Projekt von Sascha Montag und Diana Laarz
Die stampfende Pauke treibt den Chor an. «Schicksal, ungeschlacht und eitel», schallt es aus über einhundert Kehlen. Auf der Bühne schreiten die Tänzer*innen aufeinander zu. Die Streicher und Hörner steigern das Tempo der Musik. Der mächtige Chor klingt verzweifelter: «Rad, du Rollendes! Schlimm, dein Wesen!» Es sind die intensivsten Momente im Lied zu Ehren der Schicksalsgöttin Fortuna. Das Finale der Aufführung.
Die Mitglieder des Balletts bilden nun einen Pulk, einige Männer beugen sich nach vorn, ihre Rücken bilden eine Rampe. Darauf strebt eine Tänzerin nach oben, Leonora Rexhepi. Gehalten von zwei Männern schwebt sie scheinbar empor, bis sie auf den Schultern eines Tänzers zum Stehen kommt. Die Arme reckt Rexhepi zur Decke der Konzerthalle, ihr Blick scheint etwas zu sehen. Das Orchester ist bei einem letzten langen, kraftvollen Ton angekommen. Unzählige Male haben die Künstler*innen diese Szene geprobt. Der Choreograf im Zuschauerraum flüstert: «Du hast dem Schicksal getrotzt und bist auferstanden.» Dann bricht die Musik abrupt ab. Im Publikum brandet Jubel auf. So endet die Premiere der «Carmina Burana» im Kosovo.

Es ist die grösste Aufführung klassischer Musik in der noch jungen Geschichte des Landes. 400 Künstler*innen stehen auf und vor der Bühne. «Frieden und Harmonie triumphieren», verkünden am Tag darauf die nationalen Medien.
«Carmina Burana» im Kosovo ist mehr als ein Konzerterlebnis. Die Tänzer*innen des Nationalballetts liessen sich in den Tagen vor der Premiere begleiten. Sie sprachen oft über Verantwortung und Stärke. Viele Mitglieder des Ensembles gehören einer Generation an, die als Kinder Krieg erlebt hat oder mit den Eltern davor geflüchtet ist. Nun sind sie zurück – und tanzen um Anerkennung. Dieser Abend voller Kunst ist in unsicheren Zeiten ein Symbol für ein selbstbewusstes, eigenständiges Kosovo. Ein Statement mit Geigen und Ballettschuhen.
Noch vier Tage bis zur Premiere
«Mamma mia, ragazzi!» Toni Candeloro schaut fassungslos auf seine Tänzer*innen. «Was ist denn passiert? Habt ihr alles vergessen?» Einer wagt eine Antwort: «Ich glaube, einige wissen nicht, auf welchen Takt der Sprung kommt.» Candeloro schüttelt den Kopf: «Es ist eine Schande, das zu sagen. Wo seid ihr denn alle im vergangenen Monat gewesen?» Auf diese Frage folgt nur Schweigen. Dann sagt Candeloro: «Also noch einmal auf Position. Und Musik ab.»
Eigens für die Aufführung der «Carmina Burana» hat das Nationalballett Kosovo einen Choreografen aus dem Ausland engagiert: Toni Candeloro. In den 1980ern und 1990ern tanzte der Italiener auf den Bühnen der Welt: Verona, Rio de Janeiro, Moskau. Heute arbeitet er hauptsächlich als Choreograf. In den Kosovo, sagt er selbst, habe er sich bei einem Engagement vor wenigen Jahren verliebt. «Diese Leute haben die Kunst im Blut.»
Dreieinhalb Monate bekam Candeloro Zeit, um mit der Truppe ein einstündiges Programm auf die Beine zu stellen. Toni Candeloro hat den aufrechten Gang eines Athleten und die wirren Locken eines Künstlers. Er ist streng, auch wenn bei allen schon die Nerven blankliegen. Aber fast immer ruft dann ein Tänzer: «Toni, wir lieben dich!» Und dann lächelt Candeloro breit und schickt ein paar Luftküsse in die Runde.
Sein nomadisches Künstlerleben hat den Choreografen in ein Land geführt, das eine bewegte jüngere Geschichte hinter sich hat. Zunächst herrschte Ende der 1990er Jahre Krieg, dann erklärte sich der Kosovo im Februar 2008 für unabhängig. Zwar haben weltweit inzwischen 117 Staaten den Kosovo anerkannt, der Konflikt mit dem Nachbarn Serbien schwelt allerdings weiter. Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen und Schusswechseln an der Grenze. Schon länger warnen Expert*innen vor einer erneuten Eskalation auf dem Balkan.

