Das Buch «In der stärksten Mittagssonne friere ich» von Autorin Lorena Müllerin startet mit einer Warnung. Wer es nicht schon vor oder während dem Kauf geahnt hat, wird spätestens auf der ersten Seite des Prologes darauf aufmerksam gemacht: «Vor euch liegt kein einfacher Lesestoff – weder für Betroffene noch für Nichtbetroffene.» In den neun Texten, die hier drin zu lesen sind, werden die Erlebnisse von Betroffenen von sexualisierter Gewalt erzählt. Keine leichte Kost also. Es folgen Grenzüberschreitungen in Beziehungen, in der Familie, bei ersten Dates und in allen möglichen Situationen, in denen die Machtverhältnisse ins Ungleichgewicht geraten.
Was bei der Lektüre schnell auffällt: Das Thema Sprache zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. «Eigne dir ein Vokabular an, das nicht verschleiert, sondern klarmacht, was gemeint ist. Du kannst mit deiner Sprache dazu beitragen, sexualisierte Gewalt sichtbar zu machen», schreibt Müllerin. Ihr Motiv wird bereits zu Beginn sichtbar, wenn sie schreibt, wie die Idee zu diesem Buch entstanden ist. «Die Idee wuchs aus einer Dringlichkeit, eine Sprache zu finden, die das System hinter der sexualisierten Gewalt nicht nur erklärt, sondern auch mit Nachdruck erfahrbar macht.» Sie erwähnt das Buch «Sprache und Sein» von Kübra Gümüşay. Ein Buch, das die Macht der Sprache umfangreich thematisiert. So heisst es darin, dass Sprache Realitäten schaffen und so Denken und Politik mitbestimmen kann. Bei Müllerin zeigt sich das in Erfahrungsberichten noch einmal deutlich. Wenn ein «Nein» vom Gegenüber als Botschaft mit Interpretationspotenzial gedeutet wird. Oder wenn die eigenen Erfahrungen von sexualisierter Gewalt vom persönlichen Umfeld bagatellisiert werden.

Diesen neun Erzählungen folgt ein Text, den die Autorin «Eine Bestandsaufnahme» nennt. Dort wird versucht, das breite Spektrum der sexualisierten Gewalt verständlich aufzuzeigen. Dabei stellt die Autorin allerdings auch fest, dass es unzählige Deutungen solcher Gewalthandlungen gibt. Es gibt verschiedene Bilder, Geschichten und Begriffe, die sich von Person zu Person unterscheiden. Müllerin schreibt hier, dass sexualisierte Gewalt klar eine Form der Machtausübung und kein Ausdruck von Begehren oder dem Wunsch nach Nähe ist. Thematisiert werden auch andere stereotypische Grundannahmen, die beim Thema sexualisierte Gewalt hartnäckig in unseren Köpfen stecken. Dazu gehört zum Beispiel die tief verankerte «Furcht vor dem fremden Mann», der nachts im Park lauert. Dabei ist in den meisten Fällen die gewaltausübende Person jemand, den die betroffene Person aus dem persönlichen Umfeld kennt. Die Autorin nennt zudem einige Strategien, die ins alltägliche Leben integriert werden können, um strukturelle Muster, die sexualisierte Gewalt fördern, zu durchbrechen. Dazu gehört unter anderem ein kritischer Konsum von Medien und auch hier der bewusste Umgang mit Sprache, wie beispielsweise auf ungefragte Kommentare zu Körpern und Geschlecht zu verzichten.
«In der stärksten Mittagssonne friere ich» ist ein Sammelband über ein Thema, mit dem sich spätestens jetzt alle Menschen, ob betroffen oder nicht-betroffen, beschäftigen sollten. Ob das mit der Lektüre von Erfahrungsberichten oder einer Auseinandersetzung mit Fakten und Zahlen in einer Bestandsaufnahme geschieht, bleibt jeder und jedem selbst überlassen. Lorena Müllerin bietet mit dem Buch die Möglichkeit, beides zu machen. Das macht das Buch zu einer wertvollen und ganzheitlichen Lektüre.
Die Buchvernissage findet am 20. August im SousSoul in Bern um 19:00 Uhr statt. Und hier kannst du das Buch bestellen.
16. August 2026