Logo Akutmag
Icon Suche

Du hast da was, das mir gehört

Die Jungfräulichkeit einer Frau ist ein diverses Thema. Für manche bedeutet sie alles, für andere wenig. Das ist okay, solange es die Frau selbst bestimmt und nicht ihr männliches Gegenüber. Eine Story, wie jemandem etwas genommen wurde, das eigentlich ihr gehörte.

Von Sina Schmid

«Jungfräulichkeit ist ja bekanntlich ein soziales und kein biologisches Konstrukt. Besonders die weibliche Jungfräulichkeit ist zu wahren, als wäre sie ein Schatz und nicht die Frau selbst. Ich habe mir lange überlegt, mit dem Akt des Liebe-Machens zu warten, bis ich heirate. Auch wenn ich doch eher religiös bin, ging es mir nicht nur darum. Verschiedene Vorstellung meiner Würde und meines Wertes liessen mich glauben, dass das die richtige Entscheidung ist. 

Ich habe auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich bis knapp 19 ungeküsst blieb. Dann habe ich einen Jungen kennengelernt, den ich wirklich cool fand. Er war mein erster richtiger Kuss. 

Irgendwann ging es dann doch um die intime Sache. Homeboy, nennen wir ihn Filip, wusste genau, dass ich noch nie solche Erfahrungen gesammelt habe. Wir haben oft darüber geredet und ich habe mich ihm anvertraut. Ich dachte, er wüsste wie damit umzugehen sei. Jedenfalls wusste er es dann schlussendlich doch nicht. Viele Jungs sind sich nicht bewusst was es für eine Frau heisst, den Körper zu geben. 

Es ist so: Männer stecken etwas rein, aber in Frauen wird eingedrungen. Auch wenn es für einige kein grosses Ding ist, ist es für andere ein enorm wichtiger Schritt. 

Ich habe meine Jungfräulichkeit an einen Menschen verloren, der mir das Gefühl gegeben hat, dass er mich respektiert und auch ein Bewusstsein für meine Situation hat. Jedoch hat Filip etwas von mir genommen, was mir nie wieder jemand geben kann. Ich rede nicht von meiner Jungfräulichkeit, sondern von einem Vertrauen das ich ihm geschenkt habe. 

In der populären TV-Show Grey’s Anatomy gibt es eine Szene in welcher der Charakter Christina Yang folgendes sagt: «Er hat was von mir genommen, was mir niemand wieder geben kann. Von da an habe ich mir gesagt, dass ich es nie wieder zulasse, dass mir ein Mann etwas nimmt.» Klingt jetzt sehr dramatisch dachte ich mir im ersten Moment – bis ich begann zu reflektieren.

Das Vertrauen und der Glaube, dass ein Mann meine Situation nicht ausnutzt und auf mich eingehen kann, habe ich durch Filip verloren. Filip ist ein guter Mann, ich weiss dass er keine bösen Intentionen hatte. Trotzdem meide ich seither jegliche Berührungen von Männern, distanziere mich allgemein sehr stark von ihnen, und merke dass ich zu überrascht bin, wenn ein Mann gut zu sein scheint. Das Ganze hat mich so stark geprägt, dass ich allen Männern wenig Vertrauen entgegenbringe, ob das jetzt mein bester Freund, Cousin oder mein Vater ist.

Ich wünschte mir, Filip wäre in dem Moment mehr auf mich eingegangen – ich habe nicht «nein» gesagt, aber ich habe mich nicht wohl gefühlt. Ich habe meine Zweifel vorher geäussert aber dachte in dem Moment: «Jetzt kann ich nicht mehr zurück.» 

Dieser Gedanke fucked mich im Nachhinein ab. Ich hätte etwas sagen müssen und Filip hätte merken müssen, dass ich noch nicht bereit bin. Er selbst hatte gesagt, er würde mich nie drängen, und trotzdem fühlte es sich so an. Es liegt jetzt an mir das Ganze zu verarbeiten und offen gegenüber tollen Männern zu sein. Mit meiner geteilten Erfahrung hoffe ich, dass der ein oder andere Mann in Zukunft noch vorsichtiger mit Frauen umgeht. Egal wie gut die Intentionen eines Menschen zu sein scheinen: Es kann sich für das Gegenüber ganz anders anfühlen. 

Consent ist sexy, nachfragen ob noch alles okay ist, macht das Ganze noch besser.» Anja* (20)

*Name der Redaktion bekannt