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Das richtige Leben

Ob es überhaupt ein authentisches Leben gibt und was das genau bedeutet, weiss ich nicht. Ich bin auch keine Philosophin. Ich weiss aber, dass die Frage danach etwas mit mir macht.

Von Lea Schlenker

Wichtige Regel des Erwachsenenlebens: Was man unbedingt möchte, sollte man nicht unbedingt auch machen. Zum Beispiel wäre es supercool, mal aus einem fahrenden Auto zu springen. Es gibt vermutlich keine radikalere Art, sich aus einer unliebsamen Situation zu befreien.

Mit unliebsamen Situationen umzugehen, lernt man aber auch beim Boxen. Dabei geht es um die Kontrolle, aber auch um Akzeptanz von Anspannung, Emotionen und Stress. Die Trainerin erklärt bei meiner ersten Lektion, es gehe nicht primär darum, Stärke zu zeigen und Energie loszuwerden. Es geht vor allem darum, das eigene Selbstvertrauen zu festigen und zu lernen, Grenzen zu ziehen. Sie hat graue lange Haare, ist jedes Mal ganz in Lila gekleidet und übernachtet ab und zu auch mal im Wald. Sie duftet nach Weisheit und Lavendelöl. Authentisch seien wir nur, wenn wir uns selbst sind, und das grösste Geschenk, das wir uns machen können, sei die Wahrheit. Innere Sicherheit und Einklang mit der eigenen Persönlichkeit, sowohl im Guten als auch im Schlechten. Auf die Schnelle kann ich vermutlich gleich ein paar Dinge aufzählen, mit denen ich bei mir nicht so im Einklang bin. Ich kann nicht gut mit Geld umgehen. Ich esse viel zu viel Süsses. Ich verschlafe. Erfreulicherweise fallen mir aber auch zahlreiche positive Dinge ein. Ich weiss zum Beispiel, dass meine Freundinnen meine Kreativität, meine Herzlichkeit, meinen Witz und meine Aufrichtigkeit lieben. Und auch, dass ich seit meiner Kindheit eine meisterhafte Geschichtenerzählerin bin. Manchmal neige ich allerdings dazu, mich in diesen Geschichten zu verlieren. Und wie vermutlich alle wünsche ich mir von ganzem Herzen nichts sehnlicher, als mich nicht mehr zu verlieren, sondern jede Sekunde meines Lebens ich selbst sein zu können. Quasi das Gegenteil eines Mar-a-Lago-Gesichts. Keine unvorteilhaften Lippeninjektionen, die spätestens bei radikal-ehrlichen Nahaufnahmen zum Vorschein kommen.

Vor mehr als einem Jahrzehnt habe ich mich für einen Studiengang und somit indirekt auch für die weitere Berufslaufbahn entscheiden müssen. Ich habe mich für ein paar Informationstermine angemeldet und dann beworben. Hinterher gab es verschiedene Optionen für verschiedene Leben. Und in dem Moment, wo man sich für das Leben entscheiden soll, weiss man ja noch längst nicht, ob es das richtige ist. Manchmal wünscht man sich etwas von ganzem Herzen, dann trifft das Gewünschte ein, und plötzlich ist man todunglücklich. Es bleibt einem also nichts anderes übrig, als einfach irgendwas zu tun. In meinem Fall war das, etwas potenziell Lukratives zu studieren, um hinterher das Studiendarlehen abzubezahlen und einen Porsche kaufen zu können. Jetzt muss ich nur noch die Fahrprüfung bestehen, dann steht dem Glück nichts mehr im Wege. Nach einer Entscheidung steht die Zeit aber nicht still. Sie läuft weiter. Die unterschiedlichen Leben verblassen oder leben in der Fantasie weiter. Hätte ich ein paar Dinge anders entschieden, wäre ich vielleicht verheiratet mit Kind. Oder auch gar nicht mehr am Leben.

Wenn ich in einer Runde die Frage nach dem Traumberuf stelle, antworten die meisten Menschen nicht mit dem Beruf, den sie aktuell ausüben. Vielleicht, weil die meisten Berufe sowieso nur noch aus E-Mails und Meetings bestehen sind. Geht mir genauso. Meistens antworte ich mit einer Berufsbeschreibung, die es so vermutlich gar nicht gibt. Ich bin Journalistin beim Fernsehen und jage Wirtschaftskriminelle auf der ganzen Welt. Ein bisschen wie bei Tim und Struppi. Nur, dass ich im Gegensatz zu ihm wirklich Artikel schreiben möchte und dann vor der Kamera Blatter, Benko, Braun und Co. auf die Nerven gehe.

Zu meiner Überraschung kann ich mittlerweile ziemlich gut sagen, was eigentlich das richtige Leben wäre. Es ist so klar. Ich sässe in einer Wohnung in oder nahe der Stadt an meinem Schreibtisch. Die Wohnung hat selbstverständlich eine Bodenheizung. Ich mag es gerne warm. Ich feile etwas an einem Text, den ich gerade schreibe. Zu meinen Füssen döst ein lieber Hund. Im Hintergrund läuft leise der Fernseher, vielleicht steht in der Küche jemand, der Pfannkuchen zubereitet, mir aus echtem Holz ein Bücherregal zusammenbaut (optional) und mit mir später unliebsame Manuskripte verbrennt, um sie äusserst dramatisch loszuwerden. Etwas Theater hat auch im echten Leben Platz. Ich habe zu viele Süssigkeiten gegessen und lange geschlafen. Keine E-Mails und keine Meetings. Wir alle sollten uns in diesem Jahr überlegen, wo das authentische Leben versteckt ist. Und versuchen, so viele wie möglich davon zu leben. 

06. Januar 2026

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