Ein Nationalballett in so einem Staat ist nicht mit anderen Truppen aus anderen europäischen Ländern zu vergleichen. Die Probleme des Kosovos sind auch die Probleme der Tänzer*innen: zu wenig Geld, alles ist etwas zu klein, zu viel ist improvisiert. Die 26 Mitglieder des Nationalballetts verdienen 500 bis 850 Euro im Monat, abhängig von ihrem Rang in der Truppe. Die meisten verdienen sich etwas dazu, indem sie Kinder und Jugendliche im Ballett unterrichten. Sie haben keine eigene Bühne, geschweige denn einen eigenen Probenraum. Das Nationaltheater in der Hauptstadt Pristina wird seit Mitte 2022 renoviert, doch niemand weiss, ob und wann das Haus wiedereröffnen wird. Also übt das Ballett in den Räumen der Volkstanzgruppe Shota. Die Folkloretruppe ist vormittags dran, die Balletttänzer*innen am Nachmittag.
In diesem schmucklosen Raum mit schwarzen langen Vorhängen probt die Gruppe auch an diesem Tag. Schweres Atmen ist zu hören, dazwischen die Rufe von Toni Candeloro: «Fliegt!» «Langsam jetzt!» «Nicht so viele Manierismen, sei du selbst!» Am Ende der Probe versammeln sich die Tänzer*innen um den Choreografen. Bei allen fliesst der Schweiss, auch bei Candeloro. Er redet beschwörend auf sie ein: «Das hier ist kein Hobby, das ist Profession. Wir brauchen Qualität.» Er wiederholt das letzte Wort noch einige Male. Auch Candeloro weiss, dass dieses Nationalballett eine besondere Aufgabe hat: Es soll nichts zur Debatte stehen, es soll Vergewisserung sein. Wenn das Ballett glänzt, dann glänzt auch der Staat Kosovo.
Noch drei Tage bis zur Premiere
Sead Vuniqi wohnte in Düsseldorf und verehrte Michael Jackson. Der Junge, der mit seinen Eltern vor dem Krieg auf dem Balkan in das Rheinland geflüchtet war, tanzte vor dem Spiegel wie der Popstar. Er war auch gut in Mathematik und spielte Fussball. Die Eltern hofften, dass ein Architekt aus ihm werden würde. Als die Familie in den Kosovo zurückkehrte, war Sead Vuniqi zehn Jahre alt. Er meldete sich in der Musikschule von Pristina an, doch alle Kurse waren schon voll. Der Leiter der Musikschule sagte ihm, es gebe nur noch einen Weg, an die Schule zu kommen: Ballett. Und als er sah, dass dieser junge Bewerber sein Bein bis neben den Kopf heben konnte, sagte er ihm, er müsse mit dem Fussball aufhören. So begann Sead Vuniqis Ballett-Karriere.
Wenn es heute im Nationalballett einen Meistertänzer gibt, dann ist das Vuniqi. Er erzählt selbst, dass bei der letzten Aufführung des Nussknackers der Choreograf ihn für mehrere Soli besetzt habe. Niemand ausser ihm sei in der Lage gewesen, die anspruchsvollen Passagen zu tanzen. Sead Vuniqi entwickelt mittlerweile eigene Stücke. Er ist nun 35 Jahre alt, und manchmal scheint es so, als sei das Nationalballett des Kosovo für diesen Tänzer zu klein geworden. Aber auch er nickt ernst und zurückhaltend, wenn Toni Candeloro spricht.

