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Bittersüsses Herzensprojekt: Ein Zuhause für Strassentiere im Balkan

Letas Eltern sind einst aus dem Kosovo in die Schweiz geflüchtet – sie ist vor rund einem Jahr in den Balkan zurückgekehrt. In Albanien hat Leta ein kleines Häuschen mit viel Land gekauft und widmet sich dort ihrem Herzensprojekt: einer Pflegestelle für Strassentiere, die ein Zuhause suchen. Was romantisch klingt, ist oft bittersüss.

Von Gastautor*in

Text von Cindy Ziegler

Letas Profilbild auf Instagram zeigt Pippi Langstrumpf. Das Mädchen aus Astrid Lindgrens Kinderbuchreihe. Das mutige Mädchen. Das Mädchen, das sich die Welt so macht, wie sie ihr gefällt. Wie Pippi ist auch Leta stark und mutig. Manchmal ist sie aber auch sensibel und zaghaft. Und sie lebt nicht etwa mit einem Affen und einem Pferd zusammen, sondern aktuell mit vier Katzen und acht Hunden in ihrer eigenen Villa Kunterbunt in einem kleinen Dorf in Albanien. Pippi ist ihr Vorbild.

Erleta Shala kommt im Kosovo auf die Welt, wächst aber in der Schweiz am Greifensee auf. Ihre Eltern fliehen in den 90er-Jahren mit ihren drei Kindern vor dem Krieg. Wie viele Secondos wächst auch Leta mit zwei Kulturen auf. Die langen Sommerferien verbringen die Shalas nach Kriegsende immer unten, meist in Durrës, einer Küstenstadt in Albanien. Dort kommt die junge Leta schon früh mit Strassentieren in Kontakt, die sie alle nach kürzester Zeit ins Herz schliesst. Sie gibt ihnen Namen und freut sich, sie jedes Jahr wiederzusehen. Ihr Herz für die Tiere wird mit jedem Lebensjahr grösser. 2022 verbringt Leta eine längere Zeit in Albanien und lernt dort im Tierheim der Tierschutzorganisation Jeta Tier und Mensch viel über den Tierschutz in Albanien.

An dieser Stelle einen kleinen Einschub: Im Balkanstaat gibt es kein Tierschutzgesetz. Die Situation für die Strassentiere in Albanien ist prekär. In grösseren Städten finden regelmässig – vor allem vor der Tourismussaison im Sommer – Säuberungsaktionen statt, bei denen Hunderte Tiere getötet werden. Häufig qualvoll, durch Vergiftung. Tierschutzorganisationen im Land setzen sich dafür ein, dass Strassentiere kastriert und nicht getötet werden. Kastrierte Tiere sind an den Ohrmarken zu erkennen. Leider werden täglich immer wieder neue Tiere ausgesetzt. Strassentiere – und manchmal auch Haustiere – werden geschlagen, misshandelt, angebunden, überfahren – und meistens einfach zum Sterben zurückgelassen. In Tirana wird die Strassenhunde-Population auf rund 7000 Tiere geschätzt, in Durrës geht man von etwa 4000 bis 6000 aus.

2022 verbringt Leta also mehrere Monate in Albanien. Sie trifft vor allem am Strand von Durrës auf viele Hunde, die sie sofort ins Herz schliesst. Sie nennt sie ihre Beach-Gang und beginnt, auf Instagram von ihren Geschichten zu berichten. Viele von ihnen sind heute nicht mehr auffindbar – ihr Schicksal ist unklar. Die Erlebnisse in Albanien beschäftigen die junge Frau, und sie beschliesst, Hunde in Pflege zu nehmen, bis sie ihr Für-immer-Zuhause finden. In ihrer kleinen Einzimmerwohnung in Zürich leben fortan nicht nur Leta und ihre beiden Katzen Zoey und Charlie – als Kitten von der Strasse im Kosovo gerettet –, sondern auch ein bis zwei Hunde.

