24. Dezember 2000, da war ich sechs Jahre alt. An diesem Tag bin ich mit diesem warmen, wohligen Gefühl aufgewacht, das mir Weihnachten immer gegeben hat. Ich wusste genau, wie der Tag verläuft. Ich stehe auf und kann es den ganzen Tag kaum erwarten, bis es Abend wird. Diese Tage zogen sich wie Kaugummi. Um 16 Uhr ging es los. Erstmal musste ich in die Kirche. Das fand ich langweilig. Noch eine Stunde, die gefühlt weitere sechs Stunden zwischen mich und meine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum schob. Immer dieses Gesinge und dieselben Geschichten, ohne wirklich zu begreifen, dass ich tatsächlich der Geburt dieses Kindes in der Krippe zu verdanken habe, dass Geschenke auf mich warten.
Danach ging es dann richtig los. Damals waren die Festtage noch weiss. Mit meinem Schlitten gings ab zu meinen Grosseltern. Dreissig Minuten durch die Natur, an einem Bauernhof und an vielen Familienhäusern vorbei.
Endlich angekommen, wurde ich direkt ins alte Kinderzimmer meiner Mutter gebracht. Denn da wurde gewartet, bis das Christkind die Glocke läutet, damit man so schnell wie möglich in die Bibliothek rennen konnte, um es eventuell noch zu erwischen. Leider war ich jedes Jahr zu langsam. Dann wurden Geschenke aufgemacht, es wurde gegessen und mit den neuen Spielsachen gespielt. Ich liebte den Dezember, ich liebte die Weihnachtszeit.
2006 verstarb mein Grossvater an Krebs und nahm sehr viel Wärme aus meinem Leben mit. Ich wurde mit der Einsamkeit vertraut gemacht. Ein Gefühl, welches mich seit seinem Tod begleitet. Und wie Rilke es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gut erkannt hat, ist sie in der Weihnachtszeit schwerer zu tragen als sonst. Aber damit bin ich sicher nicht alleine.
«Sie sollen nicht ohne einen Gruss von mir sein, wenn es Weihnachten wird und wenn Sie, inmitten des Festes, Ihre Einsamkeit schwerer tragen als sonst.» – Rainer Maria Rilke in «Briefe an einen jungen Dichter».
Der Dezember steht in der Gesellschaft für Zusammenkunft, Gemeinschaft, Familie, Wärme, Liebe. Ich werde also öfter als sonst daran erinnert, was einst war und nicht mehr ist. Manch andere*n erinnert es ebenfalls daran oder gar an etwas, das vielleicht noch gar nie war. Nicht jede*r hat das Glück, sich im perfekten Familienbild wiederzufinden. Und an euch möchte ich diesen Monat denken und sagen:
Die Weihnachtszeit hat mich lange sehr traurig gemacht und ich bin ihr so gut ich nur konnte aus dem Weg gegangen – oder zumindest den damit verbundenen Gefühlen. Aber dieses Jahr habe ich mich entschieden, radikal dagegen vorzugehen. In meiner kleinen feinen Wohnung, für die ich sehr dankbar bin, steht jetzt ein hübscher Weihnachtsbaum. Ich habe gleich zwei Adventskalender, die ich jeden Morgen öffnen kann, einen selbstgebastelten Adventskranz und mein Fenstersims sieht aus, als wäre der Beutel vom Samichlaus darauf explodiert. Ich habe fast alle Disney-Filme durch und mir den «Polar Express» und die «Drei Nüsse für Aschenbrödel» für die Weihnachtstage aufbewahrt. Ich backe Kekse, esse so viel Chäsfondue wie ich kann, starre stundenlang diesen Baum an – und merke, in mir drin ist es warm.
Ich sage nicht, dass wir alles selbst in die Hand nehmen können, und will den Schmerz, den manche in dieser Zeit fühlen, nicht kleinreden, aber ich möchte sagen, dass wir etwas für uns tun können. Denn Gemeinschaft, Wärme und Liebe beginnen in uns selbst.
20. Dezember 2025