Eine Stunde haben die Tänzer*innen an diesem Nachmittag an der Szene für «O Fortuna» geprobt, den Auftakt und das Ende des Stückes, wenn sie alle gemeinsam Leonora Rexhepi gen Himmel heben. «Stellt euch vor, es ist der Kosovo», sagt Candeloro zu ihnen, «auferstanden aus den Trümmern, strahlend und trotz des Krieges immer noch da.» Als Sead Vuniqi sich wenig später schwer atmend am Rand der Bühne abstützt, sagt er: «Ich habe oft gehört, was die erste Generation des Balletts für Opfer gebracht hat. Ich möchte ihnen und meinem Land etwas zurückgeben.» Auch der selbstsichere Sead Vuniqi weiss: In einem Land wie dem Kosovo geht es nicht nur um Kunst und um Selbstverwirklichung. Es geht auch immer um alles.
So wie das ganze Land ist auch das Ballett wieder auferstanden. Das erste Ballett des Kosovo wurde 1972 gegründet, mitten hinein in ein Jugoslawien, das eigentlich keine Nationen kennen wollte. Als die Konflikte im Vielvölkerstaat zunahmen, musste auch das Kosovos Ballett aufgeben, das war 1991. Zehn Jahre herrschten dann Krieg und Tristesse, niemand dachte an Ballett.
Es waren einige Tänzer*innen der ersten Generation, die 2001 den Neuanfang wagten, sich selbst wieder auf die Bühne stellten und in Pristina Ballettkurse anboten. Es sind die ersten Absolvent*innen dieser Kurse, die das Ballett bis heute tragen.
Sinan Katajzi, einst einer der besten Tänzer, führt jetzt das Ballett als Direktor. Sead Vuniqi hatte als Kind seinen ersten Auftritt vor dem Monument «Newborn» in Pristina, Symbol der Auferstehung. Es waren nur fünf Minuten. «Seitdem brennt das Feuer in mir.» Vuniqis Frau Vlora führt eine der erfolgreichsten Ballettschulen des Kosovo. Behie Murtezi hat neben ihrer Karriere im Ballett drei Jungen geboren. In «Carmina Burana» tanzt sie sehr athletisch, ihre Kraft steht für das Durchhaltevermögen. All diese Tänzer*innen sind nicht mehr jung, aber sie denken nicht ans Aufhören. Sie glauben daran, dass dieses Ballett existieren muss, weil der Kosovo existiert.
Toni Candeloro übt zum Ende der Probe an diesem Tag, wie die Tänzer*innen den Applaus entgegennehmen. Er möchte nichts dem Zufall überlassen: Vortreten, Verbeugen, Zurücktreten – Professionalität, bis der letzte Vorhang fällt. «Fuchtelt nicht mit den Armen rum», ruft Candeloro. «Das ist Provinz, ihr aber seid elegant, internationale Klasse.» Nach der Probe rollen die Tänzer*innen selbst den Tanzboden zusammen. Der wird zu einem Veranstaltungszentrum etwas ausserhalb von Pristina gebracht. Das Nationalballett hat nur diesen einen Tanzboden.
Noch zwei Tage bis zur Premiere
Pristina ist im Sommer eine ruhelose Stadt. Bis in die Nacht hinein spazieren Familien, Freund*innen und Paare über die Boulevards im Zentrum. Gruppen sitzen unter Maulbeerbäumen, Kinder spielen Fussball und Fangen. Die Hauptstadt ist ein wilder Mix aus brutaler sozialistischer Architektur, Kriegsruinen und neuen glänzenden Fassaden. So unentschlossen wie das ganze Land.
Die AMC Hall liegt vor Pristina, ein Klotz mitten in einem staubtrockenen, gleissend hellen Feld. Es ist kein guter Aufführungsort für eine Gruppe, die gesehen werden möchte, zu weit im Abseits, zu schmucklos. Die Pauke des Orchesters steht schon da, über der Bühne schrauben Arbeiter die Scheinwerfer fest. Der Tanzboden liegt an Ort und Stelle. Als die Tänzer*innen des Nationalballetts am Nachmittag die Halle betreten, ziehen einige die Augenbrauen hoch. «Ach du meine Güte». Dann schnappen sie sich zwei Eimer und einen Wischmop, um den Tanzboden zu säubern; es liegen Staub und Baureste darauf.

Die Mitglieder von Chor und Orchester treffen ein. Das Orchester wird vom japanischen Dirigenten Toshio Yanagisawa geleitet. Der Chor hat für die Solopartien den italienischen Tenor Federico Buttazzo sowie den bulgarischen Bariton Ivo Yordanov engagiert. Und am Morgen ist auch endlich Antonella Albano in Pristina eingetroffen, Primaballerina am Teatro alla Scala in Mailand. Noch hat sie niemand gesehen, aber die Tänzer*innen erzählen sich, Toni Candeloro habe mit ihr getanzt, als er schon mittelalt war und sie noch sehr jung. Diese Gäst*innen sind hochwillkommen. Es sind die grössten Namen, die sie für diese Aufführung finden konnten. Grosse Namen sind gut. Sie verleihen der Aufführung Grösse und Bedeutung. Und damit auch dem Land.

