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«Divine Drag» – eine Entweihung

Unsere Gesellschaft entwickelt sich weiter. Traditionelle Sozialkonstrukte sind jedoch immer noch präsent und reiben sich mit der gegenwärtigen Auflösung von starren Rastern. Stefan Fasel und Eva Schneuwly haben sich in einem gemeinsamen Bildessay mit dieser Tatsache auseinandergesetzt. Die Bilder zeigen die Entweihung einer katholischen Kapelle im Kanton Freiburg.

Von akutmag

Ein Projekt von Stefan Fasel und Eva Schneuwly

Die Architektur von Kirchen ist ein integraler Bestandteil unseres kulturellen Erbes. Doch in der heutigen Gesellschaft haben Diskussionen darüber eine neue Tiefe erlangt. Neben ihrer historischen und kulturellen Bedeutung werden auch Fragen nach Machtstrukturen, Intransparenz und konservativen Werten laut.

Spätestens vergangenen Herbst, als die Universität Zürich den Schlussbericht zur Geschichte der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz seit Mitte des 20. Jahrhunderts veröffentlichte, sind diese Fragen unüberhörbar geworden. Besonders in ländlichen Gebieten der Schweiz, wie es der Kanton Freiburg ist, bleiben diese Schwarz-Weiss-Strukturen oft unangetastet. Diese Tatsache wurde sicht- und spürbar, als die Recherchearbeit für diese Inszenierung begann. Der Dialog mit der katholischen Kirche warf gemischte Gefühle auf. Dies führte zu der Entscheidung, die Inszenierung eigenständig durchzuführen. Die Erfahrungen der Recherche wurden dabei Teil des Projekts: Die Kapelle wurde einzig durch die Präsenz von Balanza LeGendery entweiht.

Die Typologie der Loretokapelle ist mit ihren unzähligen Kopien ein Denkmal der europäischen Architekturgeschichte. Sie symbolisiert die tiefe Verwurzelung des Katholizismus in Glaube, Kultur und Erbe. Ursprünglich im 13. Jahrhundert entstanden, basiert ihre Legende auf dem Transport des Hauses von Maria durch Engel von Nazareth nach Loreto. Diese Überlieferung, über Jahrhunderte hinweg bewahrt, verleiht den Loretokapellen eine mystische Bedeutung, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Gerade wegen dieser historischen Verwurzelung und mythologischen Kraft sucht die Inszenierung den Aufbruch in die Gegenwart. Wie präsent soll die katholische Kirche noch sein? Wie soll mit den hinterbliebenen Gebäuden umgegangen werden?

Der Transfer der Kapelle in die Gegenwart erfolgt durch Balanza LeGendery, eine Dragqueen aus dem Kanton Freiburg. Drag ist nicht nur eine künstlerische Ausdrucksform, sondern auch ein symbolisches Element, das die Grenzen von Geschlecht, Identität und gesellschaftlichen Normen herausfordert. Durch die künstlerische Darstellung von Balanza leGendery werden traditionelle Werte der Kirche mit zeitgenössischer Akzeptanz und Vielfalt verwoben. Diese visuelle Synthese macht deutlich, dass kulturelles Erbe nicht starr sein muss, sondern sich im Einklang mit den Werten und Normen der gegenwärtigen Gesellschaft weiterentwickeln kann.

Balanza LeGendery trägt bei ihrer Performance einen Neuentwurf der Sensler Tracht von Laurent Hermann Progin. Die Entscheidung, diese übersetzte Tracht für das Projekt zu verwenden, fiel bewusst. Traditionelle Trachten, wie z.B. auch das Dirndl oder die Zunfttrachten, teilen Menschen in binäre Kategorien ein. So sind Menschen durch das Tragen von Trachten als verheiratet oder ledig, als männlich oder weiblich lesbar. Das Sonntagskostüm wird hier jedoch als Instrument für eine aktivistische Aktion eingesetzt, was eine Aufforderung zur Reflexion über traditionelle Geschlechterrollen und gesellschaftliche Normen darstellt. 

Art Direction: Stefan Fasel, Eva Schneuwly 
Model: Balanza LeGendery (aka Stefan Fasel) 
Photgraphy: Eva Schneuwly 
Kostüm: Laurent Hermann Progin  
Nails: Katja Mäder  

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