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Body count(s)

Als weiblich gelesene Person kann man vieles falsch machen. Früher schaffte man es so auf die Titelseite eines Klatschmagazins, heute wird man Kanonenfutter der KI-Sexindustrie. Ein Kommentar.

Von Lea Schlenker

Die Popkultur eines Jahrzehnts kann Menschenleben verändern. Wirklich. Generationen prägen. Das Denken so beeinflussen, dass moralische Grundsätze an klar vorgegebenen Gradmessern bestimmt werden. Zuletzt hiess es, die Popkultur der 2000er-Jahre sei wieder im Anmarsch. Strasssteine, Pink und Glimmer, fast alle nennenswerten Serien aus dieser Zeit werden neu aufgelegt. Nicht einmal die Low-Rise-Jeans-Traumata können ungestört überstanden werden. Darüber schreiben sich die Feuilleton-Journalist*innen dieser Welt die Finger wund. Was könnte dazu führen, dass das Heute sich nach dem Gestern sehnt? Politische Unsicherheiten. Die Bedrohungen durch die Klimakrise. Und natürlich, natürlich, die sozialen Medien. Aber das Gras ist ja nicht zwingend grüner in der Vergangenheit. Wobei, der Klimawandel. Aber ihr versteht, was ich meine.

Als ich siebzehn Jahre alt war, schrieben wir das Jahr 2009. Michael Jackson ist gestorben, genauso wie die Lehman Brothers im Jahr zuvor. Dadurch gingen zahlreiche Unternehmen bankrott, auf der ganzen Welt wurden Konjunkturpakete geschnürt. Ich verstand damals nicht viel von Wirtschaft. Was ich aber verstand, war, dass ich kein Geld hatte und eigentlich gerne einmal das Meer sehen würde. Durch eine zufällige Begegnung im Nachtleben sollte mein Wunsch erfüllt werden. Ich tanzte, wurde angequatscht und konnte mir für ein paar hundert Franken einen Auftrag als Tänzerin angeln. Nicht so, wie man jetzt vielleicht denken könnte. Sexy, aber immer noch tauglich fürs Frühstücksfernsehen. Glaube ich zumindest. In einem Outfit, das heute jemand wie Sabrina Carpenter auf der Bühne tragen würde. Ich habe auf einer Bühne die zuvor einstudierte Choreo getanzt, meine Gage kassiert und war hinterher auch ziemlich stolz auf mich – habe ich es immerhin stundenlang in superhohen Schuhen ausgehalten. Trotzdem habe ich heute kein einziges Foto dieses Auftritts mehr. Weil in dieser Zeit zwar die Wirtschaft abflachte, die frauenhassende Body- und Slutshaming-Kultur jedoch Hochkonjunktur hatte.

Die Furcht davor, sexualisiert zu werden, ist auch heute noch so tief in mir verankert, dass nackte Haut in der Öffentlichkeit für mich grundsätzlich ein Tabu darstellt. Aber was soll ich denn sagen? Meine Sexualität hat sich in einer Zeit entwickelt, in der Klatschmagazine jedes neu gewonnene Kilogramm einer in der Öffentlichkeit stehenden Frau argwöhnisch kommentierten. In der die Gesellschaft damit begonnen hat, Sextapes von Frauen gegen ihren Willen zu veröffentlichen, um sich hinterher pausenlos über sie lustig zu machen. In der junge Frauen entweder Dorfmatratzen oder prüde waren. Eine Frau, die im Minirock tanzt, ist also eine Kontroverse. 

Da ich gelernt habe, dass eine Frau entweder intelligent oder sexy sein kann, und nie beides, musste ich mich entscheiden. Also vermeide ich potenziell verruchte Spuren im Internet. Ich lernte in meiner Schulzeit, dass das Schlimmste, was einer jungen Frau passieren könnte, sei, dass Nacktfotos von ihr verbreitet werden. Dann kamen die sozialen Medien, und die Angst von früher blies meine Paranoia auf wie eine gigantische Sexpuppe. Natürlich nicht nur die meine, sondern auch die meiner Freundinnen. Im Buch «Girl vs. Girl» schreibt die Autorin und Journalistin Sophie Gilbert davon, wie die Popkultur der 2000er-Jahre Frauen hasste. Das zeigte sich in Make-Over-Shows, Reality-Shows, Musikvideos, Rom-Coms, Horrorfilmen etc. In einem Video hörte ich einer Frau zu, die mir sagte, eine Frau sollte nicht mehr als zwei bis drei Sexualpartner*innen haben, bevor sie sich fürs Leben bindet. Sonst könnte man nur allzu leicht als Flittchen schubladisiert werden. Sie wirkte auf mich, als hätte sie jahrelange Erfahrung darin, andere Frauen als Flittchen zu schubladisieren. Aber auch das ist ein schönes Überbleibsel einer langandauernden misogynen Popkultur. Wenn Frauen ihre Körper hassen müssen, hassen sie auch gleich die Körper aller anderen Frauen.

Ich möchte gerne mein Teenager-Ich in die Arme nehmen und ihr sagen, dass es besser wird. Ich weiss aber nicht, ob das eine Lüge wäre. Vielleicht könnte ich ihr sagen, dass auf sie eine wunderschöne Zukunft mit Gleichgesinnten wartet, die sich für Sisterhood und Gleichstellung engagieren. Die sich gegenseitig Mut machen, statt nach dem Body Count zu fragen. Gleichzeitig öffne ich an einem Samstagmorgen die neue Ausgabe von «Der Spiegel» und weiss nicht mehr weiter. Ich weiss nicht, wie es sein kann, dass Collien Fernandez Anzeige gegen ihren Ex-Mann wegen Onlinemissbrauchs erstatten muss. Ich kann nicht verstehen, wie Gisèle Pelicot jahrelang von ihrem Ehemann betäubt und anderen Männern zur Verfügung gestellt wird. Vor allem aber ist es für mich ein Rätsel, wie andere Männer diese Schlagzeilen lesen, aber gleichzeitig Programme für Deepfake-Nudes wie Pilze aus dem Boden schiessen.

Dass es noch nicht so ist, wie es sein soll, hat Auswirkungen. Sexuelle Gewalt nimmt sowohl online als auch offline zu. Und ich weiss manchmal immer noch nicht, ob ich in einem engen Kleid ein zu hohes Risiko eingehe. Dabei wäre es so einfach, wegzuschauen, wenn der Minirock etwas zu kurz für den eigenen Geschmack ist. Fast so einfach wie einfach mal drauflos zu tanzen.

29. März 2026

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