In den Abendnachrichten geht es mal wieder um den Konflikt mit Serbien. Kosovos Premierminister Albin Kurti ruft die internationalen Verbündeten dazu auf, Druck auf Serbien auszuüben. Immer wieder versuche Serbien, die Republik Kosovo von innen zu destabilisieren. Nichts ist sicher im Kosovo. Die Aufführung der «Carmina Burana» ist Teil einer Festwoche. Gefeiert werden die Unabhängigkeit und die Verfassung des Kosovo. In knapp 48 Stunden sollen in den ersten Reihen vor der Bühne Staatsgäst*innen sitzen.
Noch ein Tag bis zur Premiere
Bis halb drei in der Nacht hat Toni Candeloro in der AMC Hall an der Beleuchtung gearbeitet. Wann soll welcher Scheinwerfer wohin scheinen? Jetzt steht er lächelnd mit sechs Tänzer*innen in der italienischen Botschaft in Pristina, früher Vormittag, alle in Ausgehkleidung.
Auf dem Empfang gibt es Häppchen und Prosecco. Candeloro tänzelt von Stehtisch zu Stehtisch. Sead Vuniqi murmelt: «Ich kann solche Veranstaltungen nicht leiden. Wenn hier wenigstens Leute wären, mit denen ich über Karriere und neue Jobs sprechen könnte.» Ein anderer Tänzer legt ihm die Hand auf die Schulter: «Das gehört zu unserem Job. Wir können nicht immer nur tanzen.»

Die Tänzerin und dreifache Mutter Behie Murtezi ist auffallend wortkarg. Bald wird klar, was ihr die Laune verdorben hat. Auf dem Rückweg von der Botschaft zum Probenraum redet Murtezi auf den Choreografen Candeloro ein. Am Morgen sind Ankündigungen für «Carmina Burana» in den sozialen Medien erschienen. Solo-Sänger, der Dirigent und zwei Tänzer sind mit Porträts abgebildet. Aber nicht Behie Murtezi. Sie tanzt in dem Stück zwei Soli.
«Ich war vergangene Woche beim Arzt, er hat mich sieben Tage krankgeschrieben. Ich bin trotzdem jeden Tag zur Arbeit gekommen. Jetzt frage ich mich, wofür?» Murtezi ist gekränkt. Dieses Ballett soll zwar das Land repräsentieren, aber es ist wie der Staat ein fragiles Gebilde. Manchmal genügt es nicht, Teil von etwas Grossem zu sein. Jeder und jede Einzelne möchte gesehen werden.
Als Toni Candeloro einmal länger über die Tänzer*innen des Nationalballetts spricht, sagt er: «Ich weiss, ich verlange zu viel von ihnen.» In den Tagen vor der Aufführung probt er nur noch selten an der Technik, viel öfter redet er von der Kunst. Was dem Nationalballett an Raffinesse fehlt, soll es mit Ausdruck wettmachen. Er sagt zu den Tänzer*innen: «Es geht nicht darum, etwas zu tun, sondern etwas zu sein.» Candeloro bringt den Tänzer*innen bei, nicht vor sich auf den Boden, sondern in die Ferne zu schauen. Behie Murtezi antwortet er: «Ich kümmere mich. Du sollst nicht vergessen werden.»
«Diese Menschen haben mich in ihr Zuhause und in ihre Herzen eingeladen», sagt Toni Candeloro. «Ich nehme, was sie mir geben können.» Was er von ihnen gelernt hat? «Liebe», sagt der Choreograf. Dann wischt er sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
An diesem Abend findet die Generalprobe statt. Chor, Ballett und Orchester proben gemeinsam. Im Zuschauerraum befestigen Bauarbeiter mit Tritten die letzten Bänke. Etwas entfernt sitzt Toni Candeloro, vielmehr: Er versucht, sitzenzubleiben. Aber immer wieder springt er auf, ruft in sein Mikrofon: «Linie! Linie!» Doch so sehr er auch brüllt: Die Tänzer*innen bewegen sich nur selten synchron. Nach der Probe – Chor und Orchester sind längst verschwunden – lässt Candeloro eine Stelle so oft wiederholen, bis zwei Tänzerinnen mit den Köpfen zusammenstossen. Candeloro: «Ich sage etwas, und ihr macht etwas anderes.»

