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Das Leben der Party

Wenn die Erde bebt, zu viele Träume auf einmal in meinem Kopf spuken und die Party ohne mich stattfinden muss, dann bin ich zuhause. Im Bett.

Von Lea Schlenker

Ich habe mehr Träume als Erinnerungen. Ich habe Träume, wenn ich wach bin und wenn ich schlafe. Manchmal ist sogar mein Leben ein einziger Traum. Wenn ich tanze, vergesse ich, dass ich Blasen an den Füssen habe. Wenn ich lache, dann liebe ich alle, die ebenfalls lachen. Ich sauge die kreative Energie um mich herum auf und sie rast durch mein zentrales Nervensystem.

Wenn draussen die Erde bebt, Staatsoberhäupter über die eigenen Füsse stolpern, der grosse Kuchen des Lebens bis auf den letzten Krümel verschlungen wurde, dann bin ich zuhause. Im Bett. Wenn der schwarze Hund mich anpinkelt, weil ich nicht mit ihm Gassi gehen konnte, so wie ich es in der Therapie gelernt habe. Weil einem niemand sagt, dass nach einem fulminanten Hoch auch ein ernüchterndes Tief kommen kann. Ich liege im Bett, wenn ich ausserhalb von Zeit und Raum existieren möchte. Wenn ich als neutrale Beobachterin die Sonne durch das Fenster sehen will.  Mit geöffnetem Vorhang kann ich das Fitnessstudio sehen, für das ich zwar ein monatliches Abo bezahle, aber es selten besuche. Ich kann meine Zukunft planen. Dort ist sie, ganz weit am Horizont. Ich vergesse es manchmal, weil mein Dasein mit dem von allen anderen Menschen in meinem Umfeld verschwimmt. Aber ich kann aufstehen. Meine beiden Füsse auf den Boden setzen. Nichts verschwimmt mehr. Ich bin zuhause.

Es gibt eine Geschichte von Haruki Murakami, in der eine Frau nicht mehr schläft. Sie wird halt einfach nicht mehr müde. Also beginnt sie dann, ihre Zeit anderweitig zu nutzen. Sie liest Tolstoi. Tagsüber schwimmt sie sehr oft und ausgiebig. Die Geschichte endet mit einer Verfolgung. Alles fühlt sich an wie ein Traum, aber es kann gar kein Traum sein, weil sie nicht mehr schläft. Mit ihr gemeinsam habe ich, dass ich eine Frau bin. Ich muss mir Gedanken machen, wie ich mich als junge, ernstzunehmende Autorin der Aussenwelt präsentieren will. Darf ich mich schminken? Darf ich lieber Meerjungfrau statt Raketenwissenschaftlerin sein? Soziale Strukturen sind hart zu durchbrechen, die gläserne Decke manchmal mehr Beton als Glas, keine vierte Wand in Sicht. Die Fragen zum richtigen Leben summieren sich. Die Antworten darauf lassen unerträglich lange auf sich warten.

Aber im Bett muss ich mir diese Fragen nicht stellen. Die Liebe eines Teddybären ist bedingungslos. Weder mein Körper noch mein Geist müssen hier verhandelt werden.

Dann haben wir Oblomow. Oblomow ist faul und passiv, will keine Verantwortung übernehmen. Muss er auch nicht – russischem Adel sei Dank. Er liegt im Bett, schert sich nicht um ein Erwerbseinkommen. Man könnte sein Leben auch als Zeitverschwendung ansehen. Man könnte aber auch das Leben in einem Büro als Zeitverschwendung ansehen.

Was würde ich machen, wäre ich dem russischen Adel statt dem Strassenhundentum entsprungen? Ich denke ein bisschen nach. An eine Falle, in die ich kürzlich getappt bin. Ein Wespennest, in das ich reinbeissen musste. Müsste ich kein Geld verdienen, würde ich vielleicht mehr denken. So wie alle, die kein Geld verdienen müssen. Aber will ich das?

Ich möchte alles schmecken, alles riechen, alles sehen, alles hören, alles berühren und als Sahnehäubchen obendrauf gleich noch einen zusätzlichen Sinn entwickeln. Das wäre der Sinn, der sich um den Juckreiz in meiner Seele kümmert. Der alles absorbieren will, ohne gleich dem Wahnsinn zu frönen. Aber wenn ich ehrlich sein soll: Ich würde den Wahnsinn immer der Langeweile vorziehen. Ausser im Bett. Wenn draussen die Zollkriege toben, Tradwives Kuchen backen, mir KI-generierte Nachrichten über die sozialen Medien geschickt werden und sich Iranerinnen wieder als die mutigsten Frauen der Welt beweisen müssen, bleibe ich im Bett. Verdränge, ignoriere, fühle mich sicher. In mein Schlafzimmer dürfen schliesslich keine Faschisten rein. Adel verpflichtet.

14. April 2026

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