Den Begriff «Murphy’s Law» kennt mittlerweile vermutlich jede*r. Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen. Deshalb landet das Butterbrot immer auf der gebutterten Seite. Aus der Psychologie wissen wir mittlerweile, dass das nicht stimmt. Es ist nicht so, dass immer alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Es ist nur so, dass wir Menschen uns einfach besser an diese Momente erinnern und die dann leichter aus dem Gedächtnis abrufen können. Dafür habe ich ein kleines Beispiel parat. Ich verpasse eigentlich nie den Zug, auch nicht dann, wenn ich gestresst bin. Aber vor wenigen Tagen bin ich mit hohen Absätzen die Strasse runtergerannt, nur noch wenige Minuten von einer weiteren seekranken Reise in einem Dostozug entfernt, und blieb im Asphalt stecken, beziehungsweise in einer Art Gummiverkleidung, die durch die Hitze völlig aufgeweicht wurde. Mein Absatz bohrte ein Loch in diesen Gummi, blieb stecken und bescherte mir ein schönes Murphy’s-Law-Erlebnis. Aber für alles, was schiefgeht, passiert auch etwas Gutes. Falls nicht, kann man sich zwingen, das zu glauben. Es passiert normalerweise so viel jeden Tag, dass sich da schon irgendwas findet. Nur sind wir derzeit in einer Hitzewelle gefangen. Und die Hitze hat die Eigenschaft, dass man das Gefühl hat, dass rein gar nichts mehr passiert. Es gibt nur noch Fussball und Tipps für einen ausgewogenen Elektrolytenhaushalt. Im Tagesanzeiger finde ich heraus, wieso ich beim Essen schwitze. Und über neuntausend Menschen nehmen an der Seeüberquerung teil.
Der Begriff «Sommerloch» beschreibt die nachrichtenarme Zeit während des Sommers. Das Sommerloch hat das Ungeheuer von Loch Ness berühmt gemacht. Genauso wie Bruno den Problembären, den Kaiman im Hallwilersee oder die frechen Welse im Brombachsee letztes Jahr. Es haben alle heiss. Manchen bleibt in der Hitze der Sache der Schuh im Boden stecken. Andere gehen mit sehr vielen fremden Personen im See schwimmen. Wer sich aber trotz Hitze gerne den kognitiven Herausforderungen eines Rätsels stellen will, darf trotzdem gerne die Zeitungen studieren. Denn hinter den sommerlichen Schlagzeilen des Nichts befinden sich manchmal auch versteckte Botschaften. Wenn darüber geschrieben wird, was es für verschiedene Arten des Schwitzens gibt, können wir hinter dieser Nachricht auch etwas anderes herauslesen. Zum Beispiel, dass wir genau wissen, weshalb es immer heisser und heisser wird, aber was kann denn schon ein einzelner Mensch machen? Ausser Schweissanalyse und die Rollläden herunterlassen, um zu kühlen. Und wenn wir eine dekadente Celebrity-Hochzeit in New York fast schon im Liveticker verfolgen, steckt da vielleicht auch etwas mehr dahinter als gedacht. Vielleicht gefällt uns diese Form von Spektakel einfach viel zu gut, als dass wir es ignorieren könnten. Die Geschichte der Titanic wäre vermutlich auch weniger spannend, hätte es nicht diese Kluft zwischen Arm und Reich gegeben. Diese Kluft hat sich dann auch bei den Überlebenschancen im eiskalten Wasser bemerkbar gemacht. Das lässt sich metaphorisch gesehen gut auf die heutige Zeit übertragen. Manche Menschen sterben an den Klimafolgen, während andere gleich drei Rettungswesten gleichzeitig tragen. Wobei es in ein paar hundert Jahren vermutlich im Nordatlantik so warm sein wird, dass man die Zürcher Seeüberquerung auch im Titanic-Wasser durchführen könnte.
Vielleicht wird es Zeit für einen neuen Begriff. Das Gesetz des Sommers beispielsweise. Wie wir während einer Hitzewelle das Gefühl haben, dass gar nichts passiert, während gleichzeitig alles passiert. Das Gesetz des Sommers lautet, dass wir auch dann zwischen den Zeilen lesen müssen, wenn wir uns nicht abkühlen können. Das ist wichtiger denn je. Immerhin gehen uns bald die Eisberge aus.
16. Juli 2026