In den Tagen zuvor haben die Mitglieder des Nationalballetts ein paar Mal von der Verantwortung gesprochen, die sie tragen. Es schien, als könnten sie diese leicht schultern. Doch plötzlich ist das Gewicht deutlich spürbar. Jemand sagt, er habe gehört, Ministerpräsident Albin Kurti komme zur Premiere. Sead Vuniqis Frau, Vlora Prizreni, sagt: «Ich habe ein schlechtes Bauchgefühl.»
Behie Murtezi schaut auf ihr Handy. Die Posts mit den Einzelporträts sind aus den sozialen Medien verschwunden.
Die Premiere
Dieser Freitag beginnt um 6:30 Uhr. Sead Vuniqi und Vlora Prizreni, ihre Töchter Alena und Anaja frühstücken gemeinsam. Prizrenis Mutter sitzt mit am Tisch. Sie hilft, wenn die Tage besonders voll sind. Es gibt starken Kaffee für die Erwachsenen, Cornflakes für die Kinder, Obst für alle.
Das Ehepaar ist sehr unterschiedlich: die ruhige, strukturierte Vlora, der quirlige, vor Energie überschäumende Sead. «Er tanzt sehr schnell», sagt sie über ihn. So sind auch seine Choreografien. Sie hingegen denkt sich für ihre Tanzschüler*innen nachdenkliche Stücke zum Thema Obdachlosigkeit aus. Die Biografien der beiden hat der Krieg geprägt. Vlora Prizreni wuchs in Sarajevo auf, ihre Mutter wollte in der Stadt sein, in der ihr Sohn, Prizrenis Bruder, starb. Sead Vuniqis Familie zog nach Düsseldorf. Die beiden trafen sich im Ballett. Sie war 16 und verliebte sich sofort in den Mann, der die schnellsten Pirouetten drehte.
An diesem Morgen der Premiere reden die beiden über das Tanzen auf der Bühne, den Moment, wenn der Vorhang endlich fällt. Vlora Vuniqi sagt: «Es ist das besondere Gefühl, wenn aus dem Chaos des Lebens plötzlich Ruhe wird.» Sead Vuniqi sagt: «Jedes Land braucht Kunst. Sie ist Inspiration und Schönheit. Dafür sind wir verantwortlich.» Dann muss plötzlich alles schnell gehen. Der Schulbus wartet vor der Tür, die Töchter winken, steigen ein. Die Grossmutter räumt die Kaffeetassen weg. Die Eltern stehen noch einen Moment am Fenster.
Die Stunden vor der Premiere gleichen einem Schwungrad, das langsam losdreht, dann aber stetig schneller wird. Am frühen Nachmittag trudeln die Tänzer*innen in der AMC Hall ein. Wie jeden Tag absolvieren sie ihre Übungen an den Ballettstangen. Ein offensichtlich müder Toni Candeloro ruft: «Plié, Plié, Plié!»

«Carmina Burana» wird an zwei aufeinanderfolgenden Tagen aufgeführt. Eingeladen sind vor allem Staatsbedienstete. Und alle Mitwirkenden durften Freikarten an ihre Familien geben. Im freien Verkauf gab es für die beiden Vorstellungen kaum Tickets.
Auf der Bühne werden nun letzte Fragen geklärt. Immer wieder treten Tänzer*innen zu Toni Candeloro. Sead Vuniqi möchte wissen, ob er bei seinem Solo den Boden mit der Handfläche oder dem Handrücken berührt. Behie Murtezi fragt, wie tief sie sich in einer Szene hinunterbeugen soll. Hundertmal geübt, aber nun steht alles in Frage.
In der kleinen Garderobe geht es drunter und drüber. Es gibt einen Spiegel und zwei Stühle. Flaschenweise sprühen sich die Tänzer*innen Spray auf die Haare, zwei Frauen schminken jede*n Einzelne*n. Die italienische Primaballerina Antonella Albano näht an ihren Ballettschuhen. Eine Stunde vor Beginn der Vorstellung betritt Toni Candeloro die Garderobe. Er umarmt eine Tänzerin, schminkt einen Tänzer, strahlt, wirft Küsse in die Luft.

Eine halbe Stunde bevor der Vorhang aufgeht, schicken die Tänzer*innen letzte Nachrichten von ihren Handys, posten Selfies. «Gleich geht es los!» «Ich freu mich auf euch.» Sead Vuniqi hält eine Packung Cracker in der Hand. «Jetzt hab ich Stress. Ich muss etwas essen.» Behie Murtezi flüstert: «Fast vier Monate hatten wir Terror wegen dieser Show. Jetzt sind wir bald frei.» Sie werfen einen letzten kontrollierenden Blick in den Spiegel, ziehen den Lippenstift nach. Sead Vuniqi steht allein und späht durch den Vorhang in den Zuschauerraum. Zum ersten Mal ganz still und unbeweglich. Der Premierminister ist nicht da.
Sie umarmen sich, wünschen sich Erfolg. Biegen ihre Füsse. Dehnen den Rücken. Nehmen Aufstellung an der Treppe zur Bühne. Die Pauke schlägt. Dann der Chor: «O Fortuna!» Ein paar Schritte noch. Toni Candeloro hat gesagt: «Seid nur ihr selbst.» Das tun sie jetzt. Und der Kosovo schaut zu.

12. Dezember 2025