Der Seelenhund

Leta besuchte gerade ihre Eltern im Kosovo, wo sie zeitweise leben, als ein Hund an einer Metallkette an ihr vorbeilief. Seine Besitzerin war zwei Jahre zuvor gestorben, sie hatte, so gut sie konnte, auf ihn geschaut. Nun aber wurde der zehnjährige Rüde ausgesetzt. Er war sein Leben lang angekettet gewesen, bei allen Witterungen draussen. Das metallene Halsband hatte sich schon so tief in seinen Hals eingeschnitten, dass es eine unsaubere Wunde hinterliess. Ricky konnte kaum gehen, er leidet – bis heute – an Leishmaniose. Eine parasitäre Erkrankung, die unter anderem Muskelschwäche, Gelenkschwellungen und Knochenmarksschäden verursacht. Und trotzdem: «Ich habe ihm in die Augen geschaut und nur pure Liebe gesehen», schrieb sie damals in ihrer Story auf Instagram. Seine Geschichte – und vor allem seine Liebe, die allen Widrigkeiten, denen er in seinem Leben begegnete, trotzte – liess Leta nicht mehr los. Sie beschloss, Ricky in die Schweiz zu holen. Die Nachbar*innen wollten zwischenzeitlich auf ihn aufpassen, beim nächsten Besuch musste sie aber feststellen, dass Ricky erneut vernachlässigt wurde. Ricky ist Letas Seelenhund. «Für mich ist er der allerschönste Hund der Welt», sagt sie. Mit Ricky zieht im Oktober 2023 der erste Hund bei Leta ein, der für immer bleibt.

Ich erinnere mich an den Moment, als ich Ricky kennenlernte. Und ich wusste sofort, was Leta mit seinen Augen meinte. Ich habe noch nie ein Tier mit einem solchen Blick kennengelernt. Liebevoll, treu und absolut friedvoll. Obwohl ihm Menschen unfassbares Leid angetan haben, ist er zu allen freundlich.

Sein Einzug bei Leta war nicht nur für ihn ein Neuanfang. «Mir hat man häufig gesagt, dass ich zu viel träume.» Der grosse Traum? Mehr für den Tierschutz zu tun. Mit dieser Vision im Herzen schaute sich Leta immer wieder nach Grundstücken in Albanien um. Vor Ort sein, wo das Tierleid gross ist. Um dort etwas zu verändern. Eigentlich wollte sie ein Tierheim aufbauen in Lezha. Trotz guter Kontakte und vieler intensiver Gespräche mit dem Gemeindevorsteher musste sie dieses Projekt aufgeben. Aber eines von Letas Lebensmottos ist: «Alles passiert aus einem Grund.» Der Grund? Ein kleines Häuschen mit viel Land in einem kleinen Dorf bei Durrës wartete auf die junge Frau. Und Leta setzte alles auf eine Karte. «Meine Eltern waren wenig begeistert, als ich ihnen eröffnete, dass ich meine Pensionskasse und meine 3. Säule auslösen werde», erklärt sie mir, als wir uns das letzte Mal in der Schweiz treffen – im Sommer 2024, kurz vor der Auswanderung. Leta ist motiviert, wirkt furchtlos, auch wenn in ihr drin der Sorgensturm tobt. Im September war es dann so weit. Eine Frau, ein Hund und zwei Katzen fuhren mit dem wichtigsten Hab und Gut im Camper nach Albanien. Bis das Häuschen Strom und Wasser hat, leben die vier in einem Hostel. Und dann der Umzug in die Villa Kunterbunt. Der Winter ist kalt und feucht, die Heizung streikt regelmässig. Ab und zu ist auch der Strom weg.

April 2025. Leta holt mich am Flughafen in Tirana ab. Sie weint, weil sie sich so freut, mir zu zeigen, was sie aufgebaut hat. Auf dem Weg fallen mir neben neuen Gebäuden vor allem die kaputten Strassen auf. Und die ersten toten Tiere am Strassenrand. Im Dorf schauen die Leute uns an. Ich bemerke die Blicke, Leta ist sich an sie gewöhnt. Seit einem halben Jahr wohnt sie alleine am Ende der Strasse und geht mit ihren Hunden spazieren. Zwei Kuriositäten für die Menschen vor Ort. Angekommen beim kleinen Haus begrüssen mich nicht nur Ricky, sondern noch viele weitere liebe Augenpaare. Da ist Rrushe, die wie Ricky an der Kette gehalten wurde. Da ist Rio, der kleine Welpe, den Leta am Strassenrand fand. Da ist Pia, die 15-jährige Hündin, die ausgesetzt wurde, als sie alt und krank wurde. Da ist Ruth, die Strassenhündin mit den schlechten Zähnen und null Überlebenschancen auf der Strasse. Und da sind die drei Hundeschwestern Maeve, Mila und Maya, aufgezogen in einem verlassenen Haus von Kindern im Dorf. Spätestens jetzt weine ich auch. Ich bin gerührt von dieser unbändigen Liebe. Aber ich bin auch wütend und traurig. «Tierschutz ist bittersüss», erklärt Leta mir bei unserem ersten gemeinsamen Abendessen in Albanien.

