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Die Manosphere und ihre Folgen

In den letzten Wochen ist die neue Netflix-Doku «Louis Theroux: Inside the Manosphere» auf den sozialen Medien viral gegangen. Gewalttätige, problematische Männer, die im Internet grossen Erfolg feiern, werden vom britischen Filmemacher begleitet. Das Resultat ernüchternd: die hässliche Wahrheit in 4K.

Von Sina Schmid

Louis Theroux, ein sympathischer Mann mit britischem Akzent, ist bekannt für seine Dokumentationen. Sein neuestes Projekt wurde am 11. März 2026 von Netflix veröffentlicht. Theroux begleitet Internet-Riesen wie Harrison Sullivan (HSTikkyTokky), Nicolas Kenn De Balinthazy (Sneako) und spricht auch über Andrew Tate. Wer diese Namen zum ersten Mal hört, hat nichts verpasst und ist wohl auf der akzeptablen Seite des Internets geblieben. 

Die Manosphere, auch Mannosphäre genannt, ist ein Online-Netzwerk, das Frauenhass, vermeintliche Männlichkeit und oft rechtsextreme Ideologien bespricht. Von Selbstoptimierung bis zu Gewaltverherrlichung und effektiver Gewaltanwendung ist auf Blogs, TikTok, Instagram und vielen weiteren Kanälen alles zu finden. 

Wer bereits eine kritische Haltung gegenüber der Manosphere/Mannosphäre hat, wird diese nach der Doku nur noch verstärken. Wer selbst Teil davon ist, wird die Doku schauen und wahrscheinlich nichts Fragwürdiges erkennen. Theroux ist gut darin, subtil, aber bestimmt Themen aufzugreifen und den Zuschauer*innen die Freiheit ihrer Meinungsbildung zu geben.

Beim Zuschauen hatte ich oft Mitleid. Mit ihren Opfern – immer Frauen oder Homosexuelle, mit ihren Müttern und teils auch mit ihnen. Ihre Unsicherheit zeigt sich in realitätsfremdem, abwertendem Verhalten gegenüber vielen Menschen, denen sie begegnen. Die Doku ist gut, bis zum Schluss spannend, aber der Inhalt Schrott. Die Subjekte sind Internetsensationen und Vorbilder für Millionen junger Männer. Mit Frauenhass, Selbstinszenierung und einer unfassbaren Selbstgefälligkeit treten die Herren vor die Kamera. Ihre Unsicherheiten sind zwar bemitleidenswert, aber vor allem sehr gefährlich.

Genau diese Erkenntnis hat mir im Online-Diskurs gefehlt. In der Doku und generell gehen wir zu selten auf die Opfer ein. Die Leidtragenden von solchen verherrlichten Menschen, die den Titel «Männer» meiner Meinung nach nicht verdienen. Kritische Artikel über die Manosphere versuchen, das Phänomen zu erklären, wer die Fans sind und wen die Online-Figuren damit beeinflussen. Grösstenteils Jungs im jungen Alter, in einem manipulierbaren Lebensabschnitt. 

Femizide und Gewalt gegen Frauen nehmen zu. Trotz Aufklärungsarbeit, Feminismus und vermeintlichem «Gender-Wahnsinn». Durchschnittlich alle zwei Wochen stirbt eine Person infolge häuslicher Gewalt. Rund 40 Prozent der polizeilich registrierten Straftaten passieren im Haushalt. 70% der Gewaltbetroffenen sind in diesen genannten Fällen Frauen und Mädchen. Als Gewaltausübende werden fast ausschliesslich nur Männer in den Schweizer Statistiken genannt. Dies zeigt, dass schlussendlich alle unter dieser Gewalt leiden, grösstenteils jedoch Frauen.

Auch die psychische Gewalt ist nicht zu unterschätzen: Die in der Doku begleiteten Personen gehen enorm respektlos mit ihren Mitmenschen um. Die Belastung, die daraus folgt, ist nicht messbar und schwer in Statistiken zu verpacken. Die Auswirkungen auf ihr Umfeld und im schlimmsten Fall ihre Kinder sind verheerend.

Der Teufelskreis der häuslichen Gewalt wird in der Manosphere gefestigt, reproduziert und multipliziert. Die Folgen für Einzelpersonen, aber auch für die gesamte Gesellschaft, sind enorm. Das Wohl einer Gesellschaft wird an den Schwächsten gemessen. Die Schwächsten sind in diesem Fall wohl die Partizipierenden der Manosphere. Die Leidtragenden jedoch sind wir alle. 

Der ganze Online-Diskurs über die perfide Manosphere ist wichtig, aber wir müssen aufpassen, dass er nicht nur Aufklärung bietet, sondern auch falsche Aufmerksamkeit. Die Täter können sich weiterhin inszenieren, die Opfer werden nicht geschützt. Der Spiegel, den die Doku und andere Medien versuchen hochzuhalten, wird ausgenutzt, um sich selbst zu bewundern. 

Was es meiner Meinung nach wirklich braucht, sind Männer als gute Vorbilder, welche die Absurdität und Gefahr dieser Bewegung nicht nur aufzeigen, sondern ein für alle Mal verabschieden. Gerne würde ich mehr Verbündete sehen: normale Männer und nicht nur Aktivisten, die sich zu diesen Themen aktiv, proaktiv und reaktiv äussern.

Und ich wünsche mir Empathie: für die Opfer, die Leidtragenden und indessen auch für die fehlgeleiteten Personen, die sich in der Manosphere wiederfinden. Möge sie das Bewusstsein finden, dass sie peinlich, gefährlich und etwas komisch sind, aber sich jederzeit ändern können.

23. April 2026

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