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Black Film Festival Zurich: «Wenn es uns nicht mehr braucht, haben wir das Ziel erreicht»

Fünf Jahre nach der ersten Ausgabe hat sich das Black Film Festival Zurich zu einer festen Grösse in der Zürcher Kulturlandschaft entwickelt. Gründungsmitglieder Ania Anna Mathis und Rispa Stephen blicken zurück auf die Anfänge – und teilen mit uns ihre Vision für die Zukunft des Festivals.

Von Natacha Rothenbühler

Im Zentrum des Black Film Festivals Zurich stehen Filme von Schwarzen Filmschaffenden of African Descent. Über drei Tage werden im Kino Houdini vom 12. bis 14. Dezember insgesamt 25 Filme gezeigt, die gesellschaftliche Fragen ebenso aufgreifen wie persönliche Geschichten: Themen wie Migration, Identität, Erinnerung, Körper, Gender oder Widerstand ziehen sich durch viele Beiträge. Ergänzend zu den Filmvorstellungen finden Podien und Q&As mit Expert*innen und Filmschaffenden statt, die aktuelle politische und soziale Aspekte vertiefen.

Das Festival steht für Sichtbarkeit und lädt ein, Schwarze Perspektiven und Lebenswelten in ihrer ganzen Vielfalt und Tiefe zu entdecken. Es ist ein Ort für Austausch, Kunst und echtes Kino. Also schnappt euch eure Friends und Family – und ab ins Houdini!

Bild zVg. Black Film Festival

Das Black Film Festival Zurich (BFFZ) feiert dieses Jahr sein fünfjähriges Jubiläum. Let’s take it back to the beginnings: Was war der Impuls, das Festival zu gründen? Wie habt ihr das auf die Beine gestellt?

Rispa Stephen: Ania, Sarah und ich riefen das Festival 2019 ins Leben. Die Idee kam uns schon 2017, als Bla*Sh (Schwarzfeministisches Netzwerk der Deutschschweiz) eine Veranstaltungsreihe durchführte; dazu gehörte auch eine Filmreihe. Wir waren so begeistert und empowert, dass wir beschlossen, Zürich braucht ein eigenes Black Film Festival. Und es war schlicht notwendig: Schwarze Perspektiven sind in den schweizerischen Kinos noch immer sehr untervertreten.

Wie seid ihr vorgegangen?

Rispa: Wir hatten grosse Lust und Interesse, so etwas anzupacken, aber wir kommen alle drei nicht aus dem Film. Also fragten wir das Human Rights Festival an; sie gaben uns viele wertvolle Tipps.

Wie hat sich das BFFZ seitdem entwickelt? Welche Erfolge konntet ihr feiern?

Ania Anna Mathis: Seit der ersten Ausgabe sind wir in allen Bereichen gewachsen. Zwar dauert unser Festival immer noch «nur» drei Tage, aber das Programm ist umfangreicher und vielfältiger geworden. Am Anfang hatten wir fast kein Rahmenprogramm, dieses Jahr haben wir mehrere Q&As, mehrere Podiumsdiskussionen, auch mehr Kooperationen, z.B. mit den Porny Days. Und unser Team hat sich verdreifacht, wir konnten uns stark professionalisieren.

Was sind eure persönlichen Highlights aus den letzten Jahren?

Rispa: Schwierig. Jede Ausgabe hatte ihre Perlen, daraus könnte ich jetzt schwer was rauspicken…

Ania: Ich stimme Rispa zu, ich kann auch kein einzelnes Erlebnis nennen. Es ist sicher ein Highlight, dass wir immer noch existieren (lacht). Letztes Jahr war das Black Film Festival ausverkauft. Diese Resonanz und die gesteigerte Sichtbarkeit haben mich sehr gefreut.

Was sind die grössten Herausforderungen bei der Durchführung eines Festivals, das Perspektiven von Menschen of African Descent in den Vordergrund stellt?

Rispa: In der Finanzierung liegen die grössten Herausforderungen – aber das ist wahrscheinlich für alle kleineren Filmfestivals so. Natürlich machen wir einen grossen Teil der Arbeit ehrenamtlich, aber ganz ohne Lohn können wir auch nicht überleben. Wir leisten einen wichtigen kulturellen Beitrag für die Stadt Zürich.

Ihr vereint am Festival verschiedenste Filmarten: Dokus, Spielfilme, Kurzfilme, internationale und schweizerische Produktionen. Wie wählt ihr die Filme aus?

Ania: Wir pflegen eine umfangreiche Datenbank mit zahlreichen Filmen – alles, was uns begegnet und potenziell relevant ist, landet dort. Dazu trägt das gesamte Team bei. Zusätzlich haben wir drei Mitarbeitende, die gezielt Filmrecherche betreiben und das ganze Jahr verfolgen, was an anderen Festivals, bei Filmschaffenden und Verleihfirmen passiert. Filmschaffende können ihre Produktionen auch direkt bei uns einreichen.