Man kann nicht allen helfen

Die Woche ist intensiv. Wir bringen die Hunde zu Tierarztterminen und unternehmen gemeinsam mit dem Volontär Otso Ausflüge. Irgendwie versuchen wir, allen Tieren gerecht zu werden – und scheitern doch häufig. Kaum vorstellbar, wie Leta das sonst ganz alleine meistert. Wir treffen immer wieder auf Strassentiere. Abgemagerte. Kranke. Tote. Wir füttern die, die noch da sind. Einen Welpen sehen wir immer wieder, können ihn aber nicht einfangen. Seine Mutter und seine Geschwister fand eine Mitarbeiterin des Tierheims vor ein paar Wochen und nahm sich ihrer an. Die Mutter hatte einen offenen Bruch am Bein – und unzählige Schrotkugeln im Körper, wie sich später herausstellte. Sie schaffte es nicht. Zwei der drei Jungen sind in Sicherheit. Das dritte irrt auf den Strassen im Dorf umher. Seine Überlebenschancen? Klein. «Ich musste lernen, dass ich nicht allen helfen kann.»

Am zweitletzten Morgen meines Besuchs – die Felder dampfen in den orangenen Himmel –, sehen wir von weitem eine Bewegung. Ein Tier, das uns entgegenläuft. Ein Bär? Ein Hund? Auf alle Fälle gross. Mir rutscht das Herz in die Hose, während ich Mila und Maeve, die ich gerade an der Leine halte, noch ein bisschen fester zu mir ziehe. Leta drückt mir die Leine von Maya in die Hand und nähert sich dem Tier. Es ist ein dunkler Schäferhund. Als Leta ihm die Hand hinhält, legt er sich auf den Rücken und drückt seinen schweren Kopf an ihre Beine. Ich schaue meine Freundin an und weiss, dass der Schäferhund bald bei ihr einzieht. Sie nennt ihn Ronny.

Mittlerweile ist Rrushe ausgezogen und bei Ruth konnte der Tierarzt die langersehnte Zahnoperation durchführen. Das Grundstück wurde mit Hilfe von fleissigen Freiwilligen, Spenden und Letas Papa eingezäunt. Rio wird bald adoptiert und für Mila gibt es auch schon eine Interessentin. Neben Ronny sind die Kätzchen Bärbel und Fritz eingezogen. Leta hat einen neuen Job angefangen, um ihre Tierschutzarbeit zu finanzieren. Jeden Morgen läutet der Wecker um kurz vor fünf. Die Tage sind lang, anstrengend – aber oft wunderschön. Nirgends ist der Sonnenauf- und -untergang intensiver. Bittersüss eben.

Spendemöglichkeiten und mehr Informationen zu Leta und ihren Tieren unter www.letaslittleworld.com 

Folgende Tiere suchen noch ein Zuhause:

Pia

Mix, 14 Jahre alt, kastriert, 6 kg

Pia wurde wegen ihres Alters und ihrer Krankheit ausgesetzt. Sie wurde operiert, um fünf Tumore zu entfernen, und benötigt nun regelmässige Pflege, um sich zu erholen. Pia ist eine liebe, zutrauliche Hündin, die nicht viel braucht – nur gemütliche Spaziergänge und viel Ruhe. Sie liebt es, in ihrem warmen Bett zu liegen, zu kuscheln und in einem sicheren Zuhause zu sein.

Ruth

Mix, weiblich, kastriert, 18 kg, geb. ca. 2017

​Ruth wurde während eines Kastrationsprojekts gefunden – ihr Schicksal schien besiegelt. Mit schlechten Zähnen, Herzwürmern und ihrem Alter galt sie als «nicht überlebensfähig» auf der Strasse. Heute zeigt sich Ruth als unglaublich liebevolle und verschmuste Hündin. Sie geniesst jede Nähe zum Menschen, ist stubenrein und begleitet einen treu durch die Natur – am liebsten ohne Leine. Sie bleibt immer in der Nähe und passt sich wunderbar an. Die Leine kennt sie noch nicht gut, doch mit Geduld wird sie das sicher noch lernen. Ruth sucht ein Zuhause, in dem sie die Fürsorge bekommt, die sie so sehr verdient. 

