Vor kurzem habe ich in einem Podcast das erste Mal über das Phänomen der Catch-up Culture gehört – es beschreibt Treffen mit Freund*innen, die ausschliesslich stattfinden, um sich gegenseitig zu updaten. Man trifft sich dann, wenn es gerade reinpasst. Zwischen Arbeit, Familie, Me-Time und allem, was halt gerade wichtiger ist. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich darin nicht wiedererkenne. Und gleichzeitig merke ich, dass ich immer weniger Lust darauf habe – Freundschaft ist für mich kein Slot, den ich mir erkämpfen muss.
Ich möchte meine Freund*innen treffen und über alles Mögliche reden, ohne Termin- und Zeitdruck. Die Zeiten, in denen man sich spontan zum Kaffee um die Ecke traf, sind längst vorbei.
Unsere To-do-Listen werden immer länger und da noch Platz für anderes zu finden, wird immer schwieriger. Umso wichtiger ist es, gute Freundschaften zu pflegen.
Ich habe Freundschaften schon immer stark reflektiert. Ein Satz, den mir meine Mama als Kind mit auf den Weg gegeben hat, war: Lieber eine gute Freundin als viele schlechte. Ich habe meinen Inner Circle und sie bereichern mein Leben, aber was bringt es mir, wenn ich die eine oder andere dann nur noch zweimal im Jahr sehe?
Genau dieses Leben hat sich in den letzten zwölf Monaten ohnehin radikal verändert. Seit ich Mutter bin, hat Zeit eine andere Qualität. Schauen, was der Tag so bringt? Das läuft nicht mehr. Und genau in diesem neuen Alltag merke ich besonders stark, was mir in Freundschaften fehlt – und was nicht mehr funktioniert. Vielleicht bin ich für mein Gegenüber auch langweilig geworden. Denn ein Mama-Alltag besteht nicht aus crazy Erlebnissen, die sich gut erzählen lassen. Mein Mama-Alltag passiert mittendrin. Im Chaos. Im Unfertigen. Wenn ich jemanden nur alle paar Monate sehe, bleibt davon fast nichts übrig.
Wenn man sich dann sieht, sitzt man im Café, sippt einen Matcha und versucht, ein halbes Jahr in ein Gespräch zu packen. Beziehung? Läuft. Job? Ganz okay. Familie? Alles gut. Irgendwelche «Hot News»? Check. Check. Check. Catch-up-Gespräche funktionieren nur rückblickend. Aber Freundschaft besteht für mich nicht nur aus der Vergangenheit. Sie entsteht im Dazwischen. In den kurzen Nachrichten zwischendurch. In einem spontanen Anruf, auch wenn er nur fünf Minuten dauert. In dem Gefühl, dass jemand mitbekommt, was in meinem Leben abgeht – und zwar nicht erst, wenn ich es selbst schon fast wieder vergessen habe. Von mir aus, schick mir die zwölf Minuten lange Sprachnachricht!
Die Catch-up Culture ist effizient, ja. Und klar, für viele mag diese Art von Freundschaft auch super funktionieren. Aber sie ist auch distanziert. Und ich frage mich, ob wir uns nicht zu sehr daran gewöhnt haben, Freundschaften in ein Format zu pressen, das vor allem eines ist: kompatibel mit unseren Kalendern. Denn diese Form von Freundschaft verlangt wenig. Keine echte Präsenz, keine Verbindlichkeit im Alltag, keine Flexibilität über das eigene Leben hinaus. Man bleibt verbunden, ohne viel investieren zu müssen. Das klingt praktisch. Ist es auch. Aber vielleicht auch zu praktisch. Haben wir uns denn so sehr an Freundschaften gewöhnt, die wenig einfordern?
Ich merke jedenfalls, dass ich mir etwas anderes wünsche. Nicht mehr Zeit – die habe ich nicht. Sondern mehr echtes Teilhaben. Nicht ein Treffen, das sich abhaken lässt, um in ein paar Monaten wieder von null zu beginnen. Denn wenn Freundschaft vor allem darin besteht, sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen, dann wird sie austauschbar und oberflächlich. Ich glaube nicht, dass das unsere Absicht ist – ich möchte mit meinen Freund*innen nicht «Schluss» machen, aber vielleicht pausiere ich manche Freundschaften, um in die wichtigsten zu investieren.
15. Mai 2026