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Von Tankstellen und Fremdenhass

Ein rechter Leitfaden bezeichnet die Schweiz als das intelligenteste und innovativste Land. Ein Besuch im Swissminiature zeigt: Da könnte etwas dran sein. So lange wir nicht weiter als bis zur nächsten Autowaschanlage schauen.

Von Lea Schlenker

Ich finde es manchmal schwierig, die Schweiz als ein Land ernst zu nehmen. Das ist nicht per se negativ gemeint. Aber als ich das erste und bisher einzige Mal das Swissminiature im Tessin besucht habe, ist mir etwas aufgefallen. Eigentlich sogar mehrere Dinge. Zum einen gibt es viel in der Schweiz, das ich noch nicht gesehen habe. Wenn ich durch das Swissminiature laufe, kenne ich bloss einen Bruchteil der vielen typisch-schweizerischen Attraktionen. Ich kenne aber die Teufelsbrücke, in deren Saga die Schweizer*innen ihren womöglich ersten Handelsvertrag gebrochen haben. Europäische Union, seht nur, mit wem ihr da so geduldig verhandelt! 

Des Weiteren ist mir aufgefallen, dass eine Autobahnraststätte als Wahrzeichen präsentiert wurde. Sie befindet sich in Würenlos, wo ich nie genau weiss, ob das jetzt in Zürich oder im Aargau liegt. Vielleicht so eine konfuse Mischform wie der Oberaargau. Der inoffizielle Name für dieses Etablissement lautet Fressbalken. Finde ich pragmatisch und konsequent. Die Raststätte verläuft wie ein schwebender Balken über die A1 und wird dort gefressen. Allerdings hat sich auch schon die Aargauer Zeitung gefragt, ob wir uns hier nicht von einer etwas eleganteren Seite zeigen könnten. Sogar Sprachwissenschaftler wurden zu Rate gezogen. Diese geben Entwarnung. Zum Glück. Dann bleiben einem mehr kognitive Kapazitäten, sich über die Abzocker-Rösti im Marché zu ärgern und darüber, dass alle anderen so böse schauen, wenn man vor der Bezahltoilette über das Drehkreuz springen will.

Vielleicht scheint es, als würde ich mich über die Schweiz lustig machen. Das stimmt aber nicht ganz. Einer meiner Lieblingstexte von mir beschreibt hochemotional das Stadtbild von Zürich und die Schliessung der Silberkugel, ein Lokal wie aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt. Ich lese von der Schliessung der Stützliwösch in Altstetten und schreibe innerlich eine Grabrede auf den lasziv-grinsenden roten Käfer. Die Verbrennung des Schneemannes, der die Qualität des Sommers basierend auf der Explosionszeit seines Kopfes vorhersagen kann, schaue ich mir im Livestream an. Meine Freund*innen vor Ort grillieren anschliessend Würste auf den verbleibenden Resten des Scheiterhaufens. Was ich damit sagen will: Wenn ich mich über die Schweiz lustig mache, kann sich die Schweiz gerne auch über mich lustig machen. Ich weiss natürlich schon längst, dass wir tief in uns alle aus Wallisellen kommen. Und wenn der Zett bereits im Playoff-Halbfinale verduften muss, ist da schon ein kleines bisschen kantonale Identität in mir drin, die ich sonst eigentlich immer versuche, mit Berner Mandelbärli zu begraben. 

Eine meiner besten Freundinnen ist Französin. Wir reden manchmal über unsere Nationalitäten. Wenn ich über die Schweiz rede, betone ich das massive Privileg, dass ich im reichsten Land der Welt aufgewachsen bin. Aber, wenn ich darüber nachdenke, wie viel braunes Gedankengut unter den schneeweissen Bergspitzen liegt, wird’s schwierig. Wenn ich höre, wie weisse, alte, sehr reiche Männer Pläne im Bereich Zuwanderung schmieden. Dazu gibt es ein bisher unveröffentlichtes White Paper, das an einer Tagung des «Vereins Zivilgesellschaft» im UBS-Zentrum Wolfsberg diskutiert wurde. Man könnte ja Migrant*innen nach Punktesystemen bewerten. In politisch instabilen Gebieten Superzonen errichten, in denen sich die Möchtegern-Schweizer*innen beweisen können. Dort dürfen sie dann für die Schweiz arbeiten, ohne hier Wohnraum oder Versicherungsleistungen zu stibitzen. Die Schweiz sei das intelligenteste und innovativste Land der Welt. Da darf nun mal nicht jeder tagtäglich beim Fressbalken Rösti mit Bratwurst konsumieren. Wo kämen wir auch hin? Das wäre wohl auch der feuchte Traum der Initiant*innen der Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz». Danke für den Gotthard-Tunnel, ab jetzt übernehmen wir. Im Stau stehen wir dann lieber unter uns. 

Alexander Osang beschreibt in einer seiner Kolumnen für den SPIEGEL eine Hausdurchsuchung, die er mal über sich ergehen lassen musste. Er schreibt darin über drei deutsche Gefühle, die sich in seiner Brust ausgebreitet haben: die Angst, das schlechte Gewissen und den Grössenwahn. Ich möchte gerne auch drei Schweizer Gefühle für mich definieren. Grössenwahn und Angst sind leider schon vergeben. Daher: Dankbarkeit, Enthaltsamkeit und Eigenbrötlerei. Das ist schon sehr praktisch, da es alles Gefühle sind, die sich sowohl positiv als auch negativ interpretieren lassen können. Wie doch so vieles in diesem Land. Auf der einen Seite können wir schon etwas traurig sein, dass eine Autowaschanlage in Altstetten ihre Türen schliesst. Auf der anderen Seite können wir uns freuen, dass die SBB dort ein Bauprojekt für Industrie und Wirtschaft startet. Mehr Arbeitsplätze für das intelligenteste und innovativste Land der Welt. Und für eine Bratwurst können wir ja auf den nächsten Zürcher Scheiterhaufen warten. Oder kurz an die Autobahnraststätte. 

04. Juni 2026

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