Maeve

Mix, weiblich, ca. 10 kg, geb. Oktober 2024

Maeve wurde gemeinsam mit ihren Schwestern Maya und Mila in einem Müllcontainer gefunden – ausgesetzt, schutzlos, ohne Hoffnung. Mutige Dorfkinder retteten sie, bevor es zu spät war. Sie ist die Kleinste der drei, aber voller Energie und Lebensfreude. Mit ihrem Schlitzohr-Charme, ihrer Verspieltheit und grossen Liebe zu Menschen bringt Maeve jedes Herz zum Schmelzen. Sie verteilt gerne Küsschen und sucht stets die Nähe.​ Maeve wünscht sich ein Zuhause, das ihre fröhliche, selbstbewusste Art liebt – und ihr zeigt, wie schön das Leben sein kann.

Maya

Mix, weiblich, ca. 12 kg, geb. Oktober 2024

​​Maya wurde zusammen mit ihren Schwestern Mila und Maeve in einem Müllcontainer gefunden – ausgesetzt und dem Tod nahe. Nur durch das Eingreifen mutiger Dorfkinder konnten die drei Welpen gerettet werden. Maya ist die Mutigste der drei: selbstbewusst, neugierig und voller Energie. Sie läuft bereits super an der Leine, kuschelt gerne und hat eine besondere Ausstrahlung. Sie ist klug – testet aber auch gerne ihre Grenzen. Maya sucht ein Zuhause, das ihre Lebendigkeit schätzt und sie liebevoll fördert. Auch ein Leben in der Stadt wäre für sie denkbar – solange sie genügend Bewegung und Beschäftigung bekommt.

Ronny

Deutscher Schäferhund, männlich, ca. 40 kg, geb. ca. 2021 ​

Ronny wurde allein auf einem Feld in Albanien gefunden – verloren, hungrig, orientierungslos. Heute zeigt sich Ronny als unglaublich cleverer, lernfreudiger und mutiger Begleiter. Er liebt es, zu arbeiten, Neues zu lernen und draussen unterwegs zu sein. Zuhause ist er ruhig, stubenrein, verschmust und sucht aktiv die Nähe zu Menschen – auch mit Kindern kommt er wunderbar klar. Autofahren liebt er genauso wie Spaziergänge in der Natur. Mit anderen Hunden braucht Ronny noch Zeit und Geduld – hier zeigt er sich gelegentlich reaktiv. Aber mit Training und klarer Führung ist das ein Thema, an dem gut gearbeitet werden kann. Er braucht hundeerfahrene Menschen, idealerweise mit Schäferhund-Erfahrung, die bereit sind, ihn zu fördern und ihm ein stabiles, liebevolles Zuhause zu schenken.​ Ronny ist ein junger Hund mit grossem Herzen und klugem Kopf – und er ist bereit, seine Menschen zu finden.

Bärbel

ca. 2 Monate alt, weiblich

Bärbel wurde als kleines Kätzchen beinahe entsorgt. Sie ist mutig, neugierig und hat sich blitzschnell eingelebt. Bärbel lebt aktuell in einem sicheren Gästezimmer, wo sie sich geborgen fühlt und von dort aus die Welt entdeckt – ob in der Wohnung oder draussen im Garten. Bärbel ist verspielt, zutraulich und zeigt schon jetzt, wie viel Lebensfreude in ihr steckt. Sie darf voraussichtlich Ende des Jahres ausreisen.

Fritz

ca. 1 Monat alt, männlich

Fritz wurde am Strand von einem Tourist*innenpaar gefunden – sie wussten nicht, was sie tun sollten, und posteten kurzerhand ein Foto auf Instagram. Heute lebt Fritz zusammen mit Bärbel und seitdem blüht er richtig auf. Er orientiert sich stark an ihr, kuschelt viel und zeigt immer mehr von seinem liebevollen Wesen. Fritz ist ein sanfter, verschmuster kleiner Kater, der noch ein bisschen Zeit braucht, um ganz aus sich herauszukommen. Aber mit Geduld und Liebe wird er ein treuer Begleiter. Er darf – je nach Entwicklung – Ende des Jahres ausreisen.

22. Juli 2025

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