau, mit welcher auch ich gut auskomme – so auch er mit Papi. Zudem braucht auch er seine Freiheiten, die ich ihm noch so gerne lasse. Dennoch leben wir in einer monogamen Liebesbeziehung.

Was denkst du ist die Vorsaussetzung, dass diese Art von Familienmodell funktionieren kann?

Dass es allen Beteiligten dabei gut geht und keiner unter der Situation leidet oder zurückstecken muss. Dazu braucht es in erster Linie eine riesige Portion Vertrauen, Toleranz und bedingungslose Liebe.

Papi

In welchem Familienkonstrukt bist du selbst aufgewachsen? War dieses Modell in dir verankert?

Ich bin in einem sehr traditionellen und konservativen Konstrukt aufgewachsen. Der Vater war die Autoritätsperson, die Mutter für die Familie zuständig. Verankert war dieses Konstrukt in mir aber nie. Ich fand dieses konservative Denken immer eher unangenehm – manchmal kam mir alles mehr als Schein statt Sein vor. Dazu war ich immer ein kleiner Anarchist – das Wichtigste für mich war immer Liberalität. Das gab es in meiner Familie nicht.

War für dich immer klar, dass du nie das traditionelle Mami-Papi-Kind-Konstrukt leben kannst?

Ja. Grund dafür war die Beziehung zu meinem Vater. Ich begann sehr früh damit, mich gegen seine Inakzeptanz mir gegenüber aufzulehnen und zu rebellieren. Ich wollte niemals so werden und niemals eine Familie gründen, die so funktioniert wie meine. Ich wollte eine Familie, in der Toleranz herrscht und jeder seine Freiheiten hat. Ich wusste, dass es für mich schwer werden wird, treu zu sein. Rein auf sexueller, nicht emotionaler Ebene. Daher war für mich auch klar, dass ich meine Frau nie irgendwie einschränken werde.

Was bedeutete und bedeutet mein Mami für dich?

Karin, also Mami war und ist für mich mein Zuhause. Das, was ich irgendwie nie hatte. Mami ist meine Bezugsperson, mein Anker und der Mensch, bei dem ich einfach ich selbst sein kann. Sie ist neugierig, frech und vor allem offen und ehrlich – das liebe ich so sehr an ihr. Durch sie und ihre Familie habe ich so viel erfahren; so viel Liebe, Toleranz und schlussendlich auch meinen Glauben an etwas Grösseres.

Wie war es für dich als Mami dir mitteilte, dass sie einen festen Freund hat?

Irgendiwe entspannend. Unsere Beziehung bestand zu diesem Zeitpunkt nur noch aus Vorwürfen. Aufgrund meines Jobs, hatte ich einfach nie die Zeit für Sie, die sie verdiente. Ich freute mich für sie, wenn sie nun das bekam, was sie sich wünschte. Eifersüchtig war ich nie. Ich wollte, dass es ihr gut geht.

Wie stehst du zu Mamis Freund?

Für mich ist er ein guter Freund. Und ich finde es bewundernswert, dass er mir auch meine Beziehung zu Mami nicht wegnehmen möchte, sondern sie versteht und mich niemals loswerden wollte oder will. Er ist mir in vielen Punkten sehr ähnlich. In anderen wieder gar nicht – und genau das macht Mami glücklich.

Was denkst du ist die Vorsaussetzung, dass diese Art von Familienmodell funktionieren kann?

Akzeptanz. Und diese sollte im Jahre 2020 einfach langsam aber sicher vorhanden sein. Wichtig ist, dass vor allem innerhalb einer Familie offen kommuniziert wird. Dass den Kindern früh vermittelt wird, dass es kein Richtig oder Falsch gibt, was die Familie betrifft. In der Schweiz herrscht punkto Beziehung null Toleranz. Das muss sich ändern. Auch ich hätte früher ganz ehrlich sein sollen. Und genau das lege ich allen jungen Herren – und auch Frauen – fest ans Herz.