Hören
In Schweizer Freibädern dürfen sich Draufgänger*innen schon früh unter Beweis stellen. Nachdem man den ganzen Tag lang seitwärts ins Becken gesprungen ist, ist dann der nächste Coup, die Lautsprecherdurchsagen zu ignorieren, die behaupten, dass unter Sechzehnjährige ohne erwachsene Aufsichtsperson nun langsam nach Hause müssen. Ein bedenkliches Ausmass an krimineller Energie, und das schon im Kindesalter. Zeit spielte keine Rolle. Die Lautsprecherdurchsagen verlieren nicht an Magie, nur weil man erwachsen geworden ist. Sie sind praktisch, wenn man keine Uhr (Zeit spielt keine Rolle!) dabeihat. Und sie bieten eine beinahe unendliche Auswahl an Ansprechmöglichkeiten. Liebe Badegäst*innen, geschätzte Sonnengeniesser*innen. Verehrte Sommerkinder, guten Abend, liebe Steuerzahler*innen, Ansage ohne Unterschrift gültig.

Fühlen
An der Schlange zur Pommes-Abholstation sah ich kürzlich einen Mann, der seinen Kopf schräg legte und mit einer geschickten Handbewegung versuchte, das Wasser in seinen Ohren loszuwerden. Das rekapitulierte mich augenblicklich in die Zeit meiner Kindheit zurück. Ich erinnere mich an physische Empfindungen, die es so nur im Freibad gibt. Wenn man sich beispielsweise den grossen Zeh am heissen Beton anstösst. Oder barfuss aus Versehen auf eine Nacktschnecke tritt. Das unangenehme Kribbeln im Nacken, wenn die Verkäuferin am Süssigkeitenstand mit einer Plastikzange probiert, zwei saure Zungen voneinander zu trennen. Verschrumpelte Hände und rote Augen.

Schmecken
Kulinarische Verpflegung in der Badi ist ein Politikum. Als ich ein Kind war, war es immer zu teuer. So teuer, dass ich eine Portion Pommes mit Ketchup nur in den Situationen bekam, wenn gerade der Mond, die Sterne und der SMI in der richtigen Konstellation zueinanderstanden. Was gleichzeitig auch dafür sorgte, dass die Badi-Verpflegung von so einer Exklusivität umhüllt war, dass sie beinahe schon deswegen alle Michelin-Sterne der Welt verdient hätte. Dann als Erwachsene wieder ein Politikum. Das Essen ist zu teuer, zu ungesund, zu vegetarisch, zu schlecht, zu salzig, zu irgendwas. Aber allem voran: eine Enttäuschung. Die Qualität von einer Glace steigt auch nicht exponentiell mit der Anstehdauer an der prallen Sonne an.

Sehen
Wer sich mit den optischen Besonderheiten der unzähligen Schweizer Freibäder auseinandersetzen möchte, vergeudet womöglich seine Zeit. Es gibt gefühlt einen Prototyp an Badi, der über das ganze Land ausgelegt und recycelt wurde. Ab und zu findet man aber auch in ein Freibad, das besonders ist. Die schaffen es dann jeweils in einen Leitfaden für die schönsten Badis. Dort ist das Gras dann noch grüner, das Wasser noch babyblauer, die Schultern noch krebsroter und die Pommes noch kanariengelber.

Riechen
Das Beste habe ich mir bis zum Schluss aufgespart. Riechen natürlich! Der Leimgeruch der Panini-Bilder. Chlor, wenn der Wind gerade richtig weht. Sonnencreme natürlich. Es gibt nichts, das so riecht wie Sonnencreme. Es gibt sogar Parfüm, das den Geruch von Sonnencreme imitieren soll. Das Gras nach dem Regen. Ab und zu eine Grillstelle nicht weit entfernt. Und manchmal auch die Sonne. Während langen, heissen Sommern hatte ich manchmal sogar das Gefühl, ich könnte die Sonne riechen. Eine Mischung aus Erdbeerkuchen, Passionsfrucht und feuchter Erde.

24. August 2026