Noch bevor ich mich an diesen Text setze, bin ich bereits unsicher, ob es ihn auch wirklich braucht. Zum einen, weil vermutlich niemand mehr Lust darauf hat, einen Text über KI und deren Auswirkungen auf unseren Alltag zu lesen. Die Prognosen sind in der Regel semi-wertvoll und ähneln sich immer mehr oder weniger, schwankend zwischen KI als Geschenk des Himmels oder als Wegbegleiter in die Hölle. Zum anderen stelle ich mir die Frage, ob ich mir ganz grundsätzlich überhaupt die Mühe machen soll, für so einen Beitrag in die Tasten zu hauen. Würde ich bei ChatGPT einen einigermassen anständigen Prompt verfassen, könnte mir die Maschine in Windeseile den von mir gewünschten Text ausspucken. Was hierbei wohl das Schlimmste ist – und während ich das schreibe, zieht sich jede Faser meines Körpers zusammen – ist, dass der KI-Text vielleicht sogar qualitativ besser sein könnte als derjenige, den ich hier mit bitz Schweiss (Hochsommer) und Herzblut selbst komponiere.
In diesem Text geht es aber nicht darum, welche Chancen und welche Gefahren die Nutzung von KI mit sich bringt. Wir alle haben schon tausendfach von ihnen gehört. Verlust des Arbeitsplatzes, Erhöhung der Produktivität, Effizienzsteigerung, Abnehmen ungeliebter Tätigkeiten, Umweltfragen, Halluzinationen und Fehlinformationen von Seiten des Chatbots. Nun gibt es auch eine MIT-Studie, die nahelegt, dass die vermehrte Auslagerung kognitiver Tätigkeiten an ChatGPT Auswirkungen auf die Intelligenz eines Individuums haben kann. Diskussionen über dieses Thema bleiben aber oft nicht mehr als ein verschwommener Blick in die Kristallkugel. Diese Unsicherheiten machen Angst. Ein befreundeter Journalist erzählte mir kürzlich, er gehe stark davon aus, dass es in seiner Branche noch rumpeln werde. Eine Freundin, die in der Kommunikation arbeitet, erzählt etwas zwiegespalten, dass nun beim Onlineblog ihres Arbeitgebers die Beiträge mehrheitlich von ChatGPT geschrieben werden.
Mein soziales Umfeld besteht aus unzähligen Personen, die für ihr Brot schreiben. Poetry Slam, Romane, Theater, Wirtschaftsnachrichten, Reportagen oder Kolumnen. Und obwohl ChatGPT am Arbeitsplatz in vielen Branchen und bei vielen Personen kaum mehr wegzudenken ist, drucksen sich viele Schreibende noch um dieses Thema, inklusive meiner Wenigkeit. Wenn mich jemand fragt, ob ich denn schon mal ein Gedicht mit künstlicher Intelligenz verfasst habe, kommt mir die Magensäure hoch. Menschen, die ihre gesamte Arbeitstätigkeit in die Hände von Sprachmodellen riesiger Tech-Giganten geben, belächele ich normalerweise und stemple sie als unkritisch ab. Aber das greift vermutlich zu kurz. Mein kritisches Denken gegenüber ChatGPT und Co. basiert sicherlich zum einen auf realen sachlichen Begründungen, so wie auch die Nutzung dieser Modelle reale sachliche Gründe dafür hat. Andererseits ist meine skeptische Haltung aber auch gefärbt von Existenzangst, der Frage nach meiner Daseinsberechtigung und auch dem Hinterfragen nach dem Wert und der Zukunft meiner geleisteten Arbeit. Schreibe ich des Schreibens willen oder einfach, um geschrieben zu haben? Wenn ich nicht mehr stunden- oder tagelang an einem Text rumbrüte, sondern unliebsame Tätigkeiten einfach schnell mal abgeben kann, kann ich mir dann überhaupt noch für irgendwas auf die Schultern klopfen? KI wird gerühmt für ihre Produktivitätssteigerung, was dafür sorgt, dass ich meinen eigenen Beitrag in dieser Produktivitätsmaschine hinterfrage. Ich bin ein produktives Mitglied der Gesellschaft, also bin ich? Woran habe ich Freude, wenn ich arbeite?
«Was Spass macht, ist nicht das Denken, sondern gedacht zu haben», las ich kürzlich in der FAZ in einem Kommentar zu genau diesem Thema. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Würde ich das Texten nun komplett an ChatGPT & Co. abgeben, sei es auch nur für eine der Kolumnen, von denen ich schon dutzende geschrieben habe, würde ich zwar auch lästige Arbeit abgeben, aber mir würde vieles fehlen. Das Gefühl, gleich dreimal hintereinander einen schönen Satz zustande gebracht zu haben, oder wenn nach einer langen Blockade mal aus dem Nichts eine kreative Bombe bei mir im Gehirn einschlägt. Oder wenn ich einen Text von mir nach einer langen Zeit mal wieder lese und denke: Huch, das ist aber nicht mal so schlecht!
Vielleicht sollten wir in dieser Frage den Diskurs etwas verschieben. Oftmals fragen wir uns, ob denn in Zukunft Leser*innen Texte akzeptieren werden, die ausschliesslich von der KI kommen. Vielleicht sollten wir uns besser fragen, ob die Autor*innen akzeptieren werden, ihre Texte ausschliesslich von KI verfassen zu lassen.
In Anschluss an diesen Text bitte ich ChatGPT, ein Gedicht im Stil der Autorin Lea Schlenker zu schreiben. Wenige Sekunden später ploppt die Textmeldung «Hier ist ein kleines Gedicht, das im Stil von Lea Schlenker angelegt ist – mit ihrem Mix aus fantastischer und realistischer Poesie, einer bittersüssen Melancholie, Wortwitz, Detailverliebtheit und einem zugänglichen Ton für alle» auf. Das Gedicht selbst nennt der Bot «Eine versunkene Telefonnummer». Es ist so grauenhaft schlecht, dass ich lachen muss.
24. August 2025