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«Die erste Liebe nimmt man immer ein Stück weit mit sich mit» – Autorin Lia Maria Neff im Interview

Was passiert, wenn die erste, grosse Liebe zerbricht, man sich neu verliebt – und das abgelaufene «Für-immer» in Sehnsucht und Trennungsschmerz verschwimmt? Wir trafen Autorin Lia Maria Neff zum Interview über ihren Debütroman «Ein bisschen für immer».

Von Gastautor*in

Text von Gastautor Jonas Rippstein

Die junge Zürcher Autorin Lia Maria Neff schreibt in ihrem Debütroman «Ein bisschen für immer» über Liebe. Über deren Anfang, deren Ende – und alles Dazwischen. Die Mittezwanzigjährige Protagonistin Una ist Kontrabassstudentin und seit Kurzem von ihrer ersten grossen Liebe Zeno getrennt. Noch während sie die Trennung verarbeitet, lernt sie Aurel kennen, in den sie sich heftig verliebt. Nur: Wie geht man damit um, wenn die erste Beziehung zwar vorbei ist, die Gefühle aber bestehen bleiben und zugleich eine neue Liebe ins Leben tritt? Wir haben uns mit Lia Maria Neff zum Gespräch getroffen.

«Ein bisschen für immer» ist dein Debütroman – wovon handelt er?

Lia: Ich finde, meine Lektorin hat das ziemlich schön zusammengefasst: Es geht im Roman um die Liebe, um die erste, die zweite, die ewige, die traurige und die glückliche – und natürlich auch um die schiere Liebe zum Leben. Dabei soll sich Liebe im Roman bewusst nicht nur auf romantische Liebe beschränken – es geht auch um familiäre oder freundschaftliche Liebe. Auch meine Liebe zur Sprache manifestiert sich und ist womöglich fast die vordergründigste im Roman.

Besonders in den Zwanzigern passiert bei den meisten viel in Sachen Liebe: Beziehungen kommen und gehen. Man findet – mehr oder weniger erfolgreich – heraus, was man im Leben möchte. Warum hat dich diese Thematik literarisch interessiert?

Einerseits fällt mir in meinem Umfeld immer wieder auf, wie viel Raum das Thema Liebe in Gesprächen einnimmt. Andererseits bin ich in den Büchern und Filmen, die ich konsumiere, nie diesem Übergang von erster zu zweiter Liebe begegnet, obwohl er so wichtig erscheint. Ich hatte, als ich jünger war, die Vorstellung, dass man sich wieder von Neuem verlieben würde und dann automatisch über die vorherige Beziehung hinwegkommt – dabei stimmt das überhaupt nicht: Die Übergänge verschwimmen ineinander, Herzschmerz mischt sich mit Schmetterlingen. Dem bin ich einfach nie begegnet in der Literatur.

In deinem Roman geht es auch um verschiedene Konzepte der romantischen Liebe. Eins davon ist die klassische «Liebe für immer». Hat dieses Konzept deiner Meinung nach ausgedient oder ist da immer noch was dran? 

Ich finde, dass da nur noch sehr wenig dran ist, besonders in der Form, wie das «Für-immer» gesellschaftlich und künstlerisch oft dargestellt wird. Für immer zusammenzubleiben, empfinde ich als eine einengende Vorstellung. Dass Liebe für immer bleiben darf, selbst wenn sie vergeht, finde ich jedoch wichtig. Sobald eine Beziehung endet, spricht man oft davon, dass sie gescheitert sei. Das hat mich persönlich bei Trennungen oft geschmerzt und ich musste mir aktiv sagen: Eine Trennung ist kein Scheitern, eine Beziehung kann trotz Trennung ein Erfolg gewesen sein. Deswegen mag ich den Titel meines Buches übrigens so sehr, denn er zeigt, dass vergangene Liebe auch über Beziehungsgrenzen hinweg bestehen darf.

Una sagt im Gespräch zu Aurel: «Und vielleicht musst du irgendwann gehen und vielleicht nicht. Vielleicht muss ich irgendwann gehen und vielleicht nicht.» Ist das «Vielleicht» das neue «Für-immer»?