Aus dieser Datenbank entsteht bis Mai eine Shortlist. Dafür durchlaufen die Filme mehrere Auswahlraster: Zuerst prüfen wir, ob Black People of African Descent vor und hinter der Kamera vertreten sind. Danach achten wir auf geografische Vielfalt sowie auf Genderaspekte – denn auch innerhalb des Schwarzen Filmschaffens werden männliche Filmemacher häufiger gefördert als andere Gender. Ebenso wichtig sind sprachliche und genrebezogene Diversität sowie aktuelle politische, gesellschaftliche, queere und künstlerische Perspektiven.

Die Shortlist wird anschliessend im gesamten Team gesichtet. Zwei bis drei Monate lang schauen wir die Filme und treffen danach eine kollektive Entscheidung. Das finale Programm steht jeweils im August/September.

Gibt es Narrative oder Themen, die ihr bewusst nicht programmiert?

Rispa: Wir zeigen keine Filme, die sich kolonialen oder rassistischen Narrativen bedienen. Unser Ziel ist ja, damit zu brechen. Wir wollen die komplexen Lebenswelten Schwarzer Menschen vermitteln und den Bildern, die man noch immer im Kino oder im Fernsehen sieht, entgegenwirken.

Worauf freut ihr euch dieses Jahr besonders?

Ania: «Kévine et Fortune» ist mit der diesjährigen Fussball-EM natürlich besonders aktuell, das ist ein toller Film. Und ich freue mich riesig über die Kooperation mit «Public Eye». Sie co-präsentieren den Film «Mikuba» mit uns. Es geht um Rohstoffabbau in der Demokratischen Republik Kongo. Dort gibt es auch mehrere Firmen aus der Schweiz, die ihrer rechtlichen und menschenrechtlichen Verantwortung nicht nachgekommen sind. Die Organisation «Public Eye» beschäftigt sich intensiv mit der Verantwortung Schweizer Unternehmen im globalen Minenbau. Nach dem Film findet eine Podiumsdiskussion mit einem Rohstoff-Experten von «Public Eye» statt. Uns war es wichtig, den Film so zu kontextualisieren.

«Kévine et Fortune», Bild: Sylvain Marco Froidevaux

Wie du vorhin erwähnt hattest, ist das Rahmenprogramm immer extensiver geworden. Warum ist euch das wichtig?

Ania: Um die Filme, wie gesagt, in einen Bezug zur Schweiz zu setzen und zu kontextualisieren. Und mit den Q&As, Podien und Workshops können wir Expert*innen, Filmschaffenden und weiteren Menschen aus der Schweizer Black Community eine Plattform geben.

Ein Beispiel ist der Film «Black People Don’t Get Depressed». Psychische Gesundheit von Schwarzen Menschen ist nach wie vor stark tabuisiert – bei Männern im Allgemeinen und bei Schwarzen Männern erst recht. Uns war wichtig, diesem Thema mehr Raum zu geben. Deshalb haben wir ein Podiumsgespräch mit zwei Fachpersonen organisiert. So möchten wir zusätzlich sensibilisieren und Sichtbarkeit schaffen.

«Black People Don’t Get Depressed», Bild: Tseliso Monaheng, Bekker Brand Van Rensburg, Yaseen Hanslo

Gibt es Veranstaltungen, die ausschliesslich für Black People of African Descent zugänglich sind?

Ania: Nein, wir haben per se noch nie einen Raum geschlossen. Letztes Jahr gab es eine Masterclass zu einem Film von «x collective x», bei der sich das aber per Zufall so ergeben hat. Die Masterclass war schnell ausgebucht, es war ein voller Erfolg. Die Stimmung war sehr schön und wir konnten einen echten Safe Space schaffen. Es ging um Mental Health von Black People, darum, wie viel Präsenz wir als Schwarze Menschen in der Schweiz haben.

Konntet ihr in den letzten Jahren einen Wandel im Kulturbereich beobachten, dass vermehrt Schwarze Perspektiven eingebracht werden oder sie anders aufgenommen werden?

Ania: Ja, aber ich denke, das hat mehr mit globalen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Die Ermordung von George Floyd hat viel verändert. Und insgesamt ist eine kritischere Diskussion über Rassismus auch in der Schweiz angekommen. Bei der ersten Ausgabe wurde ich noch gefragt: «Aber hast du denn Rassismus erlebt?». Solche Fragen kommen jetzt nicht mehr. Natürlich ist unser Publikum nicht repräsentativ für die gesamte Schweizer Bevölkerung, aber die Sensibilisierung hat sicher zugenommen.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft des Black Film Festivals?

Ania: Dass das Black Film Festival weiter besteht und wachsen darf. Obwohl, wenn ich ganz gross träume, wäre das Ziel, dass es uns gar nicht mehr braucht. Dass es selbstverständlich wäre, dass Filme von Black People of African Descent genau gleich im Schweizer Kinoprogramm vertreten wären wie andere Perspektiven.

Die diesjährige Ausgabe des Black Film Festivals findet vom 12. bis 14. Dezember im Kino Houdini statt. Weitere Infos zu den einzelnen Filmen und Tickets gibt es hier.

08. Dezember 2025

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