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Colour of Tomorrow – mit Kunst vom Ich ins Wir

Flucht, Neubeginn und die Suche nach Zugehörigkeit prägten das Leben von Lida Naeim-Jäggi. Mit ihrem Verein «Colour of Tomorrow» setzt sie heute auf die Kraft der Kunst, um Kindern – von Afghanistan bis Nigeria – Hoffnung, Kreativität und eine Stimme für ihre Zukunft zu schenken.

Von Gastautor*in

Ein Projekt von Lida Naeim-Jäggi

Afghanistan, Deutschland, die Niederlande, Irland und die Schweiz – das sind die fünf prägenden Stationen meines Lebens. Ich wurde in Kabul geboren und verbrachte dort eine glückliche Kindheit. Die sowjetische Invasion von 1979 stellte alles auf den Kopf, und meine Familie musste fliehen. Getarnt als Fahrende, mit einem Esel und dem Mut der Verzweiflung, gelang uns zu Fuss die Flucht zunächst nach Pakistan, dann nach Indien und schliesslich nach Deutschland. Heute blicke ich mit tiefer Dankbarkeit darauf zurück, was damals reines Überleben bedeutete. Es gelang uns, in die Freiheit zu entkommen.

Nach Jahren in verschiedenen Asylunterkünften erhielten wir schliesslich den offiziellen Asylstatus. In Hamburg konnte ich zur Schule gehen und wurde mit 18 Jahren eingebürgert. Nach dem Abitur zog es mich für ein Psychologiestudium in die Niederlande. Danach lebte ich in der Schweiz und später in Irland, wo ich einen Master in Ethik und Philosophie abschloss und mit meiner Dissertation zum Thema «Flucht» begann. Seit 2023 lebe ich wieder in der Schweiz – ein Land, dessen Landschaft mich an meine Kindheit erinnert und das ich heute mein Zuhause nenne.

Kunst war für mich schon früh eine Brücke zwischen meiner Innen- und Aussenwelt. Als Jugendliche entwarf ich Mode, malte und entwickelte eine eigene Kinderkollektion. Kreativität war für mich stets mehr als nur ein Ausdrucksmittel – sie bedeutete Verbindung, Balance und Erdung. Auch heute greife ich regelmässig zu Pinsel und Leinwand. Ein Weg, um Gedanken zu ordnen, zur Ruhe zu kommen und einen emotionalen Ausgleich zu finden, inmitten intellektueller und sozialer Herausforderungen.

Das Thema «Ankommen und Dazugehören» – zu einem Land, zu einer Gesellschaft, zu sich selbst – ist für mich zentral. Neben der theoretischen Arbeit wollte ich auch etwas Praktisches schaffen, um meine eigene Erfahrung anderen Menschen weiterzugeben, die einen ähnlichen Fluchthintergrund haben und versuchen, hier anzukommen. Daraus entstand die Idee zur Gründung eines Vereins, der mit Mitteln aus verschiedenen Bereichen der Künste versucht, Geflüchtete beim Prozess des Ankommens zu unterstützen. Wir gaben dem Verein deshalb den Namen «Colour of Arrival».

Im Laufe des ersten Jahres bin ich mit wundervollen Leuten in Afghanistan in Kontakt gekommen, mit denen fast spontan Projekte entstanden und vor Ort zügig umsetzt werden konnten. Remote sozusagen entdeckte ich die Schönheit des Landes meiner frühen Kindheit und fühlte den Ursprung meiner Identität. Ich konnte wieder regelmässig Farsi sprechen, meine Muttersprache, die sich im Laufe dieses Jahres wesentlich verbessert hatte. Durch die Projekte wurde mir bewusst, dass der Bedarf nach Unterstützung dort eigentlich viel grösser ist. Kinder, insbesondere Mädchen, werden in einer entscheidenden Entwicklungsphase ihres Lebens eingeschränkt, durch politische, wirtschaftliche, aber auch durch gesellschaftliche Bedingungen.

Ausgestattet mit Pinseln, Stiften, Farben und Papier lebten die Kinder ihre Kreativität aus und erfuhren dabei auch ein Stück Freiheit. Man konnte es am Strahlen ihrer Augen ablesen. Die Kinder haben es auch als etwas ganz Besonderes wahrgenommen, dass Menschen aus einem weit entfernten Land an sie denken und ihnen ermöglichen, sich an einem Ort zu versammeln und gemeinsam etwas Einmaliges zu erleben.

Auch in anderen Ländern teilen Kinder ein ähnliches Schicksal und werden in ihrer Entwicklung durch lokale Verhältnisse stark beschnitten. Nicht ganz zufällig kam ich mit einem nigerianischen Fotografen in Kontakt. Er war von unseren Berichten und Bildern der Projekte in Afghanistan so begeistert, dass wir anfingen, auch Projekte in Nigeria umzusetzen. Dann kam Indien dazu, das Land, in welchem ich selbst als Kind nach der Flucht ein Jahr verbracht hatte. Auch hier fanden sich Kontakte, mit denen sich erste Projekte realisieren liessen. Auch in diesen beiden Ländern gab es Kinder, die zum ersten Mal in ihrem Leben Farbe und Pinsel in die Hand bekamen.

Aufgrund dieser Erfahrungen haben wir im Vorstand des Vereins beschlossen, die Ziele des Vereins neu auszurichten und dies auch im Namen zum Ausdruck zu bringen. «Colour of Tomorrow» heisst der Verein nun und wir haben den Fokus einerseits vom Land der Ankunft von Asylsuchenden auf die Länder selbst gerichtet. Andererseits konzentrieren wir uns nun auf Kinder. Für und mit diesen Kindern wollen wir mit den Mitteln verschiedener Kunstbereiche – bildende Kunst, Storytelling, Musik und Theater/Performance – ein Zeichen der Hoffnung und der Zukunft setzen und so zur Entwicklung und Stärkung ihrer eigenen Identität.

Der Begriff «Tomorrow» steht sinnbildlich für Zukunft und Hoffnung und soll auch die Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen zum Ausdruck bringen. Kinder sind das Morgen. Ihre Kreativität und ihr Ausdruck sind nicht nur Zeichen von Lebenskraft, sondern auch Träger von Hoffnung für die Gesellschaft. Indem wir ihnen durch Kunst Raum geben, schenken wir ihnen die Möglichkeit, ihre Welt mitzugestalten – farbig, lebendig und voller Zuversicht.

12. März 2026

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