Ja, vielleicht! Ich glaube, dass man sich das «Für-immer» in irgendeiner Form schon wünschen darf und dass es bis zu einem gewissen Grad auch eine Voraussetzung für eine Beziehung ist. Man muss zusammen in die Zukunft schauen können. Gleichzeitig finde ich es fundamental, das «Vielleicht» im Hinterkopf zu behalten. Damit Beziehungen funktionieren, braucht es eine Offenheit gegenüber Veränderung: zum Beispiel dahingehend, dass Umstände und Gefühle nicht immer gleich bleiben werden. Mir wäre eine Neugier dem Wandel gegenüber sehr wichtig, anstatt sich an einem festen Bild oder Zustand festzuhalten.

Eines Nachts flüstert Una zu Aurel, der neben ihr liegt: «Ich glaube, ich bin süchtig nach Sehnsucht.» Sie schwankt in diesem Augenblick emotional zwischen Zeno und ihm. Hast du den Eindruck, unsere Generation ist auch süchtig nach Sehnsucht oder hat sie schlichtweg zu viele Optionen?

Das mit den zu vielen Optionen ist schon ein ziemliches Ding. Diesen «Erfüllungsmoment», wenn wir verliebt sind und die Gefühle ganz stark sind, verherrlichen wir in unserer Gesellschaft total, wobei das, was danach kommt, selten gezeigt wird. Ich glaube, dass das auch bei Una der Fall ist. Zeno ist einfach gegangen; daran kann sich Una immer wieder aufhängen und sich fragen, wie es wohl gewesen wäre, wenn. Das ist manchmal einfach spannender als eine gesunde, gut funktionierende Beziehung. Sehnsucht gibt einem dieses Feuer, das wir in der Beziehung erwarten, was sich meiner Meinung nach aber mit Sicherheitsgefühl und Vertrauen ausschliesst. Entweder steht man immer an einer Kante, man könnte jederzeit abstürzen – es ist dafür aufregend – oder man befindet sich in Geborgenheit, was manchmal vielleicht einfach zu langweilig ist.

Ist das Problem also die Erwartung, dass Beziehungen immer gleich intensiv bleiben müssen?

Ich denke, ja, einerseits das und andererseits müssen wir uns fragen, wie viel Raum romantische Beziehungen überhaupt einnehmen sollen. Freundschaften sind ebenfalls spannend, Familienbeziehungen ebenso, aber von ihnen wird nicht dieselbe Intensität erwartet wie von romantischen Beziehungen.

Una sucht in der Liebe auch nach Orientierung – nach jemandem, der ihr sagt, was richtig und was falsch ist. Wie politisch ist diese Sehnsucht nach Halt in einer Welt voller Möglichkeiten?

Die Sehnsucht ist sehr politisch. Gerade im Alter des «Erwachsenwerdens» kann diese Welt der Möglichkeiten so überfordernd sein. Und gerade nach der Teenie-Phase, der Rebellion, kommt bei Una plötzlich die Sehnsucht nach Struktur im Leben auf, nach einer Stimme, die alle Antworten hat. In ihrem Fall wünscht sie sich das von ihrer Mutter, die es ihr aber nicht mehr geben kann, und das weiss sie auch. Die romantische Beziehung kann ebenfalls Halt suggerieren, so als hätte sie fast schon etwas Erlösendes, weil man ja auch davon spricht, dass man «angekommen sei» oder dass man «es geschafft habe». Dieser Halt ist aber, wie alles im Leben, keinesfalls beständig. 

Wenn du dir etwas wünschen dürftest: Wie sollten die Leser*innen nach der Lektüre deines Buches über Liebe anders denken?

Ich wünsche mir, dass sich die Leute fragen, wie sie tatsächlich lieben wollen – und dass sie hoffentlich damit beginnen, ihre Bedürfnisse ehrlich zu erkunden. Am schönsten wäre es, wenn sich in ihren Köpfen ein Raum öffnet, in dem nicht nur Platz für die eine «wahre» Liebe ist, sondern für alle möglichen Formen, die sie zu bieten hat.

Lia Maria Neff liest am 5. September 2025 um 19:00 Uhr aus «Ein bisschen für immer» bei Kati Perriard, «Künstliches & Coiffure», an der Bertastrasse 21 in Zürich.

21. August 2025

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